https://www.faz.net/-imh-98xv1
Verlagsspezial

: Mobilität neu gedacht

Neue Nutzungsoptionen: Beim Konzeptfahrzeug „Snap“ lassen sich der autonom fahrende Untersatz und die Kabine voneinander trennen. Bild: Rinspeed

Frank M. Rinderknecht ist Gründer und CEO der Schweizer Rinspeed AG. Und ein Vordenker: Mit seinem neuesten Konzeptfahrzeug „Snap“ kreiert er ein völlig verändertes Ökosystem, das über die reine Mobilität weit hinausgeht. Ein Interview.

          3 Min.

          Herr Rinderknecht, Sie entwickeln mit Ihrem Unternehmen Rinspeed schon seit fast 40 Jahren visionäre Mobilitätskonzepte – was ist aus Ihrer Sicht das derzeit drängendste Problem, das angegangen werden muss?
          Das ist ganz klar der Umweltschutz. Dabei genügt es aus meiner Sicht nicht, dass einzelne Länder einzelne Maßnahmen treffen. Um die schädlichen Emissionen wirklich zu reduzieren, muss die Welt zusammenrücken und gemeinsam aktiv werden.

          Was also tun?
          Die Grundfrage ist doch: Wann kommt es zu Veränderungen? Der Mensch ist bequem, denkt in erster Linie an sich und verschließt gerne die Augen vor der Realität. Wir alle haben uns doch in den vergangenen Jahrzehnten an Stau und Umweltverschmutzung gewöhnt. Eine Veränderung passiert nur dann, wenn der Mensch Leidensdruck erfährt – etwa weil die Kosten für Mobilität steigen oder weil regulatorische Maßnahmen ihn zum Umdenken zwingen.

          Sie haben sich mit Ihrem neuesten Konzeptfahrzeug „Snap“ bereits Gedanken über die Zukunft der Mobilität gemacht. Was hat es mit dem Namen auf sich?
          „Snap“ bedeutet ins Deutsche übersetzt Schnipsen. Der Begriff ist positiv besetzt, denn wir verbinden damit, dass etwas leicht und schnell geht. Das passt wiederum in das Designkonzept für das Fahrzeug, das ein völlig neues Mobilität-Ökosystem abbildet.

          Querdenker: Seit fast 40 Jahren entwickelt der Schweizer Frank M. Rinderknecht visionäre Mobilitätskonzepte.
          Querdenker: Seit fast 40 Jahren entwickelt der Schweizer Frank M. Rinderknecht visionäre Mobilitätskonzepte. : Bild: Rinspeed

          Was heißt das?
          „Snap“ ist nicht nur ein Fahrzeug, sondern Bestandteil eines weitaus größeren Systems. Die alterungsanfällige Hard- und Software ist in der nutzungsintensiven Fahrplattform untergebracht – genannt „Skateboard“. Die langlebige Fahrgastzelle, das „Pod“, ist davon getrennt und kann auf ganz viele verschiedene Arten genutzt werden. Zum Beispiel als Shopping-Pod, Camping-Pod, Meeting-Pod. Während das Fahrzeug heute nur unnütz herumsteht, wenn es nicht gerade gebraucht wird, kann so jeder seine Skateboards und Pods anbieten und je nach Bedürfnis kombinieren. Es entsteht also ein ganz neuer, offener Marktplatz für Mobilität, aber auch Immobilität.

          Apropos Offenheit: Die Hannover Messe steht unter dem Motto „Connect & Collaborate“. Wie wichtig ist die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Unternehmen, wenn es um die Mobilität der Zukunft geht?
          Partnerschaften sind ein absolutes Muss. Kein Unternehmen kann heute die ständig wachsenden Anforderungen, gerade im IT-Bereich, allein erfüllen. Das würde den Rahmen in Bezug auf Kosten und Aufwand völlig sprengen. Daher sollten sich Unternehmen lieber auf die Suche nach den passenden Partnerschaften machen, die die eigenen Leistungen ergänzen.

          Wie viele Unternehmen waren an der Entwicklung von „Snap“ beteiligt?
          Das waren rund 20 Partner, die ganz unterschiedliche Gewerke beigesteuert haben. Das umfasste alles, was heutzutage für automatisiertes Fahren und E-Mobilität benötigt wird – also Sensorik, Navigation, drahtlose Vernetzung, Fahrzeugladekabel. Aber auch die optimalen Materialien für die  Innenausstattung des Konzeptfahrzeugs wurden von Partnerunternehmen zugeliefert. 

          „Zusammenarbeit“ lässt sich auch noch anders interpretieren – nämlich zwischen Mensch und Roboter. Könnte in Zukunft etwa ein „Personal Assistant“ neben uns im Auto sitzen?
          Das ist eine gute Frage. Hier schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Ich nutze schon seit ewigen Zeiten Notebook, Pad und Smartphone. Und ich bin dankbar um die Erleichterung, die mir diese technischen Geräte im Alltag verschaffen. Aber ich habe kein Bedürfnis, dass mein Notebook nun mit mir kommuniziert und beispielsweise einen Guten Morgen wünscht. Daher sehe ich auch keinen Grund, weshalb es das Auto jetzt plötzlich tun muss. Zumal in der Kommunikation zwischen Mensch und Maschine noch viel verbessert werden muss. Bei einer Begegnung zwischen Menschen entstehen gewisse Schwingungen, die eine Maschine so gar nicht spüren kann. Denn je nach Tagesform weicht die Person von ihrer üblichen Routine ab. Ich als Mensch merke dann meistens, wenn mein Gegenüber in Ruhe gelassen werden möchte, auch wenn er das so nicht ausspricht. Eine Maschine nicht.  

          Bild: Rinspeed

          Bei der Frage des vollständig autonomen Autos scheiden sich die Geister. Werden sich vollautonome Systeme ohne menschliche Supervision wirklich durchsetzen?
          Ja, definitiv. Das ist nur eine Frage der Zeit. In Kalifornien sind Autos ohne Lenkrad und Pedale seit kurzem bereits für Testfahrten zugelassen. Das heißt, es braucht nicht wie bisher einen Sicherheitsfahrer an Bord, der im Notfall eingreifen kann. Die Firmen müssen aber nachweisen können, dass ihre Fahrzeuge gewisse Sicherheitsstandards erfüllen und zum Beispiel gegen Hackerangriffe geschützt sind. Die Diskussionen rund um autonomes Fahren werden sicherlich nicht ohne Nebengeräusche vonstattengehen – aber die gehören dazu. Neben dem autonomen Fahren wird uns auch das automatisierte Fahren weiter beschäftigen. Hier müssen aber keine drängenden Probleme gelöst, sondern die technischen Assistenzsysteme weiter verbessert werden. Dabei sollte der Hauptmehrwert für den Menschen nicht aus den Augen verloren werden: Zweckmäßigkeit und Komfort. 

          “If you can dream it, you can do it" lautet eine der Weisheiten, nach der Sie leben. Wovon träumen Sie beim nächsten Concept Car?
          Für mich ist es unheimlich wichtig, dass ich in meiner Arbeit geistig wachsen kann. Ich suche also immer nach neuem Input. Wo lassen sich Grenzen verschieben? Wie können wir noch einen Schritt weiter gehen? Mit jedem Fahrzeug oder Mobilität-Ökosystem suche ich nach Ebenen, in die noch keiner vorgedrungen ist. Und dabei wird eins klar: Der bequeme Weg ist nicht der beste Weg.

          Das Interview führte Christina Lynn Dier.

          Topmeldungen

          Sensorjacke im Test: Die Gläserne Manufaktur von Volkswagen und das Dresdner Start-up Wandelbots arbeiten an einem neuen Verfahren zur schnelleren Programmierung von Industrierobotern. Dazu sind Kleidungsstücke mit verschiedenen Sensoren bestückt.

          : Immer mehr Co-Bots im Einsatz

          Mensch und Maschine rücken in der Produktion immer näher zusammen: Industrie und Forschung verbessern stetig die Einsatzmöglichkeiten von sogenannten Co-Bots. Die modernen Roboter helfen auch beim Sprung in eine neue Produktionslogik.
          Ganzheitlicher Ansatz: Damit die Umwelt wirklich entlastet wird, sollten Elektroautos nicht nur mit sauberer Energie geladen werden – schon bei der Produktion muss sichergestellt sein, dass nur grüne Energie zum Einsatz kommt.

          : Von der Quelle zum Rad

          Energieerzeugung, Speicherung und Verwendung – bei der Debatte um die Elektromobilität ist der Blick auf die gesamte Energiekette entscheidend.
          Cybersicherheit als oberste Priorität: Sieben von zehn Unternehmen und Institutionen in der Bundesrepublik sind 2016 und 2017 von Cyberkriminellen angegriffen worden.

          : Die digitale Welt sicherer machen

          Mit gemeinsamen Regeln und Standards für mehr Cybersicherheit will die Industrie den digitalen Wandel vorantreiben.
          Professor Dr. Günther Schuh

          : „Günstige Elektroautos für jedermann“

          Warum tritt die Elektromobilität in Deutschland auf der Stelle? Und wie ist es möglich, schnell und günstige Elektroautos zu bauen? Ein Interview mit Professor Dr. Günther Schuh, Geschäftsführender Direktor des Werkzeugmaschinenlabors der RWTH Aachen sowie Gründer und CEO der e.GO Mobile AG.