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Verlagsspezial

: Schweden: Das Geheimnis der digitalen Wikinger

Bild: hocus-focus/iStock

Mit Schweden ist ein digitaler Trendsetter das diesjährige Partnerland der Hannover Messe. Skype, Spotify, Klarna und viele weitere milliardenschwere Start-ups stammen aus dem hohen Norden. Was macht die Schweden so erfolgreich?

          Schweden verbinden viele mit Ikea und Köttbullar, großen Waldgebieten, Seen, langen Küstenlinien oder dem Königshaus. Dass Schwedens Hauptstadt Stockholm mit seinen 2,2 Millionen Einwohnern ein großer Hotspot der Tech-Industrie ist, wissen dagegen meist nur Technikfreaks oder Investoren. Die renommierte Wharton School of Business bezeichnete Schweden 2015 in einer Studie als „Unicorn-Fabrik“ – sprich als Produktionsstätte für Start-ups, die mindestens eine Milliarde Dollar wert sind. Auch im Silicon Valley, der Heimat der größten Start-ups, richtet man gern einen Blick nach Nordeuropa und auf die dortigen technologischen Entwicklungen. Immerhin hat Schweden nach dem Silicon Valley weltweit pro Einwohner die höchste Anzahl an „Unicorns“.

          Kein Wunder, dass kapitalkräftige Firmen aus anderen Ländern gerne in Stockholm auf Einkaufstour gehen und sich erfolgreiche Unternehmen einverleiben. Bekanntestes Beispiel ist der Instant-Messaging-Dienst Skype, der 2011 für 8,5 Milliarden Dollar von Microsoft übernommen wurde. Skype ist vor allem den Jüngeren oft gar nicht mehr als Entwicklung aus Schweden, sondern vielmehr als Microsoft-Dienst bekannt. Und Minecraft? Das populäre Videospiel wurde ebenfalls im europäischen Norden erfunden und gehört wie Skype heute zu dem amerikanischen Softwarekonzern. Ein anderes Beispiel: Paypal kaufte 2017 den Mobilbezahldienst iZettle. Eigenständig blieben hingegen Start-ups wie der Online-Bezahldienst Klarna, der lieber selbst andere Firmen übernimmt, oder der Musikanbieter Spotify, der 2018 beim Börsengang stolze 26,5 Milliarden Dollar wert war.

          Der Erfolg dieser Gesellschaften lockt aber nicht nur die Amerikaner, die Geldgeber für die jungen Start-ups kommen aus aller Welt. Selbst die schwedische Kirche, die traditionell eher defensiv anlegt, glaubt an den Erfolg der heimischen Start-ups und investiert in diese.

          Über Landesgrenzen hinweg denken

          Für Gründer sind Skype, Spotify, Klarna & Co die großen Vorbilder. Deren Erfolgsstorys spornt sie zur Nachahmung an. Den mutigen Sprung wagen sie wohl wissend, dass das Sozialsystem sie auffängt. „Ein gutes Sicherheitsnetz ist gut für das Unternehmertum“, sagt Schwedens Arbeitsministerin Ylva Johansson. Denn wenn ein Projekt nicht erfolgreich sei, gehe man daran nicht zugrunde.

          Ein ganz anderer Grund für den globalen Erfolg der Start-ups ist der Denkansatz über die Landesgrenzen hinweg. Mit zehn Millionen Einwohnern im eigenen Land ist das Marktpotential relativ überschaubar, weshalb die Gründer meist bei der Entwicklung schon die Erschließung weiterer Märkte im Visier haben. So wird der Nachteil einer geringen Einwohnerzahl für die Unternehmer zu einem Vorteil. 

          Innovation ist ein großes Thema in Schweden, von politischer Seite gibt es breite Rückendeckung. Selbst in den Start-up-Hubs, den Büros in denen junge Gründer gemeinsam arbeiten, wie zum Beispiel bei ‚Startup People of Sweden‘, auch SUP46 genannt, werden Gründer von Behörden, Beratern und Geldgebern unterstützt. Und Start-up-Hubs, teils auch Accelerator oder Innovation-Lab genannt, gibt es vor allem in Stockholm reichlich.

          Vorreiter durch digitaler Gesamtstrategie

          Die Basis für Innovationen wurde früh geschaffen. Schweden war eines der ersten Länder mit einer digitalen Gesamtstrategie und bietet eine exzellente Infrastruktur. Bereits 1995 konnten die Schweden den Kauf eines privaten Computers von der Steuer absetzen, einige Jahre später folgte der Ausbau der Glasfasernetze. Zwischen 2005 und 2010 steckte die Regierung über einen Fonds 4,5 Millionen Euro in die Ausbildung der Lehrkräfte, um deren Kompetenzen im Bereich Informations- und Kommunikationstechnologie zu stärken. Mit 3,26 Prozent des Bruttoinlandsprodukts investiert das Land deutlich mehr in Forschung und Entwicklung als andere europäische Länder. Das Ziel der Europäischen Union liegt bei drei Prozent.

          „Schon 2002 besaßen drei Viertel aller schwedischen Haushalte einen eigenen PC – in Deutschland oder den USA waren es zu diesem Zeitpunkt noch weniger als zwei Drittel“, heißt es in der Studie „Smart Country – Vernetzt. Intelligent. Digital.“ der Bertelsmann-Stiftung. So hätten die Bürgerinnen und Bürger in Schweden weit früher als in anderen Ländern den Umgang mit digitalen Technologien erlernt. Damit das auch so bleibt, will die Regierung bis 2020 circa 95 Prozent aller Haushalte mit einem extra schnellen Breitbandzugang versorgen - auch in schwer zugänglichen Regionen.

          Der Ansatz der Politik zahlt sich offenbar aus. Vor neuer Technik haben die Schweden keine Scheu, mehr als 93 Prozent der Bürger nutzten 2016 das Internet. Der EU-Durchschnitt liegt bei 84 Prozent. In einer Umfrage der EU waren 80 Prozent der Schweden positiv gegenüber Robotern und Künstlicher Intelligenz eingestellt. Auf der Hannover Messe wird daher bei den Schweden nicht Köttbullar, sondern die Präsentation vieler Innovationen im Vordergrund stehen.

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