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Verlagsspezial

: Wappnen für den Brexit

  • -Aktualisiert am

Bild: peresanz/Adobe Stock

Der Termin für den Brexit steht fest, die Bedingungen sind jedoch noch immer ungeklärt. Worauf müssen sich Mittelständler, die mit Großbritannien Geschäfte machen, einstellen?

          3 Min.

          Eins ist klar: Die Briten werden die Europäische Union zum 29. März kommenden Jahres verlassen. Alles andere ist bisher unklar. Eine Einigung, wie der Austritt vollzogen werden soll, konnte bisher nicht erreicht werden. Nun wird im Oktober weiter verhandelt.

          Drei Szenarien stehen für die Zeit nach dem Brexit im Raum:

          • Ende der EU-Mitgliedschaft, kein Binnenmarkt, aber eine Zollunion. Für Waren, die zwischen EU und UK ausgetauscht werden, sind Zollformalitäten fällig. Gegenüber Drittstatten gelten britische Waren nicht mehr als europäisch.
          • Verlassen der Zollunion, dafür Freihandelsabkommen. Hier sind Zollformalitäten zu erwarten. Ursprungsregeln, die Auswirkungen auf Zollzahlungen haben, sind zu überprüfen. Britische Waren gelten nicht mehr als EU-Ursprung. Für Waren aus Drittländern, die über UK in die EU eingeführt werden (und umgekehrt) fallen Zollzahlungen an.
          • No Deal/harter Brexit – Rückfall auf den WTO-Status, weder Zollunion noch Freihandelsabkommen. In diesem Zustand gibt es überhaupt keine Zollvorteile für britische Waren mehr – sie sind gleichgestellt mit Waren aus anderen Drittländern. In jedem Fall sind Zollzahlungen notwendig. Gemeinsame Normen und Standards gelten nicht mehr. Unternehmen, die Handel mit UK treiben möchten, benötigen eine Zollsoftware.

          Die Zeit drängt. Wenn im Oktober ein Abkommen beschlossen wird, muss dieses noch ratifiziert werden. Und zwar sowohl von der EU wie vom britischen Unterhaus. „Neben der vertraglichen Ausgestaltung ist die machtpolitische Situation in Großbritannien momentan der große Ungewissheitsfaktor“, warnt Marc S. Tenbieg, Vorstand des Deutschen Mittelstands-Bunds (DMB). In einem „Whitepaper“ hat Großbritannien jedenfalls klargemacht: Eine Zollunion mit der EU komme nicht in Frage.

          Die EU ihrerseits hat Großbritannien ein Freihandelsabkommen angeboten. Fest steht bisher: In einer Übergangsphase bis Ende 2020 bleiben der gemeinsame Binnenmarkt und eine Zollunion vorerst bestehen.

          Der „No Deal“ wäre laut Marc S. Tenbieg das schlimmste Szenario für den deutschen Mittelstand. Er gibt zu bedenken, dass dann rund 21.000 EU-Regeln und Gesetze mit UK neu verhandelt werden müssten. „Durch Zölle würden die Waren nicht nur teurer, sondern bestehende Lieferketten auch bedeutend langsamer und logistisch komplizierter für exportierende Unternehmen.“ Er rät daher zu einer Bestandsaufnahme: Welche Beziehungen bestehen zu Großbritannien? Auch Rohstoff- oder Sublieferanten können betroffen sein. Daher muss die gesamte Lieferkette unter die Lupe genommen werden.

          Auch Volker Treier, Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), hält den No Deal für das gefährlichste Szenario. Er warnt: „Unsicherheit bringt zudem, dass Großbritannien zwar grundsätzlich EU-Regelungen übernehmen, aber dennoch dem Parlament ein Mitspracherecht einräumen will. Dies würde über kurz oder lang zu regulatorischen Unterschieden führen.“

          Probleme im Binnenmarkt

          Großbritannien bezog knapp 14 Prozent seiner Einfuhren aus Deutschland und exportierte rund elf Prozent seiner Ausfuhren nach Deutschland (GTAI 2017). Die wichtigste Sparte für den Handel zwischen Großbritannien und Deutschland ist die Automobilindustrie. Großbritannien ist ferner ein wichtiges Ziel für deutsche Auslandsinvestitionen: Diese lagen 2016 bei 118 Milliarden Euro (GTAI).

          Im Automobilsektor könnte der Brexit nach sich ziehen, dass von britischen Behörden ausgestellte Zulassungen für Kraftfahrtzeuge in der EU keine Geltung haben. In diesem Falle wäre eine erneute Zulassung durch eine EU-Behörde notwendig.

          Beim Brexit wird meist zuerst an den Austausch von Waren gedacht, doch der Binnenmarkt der EU regelt weitere Bereiche: Die Niederlassungsfreiheit für Arbeitnehmer, den Austausch von Dienstleistungen inklusive der Finanzdienstleistungen sowie Zulassungen und Zertifizierungen. Europäische Arbeitnehmer in England müssten nach dem Brexit eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis beantragen. Dies gilt auch für entsandte Arbeitnehmer, die einige Tage vor Ort sind, etwa um eine neue Montagelinie in Gang zu setzen.

          Wird ein Abkommen zur Sozialversicherung bestehen? Wenn nicht, müssten Sozialabgaben für entsandte Arbeitnehmer doppelt entrichtet werden, einmal in Deutschland und einmal in Großbritannien. Das CE-Siegel für Waren, das gewisse technische Mindeststandards garantiert, würde für Produkte aus UK nicht mehr gelten. Die Waren müssten beim Import erneut mit dem CE-Siegel zertifiziert werden.

          Auch chemische Substanzen benötigen in der EU eine Zulassung. Die Zulassungen von britischen Stellen gelten nach einem BREXIT nicht mehr. „Veränderte Rahmenbedingungen sind für KMU leider immer eine große Herausforderung, da sie in der Regel keine großen juristischen Abteilungen beschäftigen und es an Know-how zu nicht-tarifären Handelshemmnissen schlichtweg fehlt“, warnt Marc S. Tenbieg vom DMB. „Wenn ein wichtiger Kunde oder Lieferant wegfällt, kann das für einen mittelständischen Betrieb schnell geschäftsgefährdend sein."

          „Der Mittelstand verfügt über weniger Ressourcen als Großunternehmen, welche seit dem Brexit-Votum vor über zwei Jahren über eigene Brexit-Teams verfügen, die sich eingehend mit den unterschiedlichen Szenarien beschäftigen und Notfallpläne erarbeiten“, macht Volker Treier vom DIHK deutlich. „Die drohende Einführung von Zöllen gehört sicherlich zu den größten Herausforderungen für Unternehmen, die bisher keine Erfahrung damit haben.“

          Welchen bürokratischen und finanziellen Aufwand der Brexit verursacht, hat die DIHK berechnet. Demnach sind Kosten in Höhe von 500 Millionen Euro allein für Zollanmeldungen und Präferenznachweise zu erwarten.  

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