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Verlagsspezial

: Die digitale Welt sicherer machen

Cybersicherheit als oberste Priorität: Sieben von zehn Unternehmen und Institutionen in der Bundesrepublik sind 2016 und 2017 von Cyberkriminellen angegriffen worden. Bild: saidka/iStock/Thinkstock

Mit gemeinsamen Regeln und Standards für mehr Cybersicherheit will die Industrie den digitalen Wandel vorantreiben.

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          Sieben von zehn Unternehmen und Institutionen in der Bundesrepublik sind 2016 und 2017 von Cyberkriminellen angegriffen worden. In knapp der Hälfte der Fälle waren die Attacken erfolgreich. IT-Systeme und Internetauftritte wurden manipuliert, es kam zu Produktions- und Betriebsausfällen. Dies geht aus einer Umfrage des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik hervor. In der Automationsbranche wurde nahezu jedes Unternehmen mit kleineren und mittleren Angriffen konfrontiert, drei von zehn Betrieben registrieren regelmäßig schwere Vorfälle.

          Das sind zwei Ergebnisse der ZVEI-Studie „Sicherheitslagebild im Fachverband Automation“. Nach Überzeugung von Klaus Mittelbach, Vorsitzender der ZVEI-Geschäftsführung, belegen diese Zahlen die Gefahrenlage, in der sich die deutsche Elektroindustrie befindet: „Wir müssen bei allen Zukunftsprojekten Cybersicherheit gewährleisten.“ Dieses sei eine Querschnittsaufgabe, die es sowohl bei Industrie 4.0 als auch bei der Energiewende zu bewältigen gelte, beim autonomen Fahren, bei Künstlicher Intelligenz, eHealth und Smart Home und Smart Living.

          Der ZVEI verfolgt im Beirat der Allianz für Cybersicherheit – mit 2100 teilnehmenden Unternehmen das größte deutsche Informations- und Austauschnetzwerk zu dieser Thematik - drei langfristige Ziele: Etablierung einer Sicherheitskultur in der Industrie, industrietaugliche (Sicherheits-)Regulierung und Stärkung der Kernkompetenz „Industrial Security“ in der Öffentlichkeit. Der ZVEI fordert von der Europäischen Kommission, die im vergangenen Jahr Initiativen zur Harmonisierung der Cybersicherheit angeschoben hat, „mehr Klarheit über die Umsetzung und die Beteiligung der Software- und Hardware-Hersteller“, so Mittelbach. Diese müssten sich um Security-by-Design kümmern und Transparenz bei der Verfügbarkeit von Updates schaffen: „Das ist jedoch eine Aufgabe für Unternehmensprozesse und die Standardisierung – nicht für die Regulierung.“ Rückenwind erhält Mittelbach von Fachleuten aus der Wirtschaft wie Dirk Czepluch, Vizepräsident von Rohde & Schwarz Cybersecurity in München: „Wenn es einheitliche Standards geben würde, hätten wir manche Gefahr nicht.“

          Chancen der Digitalisierung nutzen

          Mit Industrie 4.0 kommt eine weitere Welle an Problemen auf die Sicherheitsexperten zu. Ein Großteil der in Betrieb befindlichen IT-Systeme sei 15, 20 oder 25 Jahre alt: „Für eine vernetzte Produktion sind saubere und sichere Systeme vonnöten. Die älteren IT-Landschaften, Maschinen und Anlagen sind nicht dafür ausgerichtet, miteinander sicher kommunizieren zu können.“ Mittelbach: „Cybersicherheit ist Grundvoraussetzung, um die großen Chancen der Digitalisierung zu nutzen. Sie muss sich organisatorisch, in Prozessen und auch in der Managementverantwortung in den Unternehmen widerspiegeln.“ Das aktuelle Sicherheitslagebild für die Elektroindustrie zeige, dass dieses Bewusstsein ankomme – beispielsweise würden die Budgets für Cybersicherheit steigen.

          Rohde & Schwarz hat über seine eigenen fünf Fertigungsstandorte, in denen Produkte für den Wireless-Markt, die Industrieelektronik, für Luftfahrt und  Verteidigung, Informationssicherheit, Broadcast und Medientechnik gefertigt werden, elektronische „Schutzhüllen“ gestülpt. Das Prinzip: Bevor ein Programm oder ein Datenfragment von außen ins Haus gelangt, wird es in einer isolierten Umgebung auf Herz und Nieren geprüft. Czepluch hat festgestellt: „Viele, vor allem kleine und mittlere Betriebe, zögern Investitionen in die Cybersicherheit hinaus, bis das Kind in den Brunnen gefallen ist. Der Schaden aber, aus dem sie dann klug werden, kann existenzgefährdend sein.“

          Risiko und Nutzen abwägen

          Sicherheit im Datenverkehr in und zwischen Unternehmen ist ein Aspekt der Digitalisierung, ein zweiter ist Security im B-to-C-Bereich, also dort, wo Privatpersonen betroffen sind. „Die Digitalisierung wird nur gelingen, wenn die Gesellschaft Vertrauen in die Technologie und die Protagonisten hat“, ist Tim Berghoff vom IT-Sicherheitsunternehmen G Data überzeugt. Nicht nur er, auch Wissenschaftler und Politiker gehen davon aus, dass eine weitere Abkehr von analogen Alltagsabläufen nicht gegen breite Schichten der Bevölkerung zu realisieren ist. Auch deshalb sind Maßnahmen wichtig, die Online-Einkaufen und den elektronischen Zahlungsverkehr sicherer machen.

          Laut einer Studie von G Data sind sich noch immer 70 Prozent der Verbraucher in Deutschland nicht sicher, ob beim E-Commerce mit ihren Daten sorgfältig umgegangen wird. Kein Wunder, schließlich gibt es immer wieder Fälle, in denen Missbrauch getrieben wird, Informationen in falsche Hände geraten, finanzielle Schäden entstehen. Das liegt, so Tim Berghoff, auch daran, „dass viele Software- und Hardware-Anbieter die Funktionalität ihrer Produkte in den Vordergrund stellen, Sicherheitsmaßnahmen aber vernachlässigen, weil diese in der Entwicklung Kosten verursachen“. Berghoff konstatiert zwar, dass ein Hersteller nicht alle Risiken im Vorfeld testen könne, „aber etwas mehr Aufwand für die IT-Sicherheit hilft, den Glauben an die Technologien aufrechtzuerhalten“. Klar sei aber auch, dass jeder Anwender den vermeintlichen Komfort einer neuen Lösung gegen die eigene Datensicherheit abwägen muss.

          Wo können sich Verbraucher über Sicherheitsfragen zu digitalen Produkten informieren? In Foren und Bewertungslisten kaum. „Achten Sie darauf, woher die App oder der PC kommen“, rät Security-Experte Tim Berghoff. Offizielle Plattformen und renommierte Anbieter seien sicherere Quellen als inoffizielle Portale und unbekannte Hersteller. Bei einem Smartphone aus Asien hatten Analysten des Bochumer IT-Sicherheitsunternehmens unlängst eine Schadsoftware entdeckt, die ab Werk installiert war. „Das Beste ist die Prophylaxe“, sagt Berghoff. Natürlich könne man ein Gerät annähernd 100 Prozent sicher machen, „dann aber ist das System so langsam, das es keinen Spaß mehr macht“. Welche Maßnahmen angemessen sind, dazu sollte man einen Fachmann fragen. Für ihn gibt es ein Minimum: „Auf jedem neuen Smartphone oder Tablet sollte eine leistungsfähige Sicherheitslösung aufgespielt sein.“

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