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Verlagsspezial

: Schlaganfall – besser behandeln und vorbeugen

  • -Aktualisiert am

Ein Schlaganfall trifft Menschen aus heiterem Himmel. Nur ein schnelles ärztliches Eingreifen kann Spätfolgen reduzieren. Bild: Dmytro Tolokonov/Fotolia

Schlaganfälle sind weltweit die dritthäufigste Todesursache und die häufigste Ursache für eine bleibende Behinderung. Seit neuestem können viele, aber längst nicht alle Patienten in der Akutphase erfolgreich behandelt werden. Daher ist eine wichtige Frage: Wie können wir Schlaganfälle zukünftig besser verhindern?

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          Schlaganfälle sind häufig: Allein in Europa erleiden jährlich etwa 1,5 Millionen Menschen einen Schlaganfall, und mehr als 8 Millio­nen Menschen leben mit den Folgen eines solchen Akutereignisses. Diese Zahlen werden in Zukunft steigen, da sich das Schlaganfallrisiko exponentiell mit dem Alter erhöht. Experten rechnen aufgrund der zunehmenden demographischen Überalterung mit einem 50-prozentigen Anstieg bis 2050. Auslöser für ein Schlaganfallereignis sind entweder die Verstopfung einer hirnversorgenden Arterie mit der Folge einer unterbrochenen Blut- und damit Sauerstoffversorgung des betroffenen Hirngebietes oder in selteneren Fällen eine Hirnblutung. Die damit einhergehenden Schädigungen des Gehirns führen schlagartig zu Verlust oder Einschränkungen der Sprache, der körperlichen Motorik oder des Sehens.


          Frühe Behandlung entscheidet über den Therapieerfolg

          Noch vor 25 Jahren konnte der  akute Schlaganfall nicht wirksam behandelt wer-den. Seitdem hat sich die Schlaganfallmedizin zu einem erfolgreichen therapeutischen Fach entwickelt. In Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern werden heute die meisten akuten Schlaganfallpatienten auf spezialisierten Stationen, den Stroke Units, in interdisziplinären Teams unter der Leitung von Neurologen behandelt. Das hat die Sterblichkeit im Krankenhaus um ein Fünftel Prozent gesenkt. Zum Beispiel werden Schluckstörungen, die bei der Hälfte akuter Schlaganfallpatienten vorkommen, sofort erkannt und damit oft tödliche Lungenentzündungen vermieden. Medikamente können im Rahmen der Lysetherapie Blutgerinnsel auflösen, die eine Hirnarterie verstopfen. Hierbei gilt „Time is Brain“: Je schneller diese Therapie nach Beginn der Schlaganfallsymptome begonnen wird, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass sich Schäden wieder zurückbilden. Aktuell gilt eine Zeitgrenze von 4,5 Stunden. Deswegen bleibt es wichtig, die Bevölkerung mit Kampagnen aufzuklären, Schlaganfallsymptome sofort und richtig zu erkennen und die Notrufnummer 112 zu wählen. Das erhöht den Anteil von Patienten, die rechtzeitig das Krankenhaus erreichen.


          Zerstörtes Hirngewebe möglichst schnell und gezielt retten

          Eine weitere bahnbrechende Entwicklung ist die endovaskuläre Thrombektomie. Hierbei wird das Blutgerinnsel durch ein spezielles Instrument direkt vor Ort aus der verschlossenen Hirnarterie herausgezogen. Dieses Verfahren ist deutlich wirksamer als die alleinige Lysetherapie, kommt aber aktuell nur für fünf bis zehn Prozent aller akuten Schlaganfallpatienten in Frage und wird auch nur in Großkrankenhäusern mit der nötigen Expertise angeboten. Neue Daten zeigen, dass unter bestimmten Voraussetzungen Patienten auch jenseits der ersten Stunden nach Schlaganfallbeginn, eventuell bis zu 24 Stunden, von der endovaskulären Thrombektomie profitieren. Voraussetzung ist, dass das Hirngewebe zwar kritisch minderdurchblutet, aber noch nicht unwiderruflich geschädigt ist, was mit modernen bildgebenden Verfahren wie der Magnetresonanztomographie nachgewiesen werden kann. Damit rückt neben „Time is Brain“ eine andere wichtige Strategie zusätzlich immer mehr in den Blick: Gibt es Hirngewebe, das noch gerettet werden kann? Eine multizentrische europaweite Studie unter Leitung des Zentrums für Neurologie in Tübingen untersucht aktuell, ob minderdurchblutetes Gewebe durch Sauerstoffgabe bereits im Notarztwagen besser geschützt werden kann.  Moderne bildgebende Verfahren erlauben, auch das Alter eines Hirn­infarktes abzuschätzen. Somit können auch Patienten mit unbekanntem Beginn der Schlaganfallsymptome potentiell mit den gefäßeröffnenden Therapien behandelt werden, wie bei Schlaganfällen während des Schlafes, die immerhin etwa 20 Prozent aller Schlaganfälle ausmachen.

          Individuelle Maßnahmen zur Vorbeugung

          Diese Erfolge in der Akuttherapie des Schlaganfalls ersetzen aber nicht die Prävention: Wie kann ein erster oder ein erneuter Schlaganfall verhindert werden? Um einem erneuten Schlaganfall vorzubeugen, muss die Ursache des ersten Schlaganfalls – oder der transitorischen ischämischen Attacke –  richtig diagnostiziert werden. Mit diesem Wissen können präventive Maßnahmen individuell angepasst werden. Patienten mit einer arteriosklerotischen Verengung einer hirnversorgenden Arterie profitieren von einem Stent oder einer gefäßchirurgischen Behandlung und der zusätzlichen medikamentösen Therapie mit Blutplättchenhemmern, beispielsweise Aspirin. Patienten mit Gerinnselbildung im Herzen, oft im Rahmen von Vorhofflimmern, nützen dagegen blutverdünnende Medikamente wie Marcumar oder moderne sogenannte direkte orale Antikoagulantien. Um die Schlaganfallursache korrekt zu bestimmen, wird auf der Stroke Unit regelmäßig eine umfangreiche Diagnostik durchgeführt: bildgebende Darstellung der hirnversorgenden Gefäße, Herz-Ultraschall, Langzeit-EKG, Gerinnungslabor. Trotzdem bleibt die Ursache bei etwa einem Viertel der Schlaganfälle unklar. Wie wir diese große Gruppe von Patienten am wirksamsten vorbeugend behandeln können, ist noch unklar und wird aktuell in großen Studien untersucht, auch unter Federführung von Tübinger Neurologen und Kardiologen.
          Die Umstellung des Lebensstils kann ebenfalls Schlaganfälle vorbeugen: Regelmäßige ausdauersportliche Aktivität und mediterrane Ernährung unter weitgehender Vermeidung tierischer Fette können das Risiko für und das Ausmaß von Bluthochdruck, Hypercholesterinämie, Übergewicht und Diabetes mellitus signifikant senken. Hierbei helfen Kampagnen und Aktionsprogramme zur Verbesserung der Gefäßgesundheit der Bevölkerung, für nachhaltige Erfolge müssten sie aber regelmäßig wiederholt werden. Telemedizinische Konzepte wie das Auswerten von Daten aus kardialen Ereignisrecordern oder aus Wearables werden in der Prävention des Schlaganfalls und anderer Herz-Kreislauf-Erkrankungen zukünftig immer mehr an Bedeutung gewinnen.

          Spätfolgen reduzieren und Versorgung verbessern

          Anhaltende Folgen nach einem Schlaganfall wie Lähmungen, Sprach-, Schluck- oder Sehstörungen oder Einbußen des Denkvermögens zu therapieren ist das Aktionsfeld der Neurorehabilitation. Sie findet in Deutschland hauptsächlich in spezialisierten Rehabilitationskliniken im Anschluss an die Versorgung in den Akutkrankenhäusern statt. Auch hier wurden in der jüngsten Zeit beachtliche Fortschritte erzielt, etwa durch den Einsatz von Robotik, Virtual Reality, Gamification oder nichtinvasiver Hirnstimulation.
          Prävention, Diagnostik und Therapie des Schlaganfalles und seiner Folgen haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten enorme Fortschritte gemacht. Heute können Schlaganfallpatienten dank eines immensen Wissenszuwachses durch neurologische Forschung besser denn je behandelt werden. Aber es gibt keinen Grund, sich zurückzulehnen: Viele Fragen müssen noch beantwortet werden. Und die großen Fortschritte stehen erst am Anfang, sie müssen den Weg in die breite Versorgung finden.

          Prof. Dr. Ulf Ziemann ist klinischer Direktor der Abteilung Neurologie mit Schwerpunkt neurovaskuläre Erkrankungen und Neuro­onkologie an der Universitätsklinik Tübingen und Ko-Direktor am Hertie-Institut für klinische Hirnforschung der Eberhard Karls Universität Tübingen.

          Schlaganfall-Prophylaxe – das sollte jeder wissen

          Ein Schlaganfall kommt plötzlich und unerwartet, er kann jeden treffen, vom Säugling bis zum Greis. Doch das Schlaganfallrisiko steigt für jeden Menschen mit zunehmendem Alter – die Hälfte der Schlaganfallpatienten ist über 75 Jahre alt. Daneben können vererbbare Faktoren das Risiko erhöhen und zu einem gehäuften Auftreten von Schlaganfällen in einer Familie führen. Daneben gibt es beinflussbare Risikofaktoren.

           

          Bluthochdruck kontrollieren

          Es gilt: je höher der Blutdruck, desto höher das Schlaganfallrisiko. Ein unbehandelter Bluthochdruck schädigt die Gefäßwände und begünstigt die Entstehung von Arteriosklerose. In Deutschland leben etwa 35 Millionen Menschen mit Bluthochdruck. Allerdings weiß nur jeder Zweite von seiner Krankheit, weil sie anfangs keine spürbaren Beschwerden verursacht.
          Neben der medikamentösen Therapie kann ein gesunder und aktiver Lebensstil helfen, den Blutdruck zu senken. Dazu gehören ein normales Körpergewicht, ausgewogene Ernährung und ausreichend Bewegung, wobei bereits 30 Minuten Bewegung pro Tag eine positive Wirkung zeigen.


          Vorhofflimmern abklären

          Eine spezielle Form der Herzrhythmusstörung ist das Vorhofflimmern, für das unregelmäßige Herzschläge äußert charakteristisch sind. Das Flimmern der Vorhöfe stört wiederholt die Pumpfunktion des Herzens, so dass das Blut nicht mehr vollständig aus den Vorhöfen bewegt wird, es staut sich, kann verklumpen und Blutgerinnsel bilden. Löst sich ein solches Gerinnsel, kann es mit dem Blutstrom ins Gehirn wandern und Gefäße verschließen. Die Folge sind schwere Schlaganfälle.

           

          Blutwerte regelmäßig überprüfen

          Die Volkskrankheit Diabetes mellitus und damit erhöhte Blutzuckerwerte sowie erhöhte Blutfettwerte sind Risikofaktoren für ein Schlaganfall-Ereignis. In Deutschland leben etwa sechs bis acht Millionen Menschen mit Diabetes mellitus. Sie haben ein zwei- bis dreifach erhöhtes Schlaganfall-Risiko. Störungen im körpereigenen Fettstoffwechsel zeigen sich in erhöhten Cholesterin- und/oder zu hohen Triglycerid-Werten. Da sich Fette – insbesondere das LDL-Cholesterin ist hier von Bedeutung – an den Gefäßwänden ablagern können, fördern sie die Entstehung von Arteriosklerose und damit steigt das Schlaganfallrisiko.


          Regelmäßig bewegen, Übergewicht reduzieren

          Von Übergewicht und von starkem Übergewicht (Adipositas, mit einem BMI von über 30) sind auch in Deutschland immer mehr Menschen betroffen. Sie haben ein deutlich erhöhtes Krankheits- und Sterberisiko. Zu den Folgen gehören Dia­betes, Bluthochdruck und Gefäßkrankheiten, die oft zu Schlaganfällen führen. Die Hauptursachen liegen in einem Mangel an körperlicher Bewegung und in einer übermäßigen Aufnahme von meist kalorienverdichteten Nahrungsmitteln.

           

          Rauchen und Alkoholkonsum minimieren

          Aktives und passives Rauchen verschlechtern die Durchblutung, begünstigen Bluthochdruck und lassen die Herzfrequenz steigen. Das Schlaganfallrisiko von Rauchern ist um mehr als das Doppelte erhöht. Ein hoher Alkoholkonsum schädigt die Leber und führt zu Bluthochdruck sowie einem höheren Risiko für Hirnblutungen. Mittlerweile zeigen sich in Studien auch bei geringem Konsum nachteilige gesundheitliche Wirkungen.

          Weitere Informationen: www.schlaganfall-hilfe.de

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