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Verlagsspezial

: Gemeinsam stärker

Zusammen zum Ziel: Im Zeitalter von Industrie 4.0 bauen immer mehr Unternehmen auf ein Partnernetzwerk, um Innovationen schneller vorantreiben zu können. Bild: Thinkstock/iStock/nd3000

Partnernetzwerke stehen hoch im Kurs: Viele Unternehmen erkennen, dass sich im Verbund die Herausforderungen der Digitalisierung besser bewältigen lassen. Erfahrene Netzwerker berichten über ihre Erfolgsrezepte.

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          „Herauskommen sollen konkret nutzbare Ergebnisse, es handelt sich um keine Schwafelrunde." So bringt Projektleiter Bastian Pokorni das Ziel des Innovationsnetzwerks „Produktionsarbeit 4.0“ auf den Punkt, mit dem das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation in Stuttgart seit 2013 Unternehmen dabei hilft, fit für die digitale Zukunft zu werden. Dass das Angebot inzwischen erfolgreich in die dritte Phase geht, führt der Wirtschaftsingenieur auf das Konzept zurück: So stehen die jeweils 15 teilnehmenden Firmen nicht in Konkurrenz zueinander, sie entstammen unterschiedlichen Branchen, und es sind unterschiedliche Größenordnungen vom Zwei-Mann-Start-up bis zum Konzern mit 100.000 Beschäftigten vertreten. Phase 1 galt der Aufgabe, sich zu sortieren: Was bedeutet Industrie 4.0 für mein Unternehmen? In Phase 2 folgte die konkrete Umsetzung mit dem Bau mehrerer gemeinsam entwickelter und mit modernster Technologie ausgestatteter Prototypen als Blaupause für die „Arbeitsplätze der Zukunft“: ergonomisch optimiert, liefern sie dem Mitarbeiter beispielsweise die gerade für den Fertigungsprozess benötigten Informationen aufs Tablet. Eine Besonderheit des Fraunhofer-Projekts besteht darin, dass Arbeitnehmervertreter beteiligt sind und ein Auge auf Ergonomie, Mitarbeiterpartizipation und Datenschutz haben.

          Anhand der gemeinsam entwickelten Musterarbeitsplätze beschreibt Pokorni die Vorteile des Partnering: So hätte das Netzwerk in diesem Fall einen Ausrüster, der Arbeitstische herstellt, mit einer Softwarefirma zusammengebracht, hinzu kam noch ein Spezialist für intelligente Lichtsteuerung, in diesem Fall ein Start-up. Gemeinsam haben sie den vorher rein mechanischen Arbeitstisch zu einem smarten, vernetzten Arbeitsplatz veredelt, entstanden sei „eine Lösung aus einem Guss", so der Projektleiter. Das Produkt steht nun am Institut für Nutzertests zur Verfügung und wird von den beteiligten Unternehmen vermarktet.

          Vertrauen und Offenheit sind entscheidend

          Wie gelingt die Zusammenarbeit im Netzwerk? An erster Stelle steht für Pokorni „großes Vertrauen“ – denn wenn erst umfangreiche juristische Verträge verhandelt werden müssten, „killt man von vornherein die Innovation“. Daher sei es wichtig, eine gewisse Offenheit herzustellen.  Hinzu komme eine komplementäre Sicht, verschiedene Blickwinkel, und ein „gemeinsames Mindset zu Industrie 4.0“ – in diesem Fall eine grundsätzliche Übereinstimmung bei dem Ziel, dem Menschen nicht möglichst viel Autonomie wegzunehmen, wie sich das, so Pokorni, „Hardcoreautomatisierer“ vorstellen, sondern im Gegenteil seine Möglichkeiten durch Assistenzsysteme zu erweitern.

          Auf ein Partnernetzwerk setzt auch die Harting Technologiegruppe. Das in zweiter und dritter Generation geführte Familienunternehmen mit Hauptsitz in Espelkamp ist mit industriellen Steckverbindungen groß geworden. Im Jahr 2013 stand die Firmengruppe wie viele Mittelständler vor der Frage, wie man das Thema Industrie 4.0 am besten anpackt. Kurzerhand entwickelte Harting ein Modul, mit dem sich ältere Maschinen digital vernetzen lassen – zunächst für den Eigengebrauch, inzwischen ist es als Produkt verfügbar. Die Technologie namens MICA (Modular Infrastructure Computing Architecture) besteht aus einem kleinen Rechner. Dieser ist laut Stefan Olding, Geschäftsführer der Harting Deutschland GmbH, „in allen Bereichen der Industrie einsetzbar, auch im Außenbereich" und unterscheidet sich vom Standard-PC durch eine offene Systemarchitektur und die ab Auslieferung installierten verschiedenen Kommunikationsprotokolle, die den Datenaustausch mit Maschinen erlauben. „Wir haben uns ganz klar vorgenommen, Maschinenparks zu digitalisieren", formuliert Olding das Ziel.

          Seit 2016 am Markt, war schnell klar, dass sich der gemeinsame Erfolg nur einstellt, „wenn wir mit vielen Menschen zusammenarbeiten, die Kompetenzen auf verschiedenen Feldern haben“, berichtet Olding. Im Wesentlichen sei es darum gegangen, zwei Welten zusammenzubringen: die physikalische Welt und die damit verbundene Messtechnik mit der digitalen Welt, die für die Erschließung der Daten für ERP, Cloud und Big Data sorgt. Um diese unterschiedlichen Kompetenzen zu bündeln, hat Harting das MICA-Netzwerk gestartet. Es umfasst inzwischen 34 Systemintegratoren, Automatisierer und IT-Firmen, die Unternehmen ihre Unterstützung bei der Digitalisierung ihrer Maschinenparks anbieten. Auch große Maschinenbauer seien inzwischen vorstellig geworden. „Wir bieten dann ein Proof of Concept an und gehen, falls gewünscht, mit unseren Partnern in die Bewertung.“ Das Angebot soll nun weltweit ausgerollt werden.

          Partnering ist Chefsache

          Als erfolgreich haben sich auch Partnernetzwerke auf regionaler Ebene erwiesen. Ein Musterbeispiel ist das Spitzencluster it’s OWL – Intelligente Technische Systeme OstWestfalenLippe. In dem Netzwerk haben sich über 180 Unternehmen, Hochschulen und weitere Partner zusammengeschlossen. Was macht ein erfolgreiches Partnering aus? Roman Dumitrescu, einer der Geschäftsführer, bringt es so auf den Punkt: „Unsere Erfahrung ist, dass Partnering, zumindest gutes, Chefsache ist.“ Hinzu komme, dass man eine gemeinsame Strategie verfolgt und regionale Forschungspartner konsequent einbindet. Die Zusammenarbeit im Netzwerk erfolge auf zwei Ebenen: einmal bei der Innovationsleistung – dazu gehöre die Definition gemeinsamer technologischer Themen, die im vorwettbewerblichen Bereich erforscht werden, sowie die Umsetzung. Einen wichtigen Aspekt sieht Dumitrescu auch in der Nachhaltigkeit, soll heißen: „Technologietransfer insbesondere in kleinere und mittlere Unternehmen“, so der promovierte Ingenieur, der auch an der Universität Paderborn lehrt. Die zweite Ebene bestehe in der "nationalen und internationalen Ausstrahlung". In dem Cluster habe von vornherein im Fokus gestanden, "einen Gemeinschaftsgeist unter einer Marke - it's OWL – aufzubauen“. Hierfür hätten die Marketing-Chefs der Unternehmen ein gemeinsames Marketing-Team gebildet. "Die Vorteile für unsere Partner liegen auf der Hand“, fasst Dumitrescu zusammen: „größere Bekanntheit bei Kunden und höhere Schlagkraft im Recruiting".

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