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Verlagsspezial

: Chance auf das Geschäftsmodell 4.0

Bild: ipopba/iStock

Was denkt die produzierende Industrie über die Digitalisierung? Wie hat sich Industrie 4.0 in der Praxis entwickelt? Die Ergebnisse einer vierten Umfrage in Folge unter mittelständischen und großen Unternehmen lassen aufhorchen.

          Jeder hat eine andere Vorstellung davon, welche Chancen Industrie 4.0 bieten kann. Für den einen geht es vor allem um IT-Sicherheit, andere denken an ein umfassendes digitales Upgrade der Fertigungsprozesse. Und ein Dritter beschäftigt sich schon mit dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Produktion. Um einen aktuellen Gesamtüberblick zu bekommen, hat EY erneut Entscheider in 500 Industrieunternehmen in Deutschland und der Schweiz zu ihrer Sicht auf Industrie 4.0 befragt.

          Zunächst die gute Nachricht: Acht von zehn Unternehmen bewerten das Thema als strategisch relevant und wollen 2019 noch mehr Geld als im Vorjahr in Industrie-4.0-Technologien investieren. Das ist positiv – aber auch nicht überraschend. Die Digitalisierung ist schon heute aus vielen Produktionsprozessen nicht mehr wegzudenken. Die Umfrage bestätigt erneut, dass die digitale Revolution unaufhaltsam ist und weiter Fahrt aufnimmt.

          Investment ins Sparen

          Interessant wird es beim Blick auf die Frage: In welche Technologien investieren die Unternehmen? Hier zeigt sich, dass ein eher traditionelles Verständnis vom Umgang mit digitalen Trends vorherrscht. 70 Prozent der Unternehmen gaben zum Beispiel an, das größte Potential von Industrie 4.0 in der Erhöhung der Produktionsflexibilität zu sehen, und 54 Prozent erwarten eine Steigerung der Gesamtanlageneffektivität (OEE). Unterm Strich bedeutet das: ein Investment ins Sparen, in Technologien, die schneller und effizienter funktionieren. Was aber zu kurz kommt, ist der Blick nach vorne – auf neue Geschäftsmodelle mit wirklich innovativen digitalen Ideen.

          Erst am Ende der Prioritätenliste der Unternehmen steht die „Entwicklung neuer Geschäftsmodelle“. Nur 22 Prozent der befragten Firmen glauben an dieses Potential. Erstaunlich ist dabei, dass sich diese Sichtweise im Verlauf der vergangenen vier Jahre nicht wesentlich geändert hat. Denn die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle sollte das wichtigste Ziel von Unternehmen sein, die auf Industrie 4.0 setzen. Hier liegen die wirklich großen Chancen, sich nachhaltig auf die digitale Zukunft einzustellen. Die Digitalisierung wird alles durchdringen: Fertigungsprozesse, Kundenbeziehungen, die gesamte Wertschöpfungskette. Die Unternehmen müssen stärker auf den Markt und das Produkt schauen: Was brauchen meine Kunden wirklich? Und weiter gedacht: Was brauchen die Kunden meiner Kunden?

          Bisher gibt es nur vereinzelte Beispiele für Pay-per-use-Modelle oder Serviceangebote, die auf Predictive Maintenance aufbauen und damit neue Wege beim Vertrieb und Betrieb von Produktionsanlagen eröffnen. Machine-to-Machine-Kommunikation, also Produktionsprozesse mit Anlagen, die über innovative Schnittstellen miteinander kommunizieren, eröffnet völlig neue Möglichkeiten für meine Kunden, um die zunehmende Produkt-Individualisierung für ihre eigenen Kunden zu realisieren. Nur wer im Maschinenbau heute über den Horizont der vollen Auftragsbücher hinausschaut, wird für die Zukunft gewappnet sein. Das gilt insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen, die KMU.

          Den Einstieg wagen

          Die Studie zeigt: Bei den KMU ist das Interesse an neuen digitalen Geschäftsideen deutlich geringer als bei Unternehmen mit 500 und mehr Mitarbeitern. Bei den Großen sahen 2018 immerhin 31 Prozent „großes Potential“ in der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle, im Vorjahr waren es 24 Prozent. Bei den KMU ist dieser Wert nur leicht von 20 auf 21 Prozent gestiegen. Natürlich ist es für ein großes Unternehmen einfacher, eine interne Task Force mit der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle zu beauftragen. Dennoch können gerade auch KMU die großen Möglichkeiten nutzen, die Industrie 4.0 bietet. Es müssen ja nicht gleich alle Facharbeiter mit Augmented-Reality-Brillen durch die Werkshallen laufen. Ein Anfang sind schon internetfähige Produktionsanlagen, die Beteiligung an einer der vielen bereits existierenden Plattformen und ein kluges Marketing mit Social-Network-Kommunikation.

          Das Engagement in Industrie-4.0-Netzwerken kann KMU helfen auszuloten, was zu ihnen passt. Zwei Beispiele: In der Rhein-Neckar-Region hat die Wirtschaftsförderung Mannheim das „Netzwerk Smart Production“ ins Leben gerufen, eine Innovationsplattform für Industrie 4.0. Und auf Landesebene arbeitet seit Ende 2018 der „Digital Hub Kurpfalz@BW“. Es gibt unglaublich viele solcher Plattformen auf regionaler, auf Landes- und auf Bundesebene. Hier trifft man auf Digitalexperten, Unternehmen mit ähnlichen Fragestellungen, potenzielle Partner – und auf die Chance, auch als kleines Unternehmen den Anschluss an das digitale Zeitalter zu halten.

          Stefan Bley ist Partner der Unternehmensberatung EY und berät Mandanten im Marktsegment Industrial Products (IP) in Deutschland, der Schweiz und Österreich.

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