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Verlagsspezial

: Mensch gegen Maschine?

Historischer Wendepunkt: Das Go-Genie Lee Sedol musste sich in allen fünf Partien des strategischen Brettspiels gegen die Google-Software AlphaGo geschlagen geben – ein klarer Sieg also für die Künstliche Intelligenz. Bild: picture alliance/AP Photo

Die Intelligenz der Maschine übersteigt in immer mehr Bereichen die kognitive Leistungsfähigkeit des Menschen. Dadurch verändern sich auch die Arbeitsprozesse spürbar. Welche Folgen hat das?

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          Spätestens seitdem die Google-Software AlphaGo im März 2016 den seinerzeit amtierenden südkoreanischen Go-Weltmeister Lee Sedol geschlagen hat, erkennt man den Fortschritt auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz an. Bis dato galt das Spiel als zu variantenreich, als dass ein Computer eine Chance gegenüber einem Spitzenspieler hätte haben können. Selbstlernende Systeme wie AlphaGo sind mittlerweile aber in der Lage, Daten so zu kombinieren, dass sie eigenständig neue Varianten hervorbringen können – und sind damit auch gegenüber Experten in Erfahrung und Kombinatorik überlegen. Das heißt aber nicht, dass es von einer Überordnung des Menschen zu seiner Unterordnung unter die Maschine kommt: Es kann ebenso eine neue partnerschaftliche Konstellation entstehen.

          Auf das Zusammenspiel kommt es an

          Die kognitive Leistungsfähigkeit der Maschine beeinträchtigt nicht die Entwicklung des Menschen, sondern kann sie sogar anspornen. Sie erlaubt ein Training auf höchstem Niveau. Auch sind neue Interaktions- und Rückkoppelungsprozesse zwischen maschinenbasiertem und menschlichem Lernen im Sinne einer gemeinsamen Entwicklung denkbar. Das Denken in Hierarchien und die Frage nach der Überlegenheit der einen Seite über die andere muss dafür jedoch überwunden werden.

          Der hier angedeutete symbiotische Ansatz ist aus der Arbeitswelt seit langem bekannt und daher keine Utopie. Denken wir an das Zusammenspiel von Pilot und Autopilot. Der Autopilot führt nicht zur Dequalifizierung oder Degradierung des Piloten, sondern beide ergänzen sich wechselseitig mit dem Ziel der maximalen Flugsicherheit. Damit dieses Ziel erreicht werden kann, sind umfassende Trainings kritischer Handlungssituationen, in denen die Intelligenz aller gefordert ist und die das Zusammenspiel von maschinellem und menschlichem Denken einschließen, unerlässlich.

          Neue Risikobereiche entstehen

          Am Beispiel des Zugunglücks von Bad Aiblingen wird deutlich, dass sich das Zusammenspiel von Mensch und Maschine aber auch entkoppeln kann. Die Folge: Das Risiko in kritischen Handlungssituationen erhöht sich. Wenn der Einsatz von Maschinen Aufmerksamkeitsprozesse des handelnden Akteurs durch monotone Arbeit beeinträchtigt und Gefahrensituationen nicht in vergleichbarem Maße wie bei Piloten trainiert werden, dann entstehen neue Risikobereiche. Hier kann die menschliche Handlung zur Gefahr werden, wenn sie die überlegene Entscheidung der Maschine nicht erkennt. Aus arbeitswissenschaftlicher Perspektive geht es bei diesem Beispiel um mehr als um die Verurteilung fehlerhaften Arbeitshandelns einer einzelnen Person. Es geht um die grundsätzliche Frage, ob man entkoppelte Ansätze bei Arbeitssystemen in Hochsicherheitsbereichen verantworten kann, in denen die eingesetzten Menschen aufgrund von Monotonie abstumpfen und Verantwortung nicht mehr adäquat wahrnehmen. Die Entkoppelung meint dabei die einseitige Entwicklung der Maschine ohne adäquate Entwicklung der Arbeitsrolle des Menschen.

          Rollenkonflikte in der Arbeitswelt

          Aufgrund einer sich derzeit andeutenden Entkoppelung zwischen menschlicher und maschineller Entwicklung in immer mehr Arbeitsbereichen entstehen rollenkonfliktbasierte Ansätze in Arbeitssystemen, in denen der Einsatz von digitalen Assistenzsystemen eine zentrale Rolle spielt. Das betrifft ganz unterschiedliche Einsatzfelder. Gemeinsam ist ihnen der im Wesentlichen erst noch auszutragende Rollenkonflikt zwischen menschlicher und maschineller Arbeitsleistung. Dabei geht es vor allem um die Frage der Professionalisierung oder Deprofessionalisierung der menschlichen Arbeitsrolle. Betroffen sind zum Beispiel Ärzte in ihrer diagnostischen und behandelnden Expertise. Durch den Einsatz digitaler Assistenzsysteme konnten Fehlbehandlungen deutlich reduziert werden. Das Erfahrungswissen einzelner Ärzte ist begrenzt, das in der Maschine aggregierte Erfahrungswissen indessen enorm. Der Arzt profitiert also von der diagnostischen Assistenz. Im Bereich der Behandlung und Operation ist der Einsatz intelligenter Maschinen noch nicht in vergleichbarer Form entwickelt. Diese Entwicklung deutet sich aber an. Auch ist bereits geregelt, dass der Arzt haftungsbefreit ist, wenn er der Künstlichen Intelligenz folgt. Vor dem Hintergrund dieser Rahmenbedingungen entstehen Rollenkonflikte, die die Professionalität des Arztes betreffen.

          Grundsätzlich ist eine symbiotische Entwicklung denkbar, wonach sich Mensch und Maschine wechselseitig weiterentwickeln und der Mensch jederzeit auf höchstem Niveau auch bei Maschinenausfall handlungsfähig ist. Ein derartiges System erfordert ein hohes Trainingsmaß, um Aufmerksamkeitsprozesse zu aktivieren und Handlungsfähigkeit zu sichern. Es kann aber auch sein, dass der Arzt über einen längeren Zeitraum betrachtet eigene Denk- und Handlungsprozesse im Behandlungskontext zurückfährt, weil der Maschineneinsatz zur Routine wird und der rechtliche Rahmen die Orientierung an der maschinellen Vorgabe forciert. Unter diesen Bedingungen ergeben sich neue Risikofelder aufgrund der schleichenden Deprofessionalisierung, weil kein neues symbiotisches Rollenverständnis gefunden werden konnte.

          Ganz ähnlich stellt sich der Einsatz digitaler Assistenz in neuen Fabriksystemen dar. Assistenzsysteme machen gegenüber Montagearbeitskräften klare Vorgaben und können auf diese Weise Fehlerquellen reduzieren. Die Eigenständigkeit wird eingeschränkt, Entscheidungsprozesse werden von Maschinen wahrgenommen. Auch wenn Arbeitskräfte zunächst von der Erfahrung der Maschinen in der eigenen Arbeitsausübung profitieren, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie auf mittlere Sicht eigene Denkprozesse hinsichtlich der Arbeitsverrichtung zurückfahren. Auch hier ergibt sich ein Rollenkonflikt der Deprofessionalisierung der Arbeitskraft.

          Digitalisierung schafft neue Möglichkeiten

          Schließlich entstehen durch Digitalisierung auch potentialorientierte Ansätze. Das ist der Fall, wenn die Vernetzungskomponente zunimmt. Neue, zuvor nicht dagewesene Handlungsoptionen tun sich auf, die wiederum zu erweiterten Interaktionsmustern führen. Das betrifft besonders Bereiche der Produkt- und Serviceentwicklung in gemeinsamer Verantwortung zwischen Anbieter und Kunde. Auch hier verändern sich die Arbeitsrollen durch organisationsüberschreitende Kooperationsformen. Anforderungen an die Komplexitätsbewältigung, die wechselseitige Verständigung und die teambasierte gemeinsame Entwicklung steigen. In diesen Arbeitsfeldern erhöht Digitalisierung den Möglichkeitsraum, dessen Potential durch menschliche Interaktion und Professionalität – etwa unter Zuhilfenahme digitaler Assistenz – erschlossen wird. Arbeitsbereiche, in denen nicht primär durch Entscheidungen optimiert wird, sondern in denen durch Interaktion und Vermittlung kreiert wird, benötigen an erster Stelle die menschliche Leistungsfähigkeit.

          Machine Learning ist eine Facette von Digitalisierung, aber nicht die einzige, die unsere Arbeitswelt verändert. Es gibt digitalisierte Arbeitsfelder, in denen die Maschine keine zentrale Rolle spielen wird. In den Systemen, in denen die Maschine eine wachsende Bedeutung erlangt, liegt es in der Verantwortung der Arbeitsgestalter, für eine möglichst symbiotische gemeinsame Entwicklung von Mensch und Maschine zu sorgen. Was wir grundsätzlich tun und was wir lassen, entscheidet der Mensch.

          Prof. Dr. Uta Wilkens ist Leiterin des Instituts für Arbeitswissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum.

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