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Verlagsspezial

: Boom an der Bahía

Megametropole: Mexiko-Stadt ist eine der wichtigsten Industriestädte des lateinamerikanischen Schwellenlandes. Bild: Thinkstock/Ulrike Stein

Mit Mexiko ist zum ersten Mal ein lateinamerikanischer Staat Partnerland bei der Hannover Messe. Das aufstrebende Schwellenland hat Unternehmen und Investoren einige Standortvorteile zu bieten – Hunderte von deutschen Firmen profitieren bereits davon.

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          Florian Steinmeyer arbeitet in Mexiko-Stadt und fängt morgens um sechs Uhr Ortszeit mit der Arbeit an – nicht nur, weil er dann von Deutschland aus besser erreichbar ist, sondern weil im geschäftigen Zentrum der Metropolregion mit ihren über 20 Millionen Einwohnern später wegen der Verkehrsstaus fast kein Durchkommen mehr ist. Als Leiter des Mexiko-Büros der bundeseigenen Außenwirtschaftsgesellschaft Germany Trade and Investment (GTAI) analysiert er den mexikanischen Markt für deutsche Firmen. Über mangelndes Interesse kann er nicht klagen. In den vergangenen Jahren ist die Zahl deutscher Unternehmen im Land stark gestiegen: Waren zu Beginn des Jahrtausends noch 1.100 Firmen mit deutscher Kapitalbeteiligung im Land tätig, sind es mittlerweile rund 2.000.

          Deutschland ist wichtiger Handelspartner

          Dass das Land mehr als Ferien in Acapulco und Cocktails mit Tequila zu bieten hat, können interessierte Besucher auf der Hannover Messe überprüfen. Mexiko ist in diesem Jahr Partner der weltweit größten Industriemesse, womit erstmals ein lateinamerikanischer Staat diese Rolle übernimmt. Mehr als 140 Messestände haben die Aussteller aus Mexiko angemeldet.

          Beispiel Automobilbau und Zulieferer: Das Land hat sich in den vergangenen Jahren zum größten Automobilproduzenten Lateinamerikas entwickelt und steht weltweit an siebter Stelle. Die hergestellten Fahrzeuge gehen nicht nur in die Vereinigten Staaten, sondern in alle Welt, auch nach Europa. Versammelt ist alles, was im deutschen Automobilbau Rang und Namen hat, darunter VW, Daimler, Audi und ab 2019 auch BMW. Ebenfalls zu den wichtigen Wachstumsbranchen zählen Maschinenbau, Elektronik, Luftfahrt, teilweise auch Nahrungsmittel und Chemie. „Für Mexiko ist Deutschland weltweit das drittwichtigste Ausfuhrziel“, berichtet Florian Steinmeyer, „umgekehrt steht Mexiko aus Sicht der Exportnation Deutschland immerhin auf Platz 22 der wichtigsten Zielmärkte.“ Für Steinmeyer ein respektables Ergebnis, da viele EU-Partner die vorderen Plätze belegen; unter den deutschen Überseemärkten nehme Mexiko nach den Vereinigten Staaten, China, Japan und Südkorea fünften Rang ein.

          Dass Mexikos Außenhandel so gut läuft, hat für Florian Steinmeyer einen zentralen Grund: „die offene Handelspolitik des Landes“. Mexiko habe 13 Freihandelsabkommen mit insgesamt 52 Ländern abgeschlossen und „zählt damit weltweit zu den Spitzenreitern“, so der Mexiko-Experte. Weitere Pluspunkte seien wettbewerbsfähige Löhne, eine gut ausgebaute logistische Anbindung an viele Regionen der Welt und ein unternehmensfreundliches Investitionsumfeld.

          Nafta sorgt für Unsicherheit

          Die Wirtschaft wuchs 2017 um 2,3 Prozent. Allerdings schwebt am ansonsten blauen Himmel der mexikanischen Konjunktur durchaus die eine oder andere dunkle Wolke. Ein chronisches Problem, mit dem das Land zu kämpfen hat, ist die Korruption – auf dem Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International kommt das Land 2017 auf Rang 135 von 180. Außerdem stehen Wahlen an, im Sommer ist möglicherweise ein Regimewechsel zu einer Linksregierung zu erwarten. Hinzu kommt der ungewisse Ausgang der Verhandlungen über das nordamerikanische Freihandelsabkommen Nafta. Steinmeyer weist aber darauf hin, dass bei einem Scheitern des Abkommens mögliche amerikanische Einfuhrzölle für mexikanisch gefertigte Autos, zumindest nach WTO-Regeln, nur 2,5 Prozent betragen würden. Zwar liegen sie bei anderen Produkten wesentlich höher, etwa bei Nahrungsmitteln, wovon die Verpackungsindustrie und die Chemiebranche betroffen wären. Aber schon heute würden 40 Prozent der mexikanischen Exporte in die USA nicht den Nafta-Regeln unterliegen. Das Fazit des Mexiko-Experten daher: „Nafta ist wichtig, aber nicht alles.“

          Deutsche Firmen wollen weiter investieren

          Das wird in deutschen Firmen, die in Mexiko investiert sind, offensichtlich ähnlich optimistisch gesehen: Eine im Dezember 2017 veröffentlichte Umfrage der deutsch-mexikanischen Industrie- und Handelskammer unter ihren Mitgliedern spiegelt eine gute Stimmung wider. Über zwei Drittel der befragten Firmen wollen 2018 in Mexiko investieren, sechs Prozent mehr als im Vorjahr. Derselbe Anteil – zwei Drittel – vermeldet für 2017 ein Umsatzplus, 15 Prozent hielten den Umsatz auf Vorjahresniveau. Und mehr als die Hälfte will neues Personal einstellen, was einem Anstieg von neun Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht.

          Wo Mexiko ebenfalls punktet, ist der Bereich der Digitalisierung. Es gibt 34 Cluster für die Entwicklung von digitalen Lösungen rund um Industrie 4.0. Für Rogelio Garza, Mexikos Staatssekretär für Industrie und Handel, ein zentraler Aspekt der Wirtschaftspolitik, wie er in einem Interview mit dem mexikanischen Wirtschaftsmagazin „Negocios“ äußerte: „Das Thema Technologiecluster steht ganz oben auf der Tagesordnung, und wir sondieren Möglichkeiten, nun neue Cluster zu schaffen, die positive Synergien bringen und den Weg für Know-how, Mehrwert und Innovation ebnen können.“

          Sigrid Zirbel, als Referentin Internationale Märkte beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) zuständig für Lateinamerika, bestätigt: „Der IT-Sektor ist in Mexiko inzwischen einer der Wirtschaftssektoren mit den stärksten Wachstumszahlen.“ Die Region um Guadalajara habe sich zu einem der wichtigsten IT-Standorte in Lateinamerika entwickelt. „Die IT-Cluster in Jalisco und Nuevo Leon sind technologisch gut aufgestellt, mit einer sehr dynamischen Start-up-Szene und mit global wettbewerbsfähigen Strukturen“, berichtet die Expertin. Dies seien „sehr gute Voraussetzungen für einen Ausbau der bilateralen Zusammenarbeit in diesem Bereich“.

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