https://www.faz.net/-ih3-8v4am
Verlagsspezial

E-Commerce : Auf der Überholspur

Bild: HYWARDS/iStock/thinkstock

Die Zahl der Internetnutzer ist prozentual noch gering, aber absolut schon jetzt größer als die in den Vereinigten Staaten. Und die Potentiale des indischen E-Commerce sind gigantisch.

          Indien erlebt einen Online-Boom, zahllose Handelsgeschäfte wandern ins Internet. Wurden 2013 im indischen Online-Handel noch Waren für 10,7 Milliarden US-Dollar gekauft, was im asiatisch-pazifischen Raum gerade mal für Platz 5 reichte, waren es ein Jahr später bereits 16,4 Milliarden – ein Anstieg um 53 Prozent, ermittelte die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers. 2015 stiegen die Verkäufe dann auf 22 Milliarden US-Dollar. Bis 2020 soll der Online-Anteil am Gesamthandel insgesamt voraussichtlich drei Prozent betragen.

          Die Prognose der Investmentbank Stanley Morgan deutet in die gleiche Richtung. „Wir erwarten, dass die Internet-Durchdringung von 32 Prozent im Jahr 2015 auf 59 Prozent im Jahr 2020 steigen wird, was fast einer Verdoppelung der Internet-Nutzerbasis entspricht“, erklären die Anlageprofis. Bereits im vergangenen Jahr nutzten fast 400 Millionen Inder das Internet. Dabei sind fast drei Viertel der Nutzer zwischen 15 und 34 Jahre alt. Auch deshalb rechnet der Online-Riese Amazon 2019 mit knapp 240 Millionen indischen Online-Shoppern. Amazon-Chef Jeff Bezos prognostiziert daher, dass der Subkontinent langfristig der zweitgrößte Markt für den Versandhändler werden soll, nach den Vereinigten Staaten. Und weitere 100 Millionen Inder sollen jetzt laut indischer Regierung Zugang zum Internet erhalten.

          Gelockerte Regeln

          Für deutsche Mittelständler, die ihre Waren auf dem Subkontinent verkaufen, ist das eine gute Nachricht. Durch den Online-Boom sind Produktanbieter nicht mehr gezwungen, ein teures Filialnetz aufzubauen. Denn die derzeit noch komplizierte Rechtslage macht es schwer für ausländische Anbieter, in den Markt einzusteigen. Sie dürfen zum Beispiel keine Direktinvestitionen in den indischen Online-Handel tätigen. Auch Amazon existiert wie auch andere Fremdanbieter in Indien derzeit „nur“ als Marketplace und bietet ausschließlich Produkte anderer Hersteller an.

          Umsatz im Mobile Commerce in Indien im Jahr 2015 sowie eine
          Prognose bis 2020 (in Milliarden US-Dollar)


          Quelle: eMarketer © Statista 2016

          Größte Anbieter auf dem indischen Markt sind Flipkart und Snapdeal. Marktführer Flipkart mit 26 Millionen registrierten Benutzern ist die indische Variante von Amazon: ein Shop, in dem es von der Couch bis zum Fernseher alles zu kaufen gibt.

          Jetzt plant die indische Regierung aber im Zuge ihrer generellen Öffnung für ausländisches Kapital auch eine Liberalisierung ausländischer Direktinvestitionen in der E-Commerce-Branche. Wie die deutsche Außenwirtschaftsgesellschaft GTAI berichtet, stehen schon einige ausländische Anbieter in den Startlöchern, um die enorme Zahl an potentiellen indischen Käufern künftig online zu bedienen.

          Einstieg über Umwege

          Bisher erlaubt das indische Recht aber nur im B2B-Geschäft mit Industriekunden schon jetzt 100-prozentige Firmengründungen. Maschinenbauer oder Automobilzulieferer können also ohne weiteres eine eigene Online-Plattform einrichten, über die sie Kunden ansprechen und Verkäufe mit ihnen abwickeln. Im Endkundengeschäft sieht es derzeit noch anders aus, der Online-Handel mit Konsumgütern ist für ausländische Firmen noch rechtlich beschränkt. Im Einzelhandel dürfen deutsche Mittelständler bislang nur offline agieren. Der Betrieb von Internetshops ist ihnen untersagt.

          Im Rahmen der neuen ökonomischen Liberalisierung hat die Regierung in Neu-Delhi die Regeln zur Bewertung ausländischer Beteiligungen an indischen Firmen inzwischen aber gelockert. Als indisch gilt künftig jedes Unternehmen, bei dem der ausländische Kapitalgeber maximal 49 Prozent der Anteile hält und nicht über die Besetzung des Verwaltungsrats entscheidet. Dies ermöglicht internationalen Handelskonzernen erstmals, auf indirektem Weg über eine Holding in den Ausländern bisher strikt verschlossenen Einzelhandel des Subkontinents einzusteigen. Und künftig dürfen ausländische Firmen 100 Prozent von Rüstungsunternehmen, nationalen Fluggesellschaften und Nahrungsmittelherstellern übernehmen.       

          Zurück zur Startseite

          Topmeldungen

          : „Ganz entscheidend ist das persönliche Treffen“

          Indien ist einer der am schnellsten wachsenden Märkte weltweit. Im Interview spricht Martin Wörlein, Leiter des Indien-Teams bei der Beratungsgesellschaft Rödl & Partner, über Reformen, Chancen und Risiken auf dem Subkontinent.

          Vereinheitlichung : Größte Mehrwert­steuer­reform der Welt

          An den Grenzen zwischen den 29 Bundesstaaten des Milliardenlandes zeigt sich eine der größten Probleme der indischen Wirtschaft. Es gibt keine einheitliche Mehrwertsteuer. Nun soll eine Reform umgesetzt werden, die einen Wirtschaftsboom auslösen könnte.