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: Zahlungsevolution im Bargeldland

Einkäufe mit einer NFC-fähigen Karte oder dem Smartphone quasi im Vorbeigehen zu bezahlen wird bei Konsumenten immer beliebter. Auch der Handel schätzt die praktische Seite der Technologie. Die biometrische Verifizierung ist der nächste Schritt. Bild: martin-dm/istock

Mit Google Pay und Apple Pay setzt sich das kontaktlose Bezahlen im stationären Handel durch. Es bietet Kunden wie Händlern einige Vorteile, kommt den Handel im Vergleich zur Girocard aber teurer.

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          Wenn es ums Geld geht, sind die Deutschen eher konservativ. Das gilt auch für innovative Verfahren, um Einkäufe zu bezahlen. So setzte sich das kontaktlose Bezahlen mit dem Smartphone, das in den Vereinigten Staaten bereits seit 2015 angeboten wird, hierzulande erst recht spät durch. Der Erfolg stellte sich erst ein, als Google im Sommer 2018 die App Google Pay auch in Deutschland einführte. Wenige Monate später folgte Apple mit dem konkurrierenden System Apple Pay. „Das war der große Game Changer, der dem kontaktlosen Bezahlen in Deutschland zum Durchbruch verholfen hat“, sagt Julian Grigo, Fintech-Experte beim Branchenverband Bitkom. 

          Bezahlen per App ist einfach: An der Kasse das Smartphone an ein entsprechend ausgerüstetes Terminal halten, einen Moment Datenübertragung abwarten, und bei kleineren Beträgen ist die Rechnung schon beglichen. „Tap & Go“ nennen Handelsexperten diese Methode, die Einkäufe sozusagen im Vorbeigehen zu bezahlen. Die Kunden müssen nicht im Portemonnaie nach Scheinen und Münzen fingern oder nach einem Kugelschreiber suchen, um bei Kreditkartenzahlung den Beleg abzuzeichnen. 

          Bis zu zwei Drittel zahlen kontaktlos

          Nur bei Beträgen von über 25 Euro verlangt der deutsche Einzelhandel eine weitere Verifizierung des Käufers, beispielsweise per Pin oder Unterschrift. „Das verzögert natürlich den Bezahlvorgang etwas“, sagt Sonja Moosburger, beim Elektronik-Discounter Media Markt Saturn aus Ingolstadt verantwortlich für innovative Bezahlverfahren. Bei vielen Produkten, so etwa bei CDs oder Kopfhörern, lägen die Kaufbeträge jedoch unter 25 Euro. Angesichts der raschen, bequemen und nicht zuletzt sehr sicheren Abwicklung haben die Konsumenten das Bezahlen im Vorbeigehen längst akzeptiert. „In unseren mehr als 400 Media- und Saturn-Märkten in Deutschland werden, abhängig vom Kartentyp, bereits zwischen 30 und bis zu 65 Prozent der Zahlungen kontaktlos abgewickelt“, sagt Sonja Moosburger. 

          Media Markt Saturn ist keineswegs ein Einzelfall. Zahlen der Kreditwirtschaft zur unter deutschen Konsumenten weitverbreiteten Girocard zeigen, dass im ersten Halbjahr 2019 rund 22 Prozent aller Zahlungen im Einzelhandel kontaktlos abgewickelt wurden. „Die Zahlen dürften inzwischen deutlich höher liegen, da gegen Ende 2019 ein großer Teil der Girocards turnusmäßig ausgetauscht und mit der Kontaktlosfunktion ausgerüstet wurden“, sagt Ulrich Binnebößel, Experte für Zahlungsverkehr beim Handelsverband Deutschland (HDE), der Spitzenorganisation des deutschen Einzelhandels. Supermärkte, Fachgeschäfte und Discounter sind begeistert von den Vorteilen. „Aus Handelssicht ist eine kontaktlose Technologie wesentlich robuster, weniger fehleranfällig, die Abwicklung ist schneller“, sagt Binnebößel. Außerdem entstünden keine höheren Kosten als bei den Chips, mit denen Kredit- und EC-Karten seit langem ausgestattet sind, stellt der Fintech-Experte fest. 

          Zwei Technologien sorgen für die Übermittlung der Zahlungsdaten. Das eine sind QR-Codes, die auf dem Display des Smartphones angezeigt und vom Kassenterminal ausgelesen werden. Dieses Verfahren ist vor allem in Asien beliebt, in Deutschland und anderen westlichen Ländern aber ebenfalls üblich. „Anbieter wie Payback Pay und Bluecode oder Alipay und We Chat Pay aus China setzen auf diese Art der Übertragung“, sagt HDE-Experte Binnebößel. Wesentlich weiter verbreitet als QR-Codes sind hierzulande jedoch NFC-Chips. Das Kürzel steht für „Near Field Communication“ und bedeutet, dass der Chip sehr nah an das Terminal gehalten werden muss, damit die Daten übertragen werden können. 

          Die Technologie ist allerdings nicht auf Smartphones beschränkt, sondern kann in Kreditkarten und Girocards (die ehemaligen EC-Karten) integriert werden. Damit ist das Spektrum der Anwendungen freilich noch nicht erschöpft. „NFC-Chips können im Prinzip in den unterschiedlichsten physischen Trägern verbaut werden, so zum Beispiel in einer Uhr, einem Schlüsselanhänger oder einem Kleidungsstück. Für die Zahlung in einem Supermarkt, dessen Kassen mit NCF-fähigen Terminals ausgerüstet sind, spielt dies keine Rolle“, erläutert Fintech-Spezialist Grigo vom Fachverband Bitkom. 

          Solange Anbieter und Geräte auf derselben Technologie beruhen, beispielsweise NFC, können die Einzelhändler dieselben Terminals nutzen. Die Unternehmen haben daher schon recht früh begonnen, ihre Ladenkassen NFC-fähig zu machen. „Wir schätzen, dass inzwischen über 90 Prozent der Zahlungsterminals im Handel auf die kontaktlose Technologie umgerüstet sind. Damit ist eine flächendeckende Akzeptanz sichergestellt, einige wenige Unternehmen müssen noch ihre Terminals austauschen“, sagt Binnebößel vom HDE. Die Kölner Supermarktkette Rewe hat, einschließlich des zugehörigen Lebensmittel-Discounters Penny, den Übergang bereits abgeschlossen. „Wir unterstützen alle gängigen Verfahren“, sagt Rewe-Sprecher Andreas Krämer.   

          Allerdings sind die Anbieter von kontaktlosem Bezahlen nicht alle gleichermaßen beliebt. Apple Pay und Google Pay arbeiten mit Kreditkartenunternehmen wie Mastercard und Visa zusammen, die den Händlern auch bei Mobile Payment die üblichen Gebühren abknöpfen. „Da bei den nun ebenfalls NFC-fähigen Girocards der Banken diese sogenannten Scheme Fees entfallen, werden sie von vielen Händlern bevorzugt gesehen“, sagt Binnebößel vom HDE. 

          Bald biometrische Identifizierung

          Das nächste große Thema beim kontaktlosen Bezahlen ist die biometrische Verifizierung beispielsweise per Gesichtserkennung über eine kleine Kamera im Terminal an der Ladenkasse. Auch mit einem Scan des Auges können Käufer zuverlässig identifiziert werden. Schließlich kann der Kunde seinen Einkauf auch mit einem Fingerabdruck autorisieren. „Bei Apple Pay und Google Pay ist eine Verifizierung per Gesichtserkennung bereits gang und gäbe“, sagt Fintech-Fachmann Grigo von Bitkom. Auch der Online-Händler Amazon setzt auf biometrische Verfahren. Datenschützer haben freilich große Bedenken gegen solche Technologien. Auch aus diesem Grund denkt derzeit offenbar in Deutschland noch kein großer Einzelhändler daran, beim Einkaufen eine biometrische Verifizierung einzusetzen.

          „Wir beobachten diese Entwicklungen, haben aber Stand jetzt noch keine konkreten Pläne, um solche Verfahren in einem Teststore zu erproben“, sagt beispielsweise Sonja Moosburger von Media Markt Saturn. Auch Rewe behält die Entwicklungen im Auge. „Wie bei unseren Sortimenten wollen wir unseren Kunden auch im Hinblick auf die Bezahlmöglichkeiten zeitgemäße Alternativen anbieten“, sagt Firmensprecher Krämer. „Grundsätzliches Ziel ist es, auf Entwicklungen schnell und kompetent reagieren zu können, sprich ein entsprechendes Angebot zu machen, falls es Kunden wünschen.“

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