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Verlagsspezial

Professor Dr. Günther Schuh Bild: e.GO Mobile AG

: „Günstige Elektroautos für jedermann“

Warum tritt die Elektromobilität in Deutschland auf der Stelle? Und wie ist es möglich, schnell und günstige Elektroautos zu bauen? Ein Interview mit Professor Dr. Günther Schuh, Geschäftsführender Direktor des Werkzeugmaschinenlabors der RWTH Aachen sowie Gründer und CEO der e.GO Mobile AG.

          Herr Professor Schuh, Sie produzieren nach dem Lieferwagen „StreetScooter“ nun den „e.GO Life“, ein Elektromobil für den Straßenverkehr. Weshalb sind Sie unter die Autobauer gegangen?

          Nach der Entwicklung des „StreetScooters“ war unsere Mission noch nicht vollendet. Wir wollten beweisen, dass es möglich ist, in kürzester Zeit ein günstiges Elektroauto für jedermann zu bauen. Und dann müssen wir das auch durchziehen und das Auto auf den Markt bringen.

          Der „e.GO Life“ wird mit rund 16.000 Euro das günstigste Elektroauto auf dem Markt sein. Was machen Sie anders als die Konkurrenz?

          Da wir aus der Produktionssystematik kommen, haben wir uns gefragt: Was macht ein Kleinserienauto teuer, und was kann man günstiger machen oder weglassen? Statt einer selbsttragenden Karosserie, für die die Werkzeugkosten sehr hoch sind, haben wir einen Space-Frame aus Aluminiumprofilen gebaut, der mit Thermoplastteilen beplankt wird. Da der Thermoplast bereits durchgefärbt hergestellt wird, lassen wir neben einem Presswerk und dem klassischen Rohbau auch die Lackiererei weg. Außerdem arbeiten wir in einem hochiterativen Prozess, den man eigentlich aus der Softwareindustrie kennt, und greifen auf bereits existierende Teile der Zulieferindustrie zurück. Unsere Kostenstruktur ist dadurch bei kleinen Stückzahlen bis zu 100.000 Fahrzeugen pro Jahr der klassischen Struktur mit hohen Fixkosten überlegen.

          Welche besonderen Herausforderungen gab es bei der Konzeption und Umsetzung des „e.GO Life“?

          Wir haben bei dem „StreetScooter“-Projekt schon viel gelernt. Die größte Herausforderung ist für uns aber immer noch, mit Zulieferern und Entwicklungspartnern in unserer Geschwindigkeit und mit unseren hochiterativen Prozessen zusammenzuarbeiten. Hier treffen nicht nur konzerntypische Absicherungsprozeduren auf unseren agilen Scrum-Prozess, sondern zuweilen auch harte Prüf- und Freigaberegeln, die dann doch wieder eine klassisch sequentielle Prozessfolge erzwingen. Das hält uns regelmäßig auf, ist aber sehr lehrreich – für uns, und ich glaube sagen zu dürfen, ebenfalls für unsere Zulieferer.

          Was sind die Gründe dafür, dass die E-Mobilität in Deutschland nicht so wirklich vorankommt?

          Aktuell gibt es etwa 30 rein elektrisch angetriebene Pkw-Modelle (BEV = Battery Electric Vehicle) auf dem deutschen Markt, die aber zurzeit kaum gekauft werden. Zum Teil wollen und können die Hersteller nicht mehr BEVs liefern. Das liegt unter anderem daran, dass ihre Zulieferer, zum Beispiel von Batterien, nicht mehr oder nicht günstiger liefern wollen. Bei vielen BEVs sind die Herstellkosten derzeit höher als die Verkaufspreise. Trotzdem sind für viele Kunden die Preise noch zu hoch. Bezahlbare Elektroautos sind vorerst nur mit kleiner Batterie möglich, weil die Batteriepreise in den nächsten zehn Jahren nicht signifikant sinken werden.

          Was muss sich also in Zukunft ganz konkret ändern?

          Wir müssen uns zunächst auf die Innenstädte konzentrieren. Da ist es schon jetzt möglich und dringend notwendig, emissionsfrei und günstig zu fahren. Bezahlbare Stadtautos mit kleiner Batterie und geringer Reichweite schaffen die notwendige individuelle Mobilität für jedermann. Alle anderen sollten im Innenstadtbereich von elektrischen People Movern – also Kleinbussen –, Shuttles oder Taxen bewegt werden. Am besten sogar nach Bedarf und nicht nach Fahrplan.

          Welches Potential sehen Sie für E-Autos im deutschen Markt?

          Wir könnten in wenigen Jahren auf 25 bis 30 Prozent rein elektrisch angetriebene Neuwagen kommen. Allein das Kleinwagen-Segment könnte für viele Jahre auf circa 12 Prozent der Neuwagenverkäufe, das heißt circa 400.000 Pkw, ansteigen. Voraussetzung ist aber, dass diese Stadtautos nur etwa 20.000 Euro kosten und die Betriebskosten unter 0,15 Euro pro Kilometer liegen. Die meisten Autofahrer, die weiterhin ein Universalfahrzeug für die Stadt und für weitere Strecken brauchen, kaufen schon in den nächsten Jahren Plug-in-Hybride, die in der Stadt rein elektrisch fahren und mit einem Verbrenner oder einer Brennstoffzelle auf normale Reichweiten kommen.

          Wann werden Ihrer Meinung nach alternative Antriebe den Verbrennungsmotor ablösen?

          Den optimierten Verbrennungsmotor, zum Teil mit alternativen Brennstoffen, gibt es in 30 Jahren sicher noch, weil wir ihn als Teil der Lösung brauchen. Allerdings werden wir in der Stadt dann keinen Verbrenner, der Stickoxide und CO2 emittiert, mehr zulassen. Auch dazu ist der Plug-in-hybrid-elektrische Antrieb, der das Auto elektrisch aus der Stadt fährt, die logische Lösung.

          Bis Ende 2018 wollen Sie die ersten 600 Exemplare des „e.GO Life“ produziert haben – was sind Ihre weiteren Pläne?

          Wir wollen erst mal bis Ende 2019 mindestens 10.000 „e.GO Life“ in sehr guter Qualität ausliefern. 2019 bringen wir über unser Joint Venture mit ZF, der e.GO MOOVE GmbH, außerdem eine Kleinserie des „e.GO Mover“ auf den Markt. Wir werden jeweils mehrere Jahre die Fahrzeuge mit Künstlicher Intelligenz in dezidierten Stadtbezirken trainieren müssen, um einen sicheren autonomen Fahrbetrieb in einigen Jahren gewährleisten zu können. Autonomes Fahren ergibt nur Sinn, wenn es garantiert viel sicherer ist als ein manueller Betrieb. Auf der Plattform des Movers werden wir 2020 den „e.GO Booster“ in Form eines Shuttles, Familien-Mini-Vans oder modernen Taxis für sechs bis neun Personen vorstellen.

          Das Interview führte Christina Lynn Dier.  

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