https://www.faz.net/-ivi-9wfvs
Verlagsspezial
Bildbeschreibung einblenden

: Unverpackt wird schick

Nachhaltigkeit wird zum Verkaufsargument: Immer mehr Verbraucher wünschen sich Produkte ohne Plastikverpackung. Bild: Pexels

Der Handel hat viele Möglichkeiten, mit digitalen Tools und Prozessen für mehr Nachhaltigkeit zu sorgen.

          3 Min.

          Nachhaltigkeit ist für viele Verbraucher wichtiger geworden: Über 90 Prozent der Konsumenten wünschten sich 2019 mehr Produkte ohne Plastikverpackung, so eine Umfrage des Instituts für Handelsforschung Köln. Die Digitalisierung eröffnet dem Handel neue Spielräume, auf diese Verbraucherwünsche zu reagieren. Beispielsweise kann das Smartphone mit seiner Fähigkeit, Informatio­nen abzurufen, dazu beitragen, dass mehr Produkte unverpackt verkauft werden können. Die Möglichkeiten der Digitalisierungen reichen aber weit darüber hinaus. Sie überzeugen auch betriebswirtschaftlich durch effizientere Prozesse, mit denen sowohl die Umwelt geschont als auch die Wettbewerbsfähigkeit verbessert werden kann.

          Wer etwa Gemüse und Obst umweltbewusst einkaufen möchte, kann auf Verpackungen verzichten oder Mehrwegbeutel für den Transport nutzen. Für den Handel sind Verpackungen allerdings nicht immer so einfach zu ersetzen. Sie dienen nicht nur dem Transport von Produkten und erhöhen die Haltbarkeit von Lebensmitteln, sondern erfüllen auch viele weitere Aufgaben: Sie ermöglichen es beispielsweise, die Ware zu dosieren und zu portionieren, im Verkaufsraum zu präsentieren, vor Diebstahl zu schützen sowie vor schädlichen Einflüssen zu bewahren. Nicht zuletzt sind Verpackungen ein idealer Ort, um Verbrauchern Informationen über die Ware zu vermitteln.

          Digitale Lösungen für die Kennzeichnungspflicht

          Dazu ist der Handel laut Lebensmittelinformations-Verordnung (LMIV) sogar verpflichtet. Verbraucher mit Allergien und Unverträglichkeiten müssen beispielsweise aus der Auflistung der Inhaltstoffe und Zutaten erkennen können, ob sich darunter mögliche Gefährdungen für sie befinden. Je nach Lebensmittel ist auch die Güteklasse sowie bei Fleisch, Eiern und Milcherzeugnissen auch ein Mindesthaltbarkeits- oder Verbrauchsdatum aufzuführen. All diese Informationen müssen die Verbraucher vor Kaufabschluss einsehen können. 

          Will der Handel auf Verpackungen verzichten, muss er Lösungen für die Kennzeichnungspflicht finden. Experten des Mittelstand-4.0-Kompetenzzentrums eStandards, das vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gefördert wird, haben einen Ansatz entwickelt, der es Kunden ermöglicht, Informationen zu Produkten auf ihrem Smartphone abzurufen. Dafür arbeitet das Kompetenzzentrum mit einem „Unverpackt-Laden“ in Köln zusammen. Die Idee dieser „Unverpackt-Läden“ besteht im Kern darin, möglichst viele Produkte lose anzubieten. Die Kunden können Waren wie Reis, Nudeln oder auch Drogerieartikel wie Shampoos aus großen Behältern in mitgebrachte oder im Geschäft ausgeliehene Mehrwegbehälter einfüllen. 

          Die Informationspflicht wird bei solchen Verkaufskonzepten bislang oft durch Zettel am Behälter oder an der Waage erfüllt. Dort ist jedoch meist nur Platz für Kleingedrucktes. Kundenfreundlicher dagegen ist die digitale Lösung, die den Verbrauchern QR-Codes anbietet, die sie einfach per Smartphone einscannen. Die Codes führen dann direkt auf eine Website, die Produktinformationen liefert. Zudem erhalten die Kunden auch Informationen darüber, wie viel Müll sie durch den losen Einkauf gegenüber konventionell verpackter Ware eingespart haben. Ein Ansatz für Super- und Baumärkte sind eigene Apps, mit denen Kunden Barcodes von den Produkten auslesen. Per erweiterter Realität – Augmented Reality – werden dann auf dem Smartphone-Display beispielsweise Rezeptideen präsentiert oder Allergiker vor allergieauslösenden Inhaltsstoffen gewarnt, ohne dass gedruckte Beileger nötig werden. 

          Nachhaltigkeit im Handel beginnt aber nicht erst im Verkauf. Bei der Verpackung verderblicher Lebensmittel etwa kommt es auch immer darauf an, die jeweils richtige Folie zu wählen. Ein abgepackter Wildkräutersalat benötigt beispielsweise eine andere Folie als eine Salatmischung mit Möhren und Trockenfrüchten. Wird die falsche Folie verwendet, hält das Produkt nicht so lange und wandert dann früher in den Müll. Um solche Fehlverpackungen künftig besser zu vermeiden, hat das Mittelstand-4.0-Kompetenzzentrum eStandards mit einem Hersteller von Verpackungsfolien für Lebensmittel zusammengearbeitet und eine digitale Rückverfolgbarkeit von Folien entwickelt. Der Lebensmittelhersteller kann nun jede Lebensmittelfolien-Charge mit Hilfe von Barcodes auslesen und identifizieren. Die Mitarbeiter an den Verpackungsmaschinen wissen so immer genau, ob sie auch tatsächlich die richtige Folie für das zu verarbeitende Produkt verwenden.

          Wichtig ist die Rückverfolgbarkeit von Produkten

          Die Kreislaufwirtschaft ist ein weiteres Beispiel dafür, wie mit Hilfe der Digitalisierung mehr Nachhaltigkeit im Handel verankert werden kann. Auch dabei spielt die digitale Rückverfolgbarkeit von Produkten eine große Rolle. So entwickelte das Kompetenzzentrum mit einem Hersteller von Rucksäcken ein nachhaltiges Kreislaufgeschäftsmodell. Das Ziel: Werden Rucksäcke nicht mehr getragen oder gebraucht, sollen sie zur Wiederverwertung an den Hersteller zurückgesendet werden. Die Identifizierung der Rucksäcke erfolgt auch hier mit Hilfe von Barcodes, so dass etwa Piraterie-Produkte von der Rücknahme ausgeschlossen werden können.  

          Die Digitalisierung erweitert die Möglichkeit des Handels nicht nur durch Online-Shopping: Sie kann an vielen Stellen dazu beitragen, dass Prozesse effizienter, Rohstoffe transparenter nachvollziehbar und Verpackungen optimierter werden. Der Handel ist daher gut damit beraten, auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit auf die Digitalisierung zu setzen.

          Martin Lundborg ist Leiter der Begleitforschung von Mittelstand-Digital, einem Förderschwerpunkt des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie.

          Zurück zur Übersicht

          Topmeldungen

          Einkäufe mit einer NFC-fähigen Karte oder dem Smartphone quasi im Vorbeigehen zu bezahlen wird bei Konsumenten immer beliebter. Auch der Handel schätzt die praktische Seite der Technologie. Die biometrische Verifizierung ist der nächste Schritt.

          : Zahlungsevolution im Bargeldland

          Mit Google Pay und Apple Pay setzt sich das kontaktlose Bezahlen im stationären Handel durch. Es bietet Kunden wie Händlern einige Vorteile, kommt den Handel im Vergleich zur Girocard aber teurer.
          Die App als persönlicher Shoppingassistent: Bonprix verbindet das analoge mit dem digitalen Einkaufserlebnis.

          : Wenn stationäre Stores zu Erlebniswelten werden

          Online-Shopping ist bequem, bietet aber kaum Emotionen. Das eröffnet dem stationären Handel neue Chancen. Viele Läden sind längst mehr als reine Shopping-Destinationen und spielen ihre Stärken online und offline aus.
          Der Mangel an Fachkräften kostet den Handel Kunden und Umsatz. Investitionen in die Gewinnung von Mitarbeitern können sich lohnen.

          : Mit Yoga und Diensträdern neue Mitarbeiter anlocken

          Auch dem Handel fehlt qualifiziertes Personal. Imagekampagnen, modernes Recruiting, Weiterbildung und attraktive Extraleistungen könnten helfen – und stehen bei Händlern immer höher im Kurs.