https://www.faz.net/-1rp-92me7
Anzeigensonderveröffentlichung

Interview : „Funktionsuntüchtige Löschwasserleitungen und Gasleitungen in den Fluchtwegen“

Bild: lom/Thinkstockphoto

Energiespar-Experte Werner Eicke-Hennig, erklärt, warum der innere Brandschutz und die Feuerwehr zur Vermeidung von Katastrophen wie dem Brand des Londoner Grenfell Tower entscheidend sind und der Dämmstoff nicht die Brandursache war.

          5 Min.

          Beim Brand des Londoner Grenfell Towers am 14. Juni 2017 starben 80 Menschen. Für den Hochhausbrand wird in Deutschland derzeit der Dämmstoff Polystyrol verantwortlich gemacht. Zu Recht?

          Am Grenfell Tower war kein Polystyrol verbaut, es brannte dort die spezielle Wetterschutzbekleidung, ein amerikanisches Patent mit leicht brennbarem PE als aussteifendem Kern zwischen zwei Aluminiumplatten. Auch war die Fassadenkonstruktion kein Wärmedämmverbundsystem (WDVS), sondern eine Vorhangfassade. Das wurde hier in Deutschland vor allem durch Fehlinformationen einiger Feuerwehrverbände  fälschlich auf das Polystyrol umgemünzt.

          Bild: Energieinstitut-Hessen

          Flammen, die sich wie eine Fackel die Fassade hochfressen – was könnte der Grund für die Brandkatastrophe in London gewesen sein?

          Der eigentliche Grund ist ein sozialer: Es brannte ein mit Flüchtlingen und Asylbewerbern vollgestopftes Hochhaus, dessen Bewohner seit Jahren gegen unvorstellbare Brandschutzmängel im Innern protestiert hatten. An der Fassade wird bei einem Hochhaus der Brand immer aus den Fenstern heraus nach oben – sozusagen von Fenster zu Fenster – geleitet. Das geht bei der mächtigen Thermik an der Fassade hoher Gebäude sehr schnell. In London wurde dieser physikalisch zwingende Prozess durch die Wetterschutzplatten beschleunigt, scheinbar auch um das Gebäude herumgetragen. Der dort eingebaute Dämmstoff PIR brennt nur dann, wenn eine Zündquelle anliegt, und dann auch sehr zögerlich. Man sieht es daran, dass die Dämmplatten im Bereich der Brandentstehung im vierten Stockwerk noch erhalten sind, erst weiter oben wurden sie von den sich addierenden Flammen aus den Fenstern und den aufsteigenden Brandgasen dezimiert, sind aber trotzdem in gewisser Dicke noch erhalten. Es war also doppelt falsch, dass die Feuerwehrverbände den falschen Dämmstoff beschuldigten.

          Könnte ein Brand in einem vergleichbaren Haus auch in Deutschland derart außer Kontrolle geraten?

          In Deutschland sind nur nichtbrennbare Materialien an der Fassade von Hochhäusern zugelassen. Der Brand eines ungedämmten Hochhauses 1974 in São Paulo zeigte jedoch, dass diese Unbrennbarkeit keine absolute Sicherheit bietet. Der Brand verheerte das Hochhaus vom 12 bis zum 25 Stock in 30 Minuten von innen und nach oben von Fenster zu Fenster springend über die Fassade. Die war aus Beton und einem unbrennbaren Wetterschutz. Entscheidend im Hochhaus ist also der vorbeugende innere Brandschutz und eine sehr schnelle Feuerwehr. Nur ein Beispiel, auf was es unter anderem ankommt: In London waren die auf allen Etagen vorhandenen Löschwassersteigleitungen funktionsuntüchtig und Gasleitungen in den Fluchtwegen verlegt.

          Auch viele Besitzer von Einfamilienhäusern sind jetzt verunsichert über die Berichte von Bränden im Fernsehen. Kann man heute noch verantworten, die Fassade eines Einfamilienhauses mit Styropor zu dämmen?

          Der Frankfurter Feuerwehrchef Reinhard Ries sagt dazu eindeutig ja. Bei Einfamilienhäusern gibt es keine Anforderungen an die Fassadenbekleidung. Das ist keine Nachlässigkeit des Staates, sondern hängt mit den Brandverläufen zusammen, eine nichtbrennbare Fassade bringt bei Gebäuden geringer Höhe keine zusätzliche Sicherheit: 95 Prozent aller Einfamilienhausbrände sind Zimmerbrände, die das Haus im Innern bis ins Dach verheeren. Und wenn in den seltenen Fällen draußen die Mülltonne, ein Holzschuppenanbau oder der Carport brennen, schlagen die Flammen wegen des kurzen Abstandes direkt auch ins Dach oder zerstören die Fenster vor, denen sie stehen, und erzeugen wieder Zimmerbrände, die das Haus von innen verheeren. Da wäre eine unbrennbare Dämmung kein Schutz.

          Müssen Hauseigentümer, die in einem Einfamilienhaus wohnen, das bereits mit Styropor gedämmt wurde, etwas Besonderes beachten?

          Wir haben zwei Brandursachen in den letzten Jahrzehnten heranwachsen lassen: immer mehr Müll am Haus und geparkte Autos. Es kann sich jeder selbst überlegen, ob er seine Mülltonen in eine Box oder abseits der Fassade aufstellt. Beim Auto wird es schon schwieriger. Die Bedeutung von Bränden und die Gegenmaßnahmen des vorbeugenden Brandschutzes kann man aber nur in einer Risikobetrachtung einschätzen. In Deutschland gibt es jährlich 1,8 Brandfälle, bei denen durch einen Primärbrand auch eine Fassade aus Polystyrol mitbrennt. Meist mit geringem Umfang, aber spektakulär rauchend. Brandtote hat es dadurch noch nie gegeben, die Zahl der Brandtoten hat sich seit 1980 halbiert, obwohl immer mehr Fassaden gedämmt werden. Ich warne sehr vor „Brandrednern“, die die seltenen spektakulären Brandfälle immer wieder zum Anlass nehmen, um Hauseigentümer verrückt zu machen. Das Risiko eines Fassadenbrandes mit Polystyrol ist sehr klein: 1,8 Brandfälle auf 180.000 Brände pro Jahr. Hauseigentümer können ihr Risiko also selber einschätzen. Die größte Brandgefahr sind immer noch der Mensch und seine Elektrogeräte, und auch die sind weitaus sicherer als ein offenes Feuer, die Öllampe oder der Kienspan in der Vergangenheit.

          Bis 2050 sollen alle Gebäude in Deutschland laut Energie-Einsparverordnung energetisch klimaneutral sein. Bestandsbauten müssen dann nachträglich gedämmt werden. Dabei können Bauherren neben dem umstrittenen Dämmstoff Polystyrol auch andere Materialien verwenden. Womit lassen sich Fassaden alternativ dämmen?

          Es gibt über 30 Dämmstoffarten, mehr als 12 davon können für die Fassadendämmung herangezogen werden. Niemand schreibt Polystyrol als Fassadendämmstoff vor. Es ist allein der günstige Preis, seine feuchtetechnische Robustheit und die leichte Verarbeitbarkeit, die ihn zum Dämmstoff Nummer eins an der Fassade gemacht haben.

          Welche nachwachsenden Materialien lassen sich zum Dämmen verwenden?

          Eine große Bandbreite von Strohballen über Hanf, Kork, Schilf, Holzfaser, Wiesengras, Zellulose, Rohrkolben, Holzspäne usw. Ihr Marktanteil liegt jedoch seit nunmehr 40 Jahren nur bei 5 bis 7 Prozent. Ursache ist vor allem ihr Preis und die geringe „Wertschätzung“ durch die Haubesitzer. Übrigens brennen alle diese Stoffe auch und sind meist als normalentflammbar eingestuft, was aber bei kleinen Gebäuden, wo sie ihren Markt finden, kein Problem darstellt, genauso wie beim Polystyrol.

          Wie unterscheiden sich die nachwachsenden Stoffe in puncto Haltbarkeit, Kosten, Raumklima?

          Dämmstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen haben keine besonderen Vorteile, sondern auch nur wieder Vor- und Nachteile, wie bei jedem Bauprodukt. Gleichwohl ist es nicht falsch, sich für Dämmstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen (Nawaro) zu entscheiden. Man macht nichts verkehrt, wenn man die jeweiligen technischen Bedingungen beachtet. Man muss allerdings bereit sein, bei einzelnen Dämmstoffen einen bis um den Faktor drei höheren Preis zu tragen. Allerdings stehen sie nicht in ausreichender Menge zur Verfügung, unter anderem gibt es an ihre Nutzung viele konkurrierende Ansprüche oder konkurrierende Flächenansprüche beim Anbau. In einer Art mittelalterlicher Baumystik werden den Dämmstoffen aus nachwachsenden Rohstoffen besondere Qualitäten in puncto Wohngesundheit und Raumklima nachgesagt. Das sind reine Bauchgefühle ohne Nachweis. So speichert Lehm beispielsweise viel Feuchte, diese Eigenschaft können wir bei der begrenzten Feuchtefreisetzung in Gebäuden aber gar nicht nutzen, und weglüften müssen wir sie auch irgendwann, wie bei allen Baustoffen, die Feuchte absorbieren. So findet man folgerichtig heute im Internet viele Fotos von Schimmel auf Lehmputzen. Und der Holzfaserdämmung wird zum Beispiel eine besondere Qualität der sommerlichen Wärmespeicherung angedichtet. Solcherart gedämmte Räume seien kühler, wird ohne jegliche Untersuchungsergebnisse behauptet. Als dann endlich Versuche an Gebäuden gemacht wurden, zeigte sich diese Qualität aber nicht. Trotzdem wird diese falsche Behauptung ständig weiterbenutzt, obwohl das Mittelalter schon lange vorbei ist und dieses baumystische Denken überwunden sein sollte. Ein gesundes Haus ist ein warmes, trockenes Haus, das wenig Heizenergie benötigt, die Außenluft sauberer macht und den Ölverbrauch reduziert. Für die Wärmewende brauchen wir in Deutschland an unseren 20 Millionen Gebäuden für ein bis zwei Jahrzehnte 100 Millionen Kubikmeter Dämmstoff pro Jahr. Dafür müssen alle Dämmstoffe herangezogen werden, die wir haben.

          Das Interview führte Dirk Mewis.