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Verlagsspezial

: Verbesserte Aussichten für Betroffene mit Multipler Sklerose

  • -Aktualisiert am

Eine individuelle, auf den einzelnen Patienten zugeschnittene Behandlungsstrategie ist für den Therapieerfolg entscheidend. Bild: Hairem/Fotolia

Die öffentliche Wahrnehmung assoziiert die Krankheit Multiple Sklerose mit starken Beeinträchtigungen und dem Bild des Rollstuhls. Dank vielfältiger Therapieoptionen hat sich die Prognose für viele Patienten in den letzten Jahren deutlich verbessert. Doch die Behandlung gehört in die Hände von Spezialisten.

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          Multiple Sklerose (MS) ist eine chronische Entzündungserkrankung des zentralen Nervensystems, die meistens im jüngeren Erwachsenenalter zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr ausbricht. Zwei Drittel der Betroffenen sind Frauen. Nach neueren Erhebungen ist davon auszugehen, dass etwa 200 000 Menschen in Deutschland an MS erkrankt sind. Der Erkrankung liegt mit höchster Wahrscheinlichkeit eine Fehlsteuerung des Immunsystems zugrunde, bei der körpereigene Immunzellen Bestandteile des zentralen Nervensystems, nämlich Gehirn und Rückenmark, angreifen und die Myelin genannte Isolierschicht der Ausläufer von Nervenzellen beschädigen.


          Vielfältige Folgen und zwei unterschiedliche Formen

          Als Folge dieser chronischen Entzündung können dauerhafte Behinderungen in Form von Lähmungen, Gleichgewichts- und Sehstörungen, Konzentrations- und Gedächtniseinbußen sowie Blasen- und Darm-Entleerungsstörungen auftreten. Bei etwa 90 Prozent aller Patienten verläuft die Erkrankung zu Beginn schubförmig, das heißt, es kommt zu wiederkehrenden, zeitlich abgrenzbaren, neurologischen Ausfällen, die sich vollständig, aber auch inkomplett zurückbilden können. Mit zunehmender Dauer der Erkrankung wächst das Risiko, dass der schubförmige Charakter verlorengeht und in eine schleichende Verschlechterung übergeht – Neurologen sprechen von sekundärer Progredienz. Etwa zehn Prozent der MS-Betroffenen weisen keine Schübe auf, sondern zeigen von Beginn an einen schleichenden Verlauf, die sogenannte primäre Progredienz. In den vergangenen Jahren konnten immense Fortschritte bei der medikamentösen Behandlung erzielt werden. Mittlerweile gibt es 16 Therapien, die für die MS-Behandlung zugelassen sind, die ganz überwiegende Mehrzahl für die schubförmige Verlaufsform. In diesem Jahr wurde erstmalig auch eine Substanz zur Behandlung der primären Progredienz auf den Markt gebracht. Neben den Fortschritten bei der medikamentösen Behandlung haben sich weitere interessante Perspektiven beispielsweise in Bezug auf Lebensführung, Ernährung und sportliche Aktivität ergeben.


          Medikamentöse Therapie orientiert sich an der Krankheitsaktivität

          Die klinische Forschung hat wichtige neue Erkenntnisse bei der Charakterisierung individueller Krankheitsverläufe erbracht. Danach lässt sich eine Differenzierung der MS anhand der Krankheitsaktivität – gemessen an Schüben, zunehmender Behinderung und Entzündungsaktivität in der MR-Tomographie sowie der Gedächtnisleistung – in eine niedrig/moderat aktive und hoch aktive Verlaufsform treffen. Diese Unterscheidung hat unmittelbare therapeutische Konsequenzen, da für die unterschiedlichen Verläufe jeweils Medikamente zur Verfügung stehen, die sich hinsichtlich der Wirksamkeit, aber auch potentieller Nebenwirkungen deutlich unterscheiden.
          Neben den seit den 90er Jahren verfügbaren rekombinanten Interferon-beta Präparaten und Glatirameracetat sind in den vergangenen Jahren noch Dimethylfumarat und Teriflunomid als Behandlungsoptionen für den moderat aktiven Krankheitsverlauf hinzugekommen. Für die hochaktive Verlaufsform stehen neben den monoklonalen Antikörpern Natalizumab, Alemtuzumab und Ocrelizumab noch die Präparate Fingolimod und Cladribin zur Verfügung. Im klinischen Alltag ist es essentiell, die individuelle Krankheitsaktivität korrekt einzuschätzen, um nach Abwägen von Nutzen und Risiko die angemessene Therapie zum richtigen Zeitpunkt einzusetzen.
          Neben der Unterscheidung der individuellen Krankheitsaktivität hat sich der frühzeitige Beginn einer Immuntherapie nach Diagnosestellung als generelles Therapiekonzept fest etabliert, da die frühzeitige Reduktion der entzündlichen Aktivität den Krankheitsverlauf langfristig stabilisieren kann.


          Lebensstil-Faktoren können zusätzlich unterstützen

          Viele MS-Betroffene interessieren sich berechtigterweise dafür, was sie über medikamentöse Therapien hinaus an ihrer Lebensführung ändern können. In diesem Zusammenhang hat sich moderater Ausdauersport als wichtige symptomatische Maßnahme erwiesen. Galt körperliche Betätigung vor zwei Jahrzehnten noch als gefährlich und stand im Ruf, den Krankheitsverlauf negativ zu beeinflussen, haben zahlreiche Untersuchungen der vergangenen Jahre gezeigt, dass sportliche Aktivität einen positiven Effekt auf die Müdigkeitssymptomatik Fatigue und das körperliche Wohlbefinden im Sinne einer verbesserten Lebensqualität haben können. Darüber hinaus wird das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen gesenkt.
          Seit vielen Jahren wird der Einfluss der Ernährung auf den Verlauf der MS diskutiert. Die westliche Ernährung, die mit einer vermehrten Aufnahme mehrfach gesättigter Fettsäuren (Omega-6-Fettsäuren) und sogenannter Transfettsäuren einhergeht, führt im Immunsystem zu einer Aktivierung von bestimmten Immun- und Fresszellen. Umgekehrt haben sogenannte mehrfach ungesättigte Fettsäuren (Omega-3-Fettsäuren) einen hemmenden Einfluss auf diverse Entzündungsreaktionen im Immunsystem. Kürzlich konnte von einer Arbeitsgruppe aus Bochum gezeigt werden, dass kurzkettige Fettsäuren wie Propionsäure zu einer Aktivierung von regulatorischen Immunzellen in der Darmwand führen. Basierend auf diesen Befunden, werden seit Jahren verschiedene Diäten als mögliche MS-Therapien propagiert. Allerdings ist es bis heute nicht gelungen, nach strengen wissenschaftlichen Kriterien einen Wirksamkeitsnachweis dieser Diäten auf den Verlauf der MS zu erbringen.
          Unumstritten ist die Tatsache, dass Raucher ungünstigere Krankheitsverläufe als Nichtraucher aufweisen und dass Rauchen das Risiko für den Ausbruch der Erkrankung erhöht. Daher ist eine Nikotin-Karenz in jedem Fall eine therapeutisch sinnvolle Maßnahme.


          MS-Krankheit und Schwangerschaft lassen sich vereinbaren

          Dass ein Vitamin-D-Mangel beim Ausbruch der MS eine Rolle spielt, ist seit Jahrzehnten bekannt. In den vergangenen Jahren haben zahlreiche Untersuchungen gezeigt, dass ein Vitamin-D-Mangel auch nach dem Ausbruch der Erkrankung den Krankheitsverlauf möglicherweise ungünstig beeinflussen kann. Auch wenn es bis heute keine definitive Empfehlung gibt, welche Vitamin-D-Spiegel für MS-Betroffene günstig sind, hat es sich im klinischen Alltag etabliert, niedrige Vitamin-D-Spiegel durch Einnahme Vitamin-D-haltiger Präparate als Nahrungsergänzung auszugleichen.
          Über viele Jahrzehnte wurde behauptet, dass Schwangerschaften den Krankheitsverlauf von an MS erkrankten Frauen verschlechtern würden. Auch diese Annahme konnte mittlerweile eindeutig widerlegt werden. Lediglich nach der Entbindung besteht ein erhöhtes Schubrisiko, das jedoch keinen langfristigen Einfluss auf den Krankheitsverlauf hat. Darüber hinaus wird das Schubrisiko durch die Krankheitsaktivität vor Eintritt der Schwangerschaft bestimmt, das heißt, das Risiko einer Frau, bei stabilem Verlauf einen Schub nach der Entbindung zu erleiden, ist vergleichsweise gering. Auch das Stillen hat sich als eher förderlich erwiesen, so dass – in Abhängigkeit vom Krankheitsverlauf – kein generelles Stillverbot aufrechterhalten werden kann. Zusammenfassend ergibt sich heute aus dem Zusammenspiel effektiver medikamentöser und symptomatischer Therapien für viele MS-Betroffene die Chance, trotz der Erkrankung über viele Jahre ein privat, sozial und beruflich erfülltes Leben zu führen.

          Professor Dr. med. Stephan Schmidt ist als niedergelassener Facharzt für Neurologie im Gesundheitszentrum St. Johannes in Bonn tätig.

          Multiple Sklerose: frühe Therapie verbessert Prognose

          Wie gut die Langzeitprognose eines Patienten mit einer Multiplen Sklerose (MS) ausfällt, hängt zu einem großen Teil auch vom Behandlungsbeginn ab. Laut des Berichts „Brain health – Time matters in multiple sclerosis“ haben mehrere Studien gezeigt, dass eine frühzeitig eingeleitete verlaufsmodifizierende Therapie bessere Behandlungsergebnisse verspricht als eine zu einem späteren Zeitpunkt begonnene Therapie.
          Bei der MS handelt es sich um eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die meist im Alter zwischen 20 und 40 diagnostiziert wird. Auf der ganzen Welt leiden circa 2,5 Millionen Menschen darunter – nach neusten Berechnungen rund 240000 davon in Deutschland. Die Erkrankung tritt damit deutlich häufiger auf als bisher angenommen. Das geht aus einem Bericht des Versorgungsatlas, eine Einrichtung des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi), hervor. Vermutlich sind neben einer höheren Lebenserwartung verschiedene Umweltfaktoren für die steigenden Zahlen verantwortlich.
          Meist verläuft MS schubförmig, doch sie kann sich von Patient zu Patient sehr unterschiedlich manifestieren. Symptome reichen von Sehstörungen über Taubheitsgefühle bis hin zu Lähmungserscheinungen.
          Auch wenn die MS bislang nicht heilbar ist, ist sie mit Medikamenten inzwischen relativ gut behandelbar. Die Erkrankung muss nicht zwangsläufig bleibende Behinderungen nach sich ziehen. Ein frühzeitiger Behandlungsbeginn spielt hierbei eine große Rolle: So kann von Anfang an die Zahl der potentiellen Schübe vermindert und die Zunahme an Schädigungen verzögert werden.

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