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Verlagsspezial

: Seehund ohne Ball

Bild: xijian/iStock

Ist künstliche Intelligenz überhaupt intelligent? Manche Experten halten die Bezeichnung für eine Marketing–Phrase und warnen vor zu hohen Erwartungen.

          An künstliche Intelligenz knüpfen sich völlig unterschiedliche Erwartungen. Der Siegeszug der Technologie ist zunächst beeindruckend. Ihre Geburtsstunde hatte sie zwar bereits in den 1950er Jahren. Dann aber dümpelte das Thema jahrzehntelang mehr oder weniger vor sich hin. Bis die Rechenpower von Computern so weit fortgeschritten war, dass sie riesige Informationsmengen sammeln und verarbeiten konnten – eine der Voraussetzungen für maschinelles Lernen, mit dem sich die Maschinen selbst trainieren. So liegt eine Stärke von KI darin, Muster in Daten zu erkennen – das kann sie inzwischen schneller und in immer mehr Fällen zuverlässiger als der Mensch. Optimistische Experten erwarten – und pessimistische fürchten –, dass die maschinelle Intelligenz um das Jahr 2030 herum die menschliche übertreffen könnte. Der Zukunftsforscher Ray Kurzweil bezeichnet diesen Sprung als Singularität.

          Gemach, sagt Christian Kohl. Der Berliner IT–Berater unterstützt Verlage und andere Unternehmen dabei, digitale Strategien und Geschäftsmodelle zu entwickeln und umzusetzen. KI sei in drei Stufen denkbar. Die unterste bilde die sogenannte schwache KI, die sehr spezifische Aufgaben genauso gut oder besser als der Mensch bewältigt. „Alle bislang bekannten Produkte und Services fallen in diese Kategorie“, urteilt der Computerlinguist. Danach komme die starke KI, die jede menschliche intellektuelle Leistung ebenfalls erbringen könnte – „aktuell nur ein theoretisches Konstrukt, das noch nicht existiert“. Dies gelte erst recht für die der menschlichen Denkfähigkeit überlegene Superintelligenz auf der dritten Stufe. Kohls Fazit: „Trotz aller Behauptungen von Marketingabteilungen hat niemand ‚eine KI‘.“ Bei den Angeboten handle es sich stets um Anwendungen, die Teilaspekte beherrschen. Es gebe auch keinerlei Anzeichen dafür, „dass uns in naher Zukunft eine Singularität bevorsteht – diese Szenarien stützen sich auf bloßen Optimismus, nicht auf Fakten“.

          „Sehr ernüchternd, was KI leisten kann“

          Mit seinem nüchternen Blick auf das Denkvermögen von Computern steht der Berliner Berater nicht allein. Andreas Blumauer ist Gründer und Chef der Semantic Web Company (SWC) in Wien, die Unternehmen dabei hilft, ihre Datenschätze zu heben – mit Hilfe kluger Algorithmen, die Inhalte „verstehen“, sortieren und so sinnvoll nutzbar machen. Unter den Kunden sind Schwergewichte wie Philips, Adidas oder Electronic Arts. Auch Regierungen zählen dazu. So hat SWC für Australien ein Portal für Gesundheitsinformationen entwickelt, ähnliche Projekte laufen in den Niederlanden und Großbritannien. Das Geschäft brummt, die Zahl der Mitarbeiter hat sich in den vergangenen Jahren auf 50 verdoppelt, eingebunden in ein großes Partnernetzwerk. Seit drei Jahren verzeichnet die Programmschmiede, die auch Mitveranstalterin der Fachkonferenz Semantics in Karlsruhe ist,  jeweils 35 Prozent Wachstum.

          Mit dem Begriff künstliche Intelligenz will Blumauer trotzdem „möglichst sparsam umgehen“. Gemessen beispielsweise an den Lernziel-Taxonomiestufen nach Bloom, die menschliche Lernfähigkeit einteilen, sei es „sehr ernüchternd, was KI leisten kann – die in dieser Skala beschriebene Transferleistung sehe ich bei Maschinen nicht“. Und Blumauer setzt noch einen drauf: „KI hat überhaupt nichts mit Intelligenz zu tun – das sind Rechenautomaten." Die Verwendung des Begriffs hält er für einen „Trick der IT-Industrie" und eine Metadiskussion für notwendig. Was derzeit an Intelligenz verkauft werde, sei in Wirklichkeit nur Klassifikation. Selbst Programme, die neue Logos oder Musikstücke entwickelten, seien nicht wirklich innovativ und würden nur Ableitungen von Bekanntem liefern. Der Semantik-Experte greift zu einer Analogie: „Man kann einen Seehund trainieren, dass er Bälle auffängt, das kann er wunderbar nach einer gewissen Zeit. Aber wenn man ihm dann einen Würfel hinwirft, ist er völlig überfordert.“

          Keine Singularität heraufbeschwören

          Ganz verzichten könne ein Unternehmen wie SWC auf die Bezeichnung KI nicht, da es dafür einfach einen Markt gebe. Aber „man sollte darüber nachdenken, ob man bei diesem Begriff bleiben will“. Als Alternative schlägt Blumauer Augmented Intelligence vor, angereicherte Intelligenz. Da dies „den Menschen zurückbringt in die Schleife“. Die Wortschöpfung würde der Maschine gewissermaßen wieder ihren Platz als Hilfsmittel des Menschen zuweisen, was sie ja immer war. Statt eine Singularität heraufzubeschwören, biete dies etwas für beide Fraktionen, für die Skeptiker ebenso wie für jene, die Abläufe automatisieren wollen.

          In jedem Fall lohnt sich für Unternehmen und Investoren, die sich für KI interessieren, ein Blick unter die Motorhaube der offerierten Lösungen: Wie eine Studie der Londoner Investmentfirma MMC Ventures kürzlich ergab, ist bei etwa 40 Prozent aller KI-Start-ups nicht zu erkennen, dass KI auch tatsächlich eine Rolle im Angebot spielt. Zwar bezeichnen sich die betroffenen Firmen nicht in allen Fällen selbst als KI-Schmiede, aber, so mutmaßen die Autoren, unzutreffende Beschreibungen würden wohl auch nicht richtiggestellt, weil der Begriff derzeit attraktiv für Investoren ist.

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