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Verlagsspezial

Interview : „Den chronischen Untergang von Nervenzellen stoppen“

  • Aktualisiert am

Bild: radachynskyi/Fotolia

Neurodegenerative Krankheiten sind vielfältig in ihren Krankheitsbildern, sie eint der chronische Untergang von Nervenzellen durch Entzündungsprozesse. Anna Seidinger spricht mit Heinz Wiendl, Direktor der Klinik für Neurologie des Universitätsklinikums Münster, über Fortschritte in der Therapie und die zukünftigen Herausforderungen.

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          Herr Professor Wiendl, zu Ihrem Fachgebiet gehören die entzündlichen neurodegenerativen Erkrankungen, von denen die häufigste und bekannteste die Multiple Sklerose ist. Hier gab es in den vergangenen Jahren große Fortschritte in der Behandlung. Können Sie diese zusammenfassen?
          Patienten profitieren wesentlich von den Fortschritten auf dem Gebiet der therapeutischen Innovationen. Hier sind insbesondere die Möglichkeiten zu nennen, die Krankheitsaktivität der MS sehr effektiv zu unterdrücken. Es gibt sogar ein neues Therapiekonzept, nämlich die relativ kurzfristige Beeinflussung des Immunsystems, die auch über längere Therapiepausen hinweg anhält – es sind die sogenannten pulsierten Immunrekonstitutionstherapien. Zudem ist nun ein erstes Medikament zur Therapie der progredienten Form zugelassen, für die es bislang keine Therapie gab. Enorm verbessert haben sich die Erkenntnisse über Krankheitsgeschehen auf molekularer Ebene und die Möglichkeiten für eine präzise und frühe Diagnose. Nach dem aktuellen Wissensstand ist es wichtig, so früh wie möglich in den Krankheitsprozess einzugreifen, um die Spätfolgen zu reduzieren und im Idealfall sogar zu verhindern.

          Wie kommt es überhaupt dazu, dass das Immunsystem das körpereigene Nervensystem angreift?
          Man geht davon aus, dass aufgrund einer genetischen Empfänglichkeit Prozesse der Immuntoleranz gestört werden, die normalerweise in der Lage sind, fremde und körpereigene Strukturen voneinander zu unterscheiden. Durch das Zusammenspiel von erblichen Faktoren sowie Umwelt- und Lebensstilfaktoren kommt es offensichtlich zu einem Bruch der Immuntoleranz und zu einer Störung der immunregulatorischen Netzwerke – es kommt zu einer Attacke gegen zentralnervöse Strukturen, also einem autoimmunen Prozess. Dabei handelt es sich um die klassischen Mechanismen einer Autoimmunerkrankung, verkompliziert durch einige Besonderheiten des Nervensystems. Es kann sich, wenn es einmal geschädigt ist, nicht wieder gut reparieren. Deshalb spricht man sowohl von einer klassischen Autoimmunerkrankung, aber auch von einer neurodegenerativen Erkrankung.

          Daneben beschäftigen Sie sich mit seltenen Erkrankungen des Nervensystems. Welche Gemeinsamkeiten gibt es dabei?
          Unter die Definition einer seltenen Erkrankung fallen viele neurologische Erkrankungen. Als ihr gemeinsamer Nenner ist der chronische Untergang von Gewebe im Nervensystem zu sehen. Darunter gibt es eine Gruppe, denen Veränderungen des Erbguts zugrunde liegen, man bezeichnet sie als genetisch-angeborene neurodegenerative Er­krankungen. Eine zweite Gruppe umfasst die erworbenen neurodegenerativen Erkrankungen, bei denen insbesondere veränderte Zelleiweißstoffe den Krankheitsprozess in Gang setzen. Sie führen zum Beispiel zu Bewegungsstörungen oder Störungen der Gedächtnisleistung. Davon abgegrenzt werden normalerweise die primär entzündlich vermittelten Erkrankungen, die initial schon von Elementen des Immunsystems ausgelöst und vorangetrieben werden. Krankheitsauslöser können manchmal eindeutig bestimmt werden, oft aber auch nicht. Da die Neurologie das zentrale und periphere Nervensystem, die neuromuskuläre Synapse sowie die Muskeln umfasst, gibt es in allen diesen Bereichen seltene Erkrankungen. Eine grundlegende Gemeinsamkeit, die in den vergangenen Jahren definiert wurde, sind tatsächlich die Entzündungsprozesse, die immer besser verstanden und beeinflusst werden können.

          Eine große Herausforderung ist die Diagnose von seltenen Erkrankungen, weil es aufgrund der wenigen Fälle nur wenige Ärzte gibt, die sie erkennen können. Welche Empfehlungen können Sie Betroffenen, die zwar mit Beschwerden, jedoch noch ohne eindeutige Diagnose leben, geben?
          Viele dieser Menschen irren lange ohne Dia­gnose im medizinischen System umher. Deshalb gibt es heute auch in der Neurologie Zentren, die auf ganz bestimmte Krankheitsbilder spezialisiert sind. Zudem versucht man, über Netzwerke die Versorgung von Patienten mit seltenen Erkrankungen besser zu organisieren, indem ein interdisziplinärer Austausch verschiedener Fachärzte und Spezialisten ermöglicht wird. Denn nicht jede dieser Erkrankungen ist auf ein Organsystem beschränkt. Die Neurologen gelten als die Detektive unter den Diagnostikern, so dass man möglicherweise empfehlen kann, bei schwer definierbaren und insbesondere chronischen Beschwerden des Nervensystems zumindest einen Facharzt für Neurologie oder ein ausgewiesenes Zentrum für die Diagnose und Therapie seltener Erkrankungen aufzusuchen.

          Ein Beispiel ist die „therapierefraktäre generalisierte Myasthenia gravis“, deren medizinische Leitlinie Sie unter anderen mitentwickelt haben. Was steckt hinter diesem Zungenbrecher?
          Die Myasthenia gravis ist für sich genommen bereits eine seltene Erkrankung, bei der Autoimmunreaktionen an der Kontaktstelle zwischen Nervenzellen und Muskel die Signalübertragung stören und zu einer fortschreitenden Entzündung führen. Es kommt zu einer belastungsabhängigen Muskelschwäche, die typischerweise die Muskeln für die Bewegung von Augen und Augenlidern sowie Gesichts- und Rachenmuskulatur betrifft. Die Betroffenen neigen zu hängenden Augenlidern, sehen Doppelbilder und leiden unter Kau-, Schluck- und Sprechstörungen. Daneben können auch große Muskelgruppen betroffen sein, die das Atmen und alle anderen Körperbewegungen einschränken. Unter fehlerhafter Medikation, durch Infekte oder Operationen kann sich der Gesundheitszustand krisenhaft verschlechtern. Bei diesen myasthenen Krisen können akute Atemnot oder Schluckstörungen auch zum Tod führen.

          Wie sieht die Behandlung dieser Patienten aus?
          Die Therapie besteht zum einen in einer medikamentösen Verstärkung der Signalübertragung an der neuromuskulären Synapse mittels sogenannter Acetylcholinesterase-Inhibitoren und zum anderen in einer Hemmung der zur Antikörperbildung führenden Autoimmunreaktion. Bei myasthenen Krisen erfolgt zudem die rasche Entfernung der Autoantikörper mittels einer Blutwäschebehandlung oder Immunglobulin-Infusionen. Zehn bis 20 Prozent der Patienten haben eine sogenannte therapierefraktäre Myasthenia gravis, bei der bestehende oder verfügbare Therapien eben nicht hinreichend wirken, sie müssen oft dauerhaft mit den behindernden Symptomen und häufigen myasthenen Krisen leben.

          Auch für diese Fälle gibt es mittlerweile eine Therapie. Wie sieht diese aus?
          Für die sehr seltene therapierefraktäre Myasthenie ist seit etwa einem Jahr der monoklonale Antikörper Eculizumab zugelassen, womit ein Teil der zerstörenden Prozesse über die Beeinflussung des Komplementsystems gezielt unterbunden wird. Damit steht erstmals eine zugelassene, wenn auch sehr teure, Therapie zur Verfügung, die den Patienten anfangs wöchentlich, später vierzehntägig als Infusion verabreicht wird. Die Symptome verbessern sich damit idealerweise bei einigen Patienten innerhalb weniger Wochen deutlich, und ihr Erkrankungsverlauf lässt sich stabilisieren. Man muss allerdings relativieren, dass das nicht bei allen Patienten funktioniert. Und: Das Medikament ändert nichts am grundsätzlichen Problem der Erkrankung, nämlich der Neigung des Immunsystems, die neuromuskuläre Synapse zu attackieren.

          Können von dieser Therapie auch ­Patien­ten mit anderen neurodegenerativen Erkrankungen profitieren?
          Derzeit finden Studien zur Wirksamkeit von Eculizumab in entzündlich-degenerativen Erkrankungen des zentralen Nervensystems statt, unter anderem für Neuromyelitis optica. Diese seltene Erkrankung geht typischerweise mit schweren Entzündungen von Sehnerven und Rückenmark einher, es kann zur Erblindung und zur spastischen Lähmung beider Arme und Beine kommen. Denkbar ist eine Wirksamkeit bei anderen Erkrankungen mit ähnlichen Entzündungsprozessen wie die autoimmunen Enzephalitiden und die autoimmunen Myositiden. Zudem gibt es die Idee, dass eine akute seltene Erkrankung des peripheren Nervensystems, das Guillain-Barré-Syndrom, welches teilweise sehr schwer verlaufen kann, über diesen Antikörper positiv beeinflusst werden kann. Geforscht wird an der Frage, ob er auch bei den häufigen neurologischen Erkrankungen wie Multiple Sklerose, Schlaganfall und Alzheimer-Demenz wirken könnte.

          Was wünschen Sie sich für die Versorgung von zunehmend mehr Patienten mit neurodegenerativen Erkrankungen in Deutschland?
          Neurodegenerative Erkrankungen kommen auf unsere Gesellschaft zu wie ein sehr langsamer, aber sicherer Tsunami. Dieser Aufgabe muss sich das Gesundheitssystem stellen, zum einen über das Angebot entsprechender Versorgungsstrukturen, zu denen natürlich auch Einrichtungen für die optimale Diagnose und Versorgung von seltenen Erkrankungen gehören. Damit geht ein zweiter Wunsch einher: Das Gesundheitssystem sollte die zum Teil drastisch höheren Kosten für die Diagnose und Therapie bestimmter neurodegenerativer seltener Erkrankungen entsprechend honorieren. Denn der Aufwand, eine seltene Erkrankung zu diagnostizieren und den Patienten danach therapeutisch zu begleiten, steht häufig in keinem Verhältnis zu dem, was das Gesundheitssystem an finanzieller Gegenleistung bietet. Ich wünsche mir, dass die Politik dieser Situation klarer entgegentritt, da unsere Gesellschaft stolz auf ihren medizinischen Fortschritt sein kann und weiterhin sein will. Die Erfolge der Neurologie, gerade auch auf dem Gebiet der seltenen Erkrankungen, sind phantastisch und wegweisend.

          Starke Pipeline für Neurologische Erkrankungen: Über 500 Medikamente in der Entwicklung

          Mehr als 450 Millionen Menschen leiden weltweit an neurologischen Erkrankungen. Die Tendenz ist angesichts des demographischen Wandels steigend: Alzheimer, Parkinson und andere treten besonders häufig in älteren Bevölkerungsgruppen auf. Die Prävention und möglichst wirksame Behandlung der Krankheiten wird daher immer wichtiger. Über 500 Arzneimittel befinden sich momentan in den Entwicklungspipelines biopharmazeutischer Unternehmen. Dies berichtet der amerikanische Verband der forschenden Arzneimittelhersteller PhRMA.
          Über 1000 verschiedene Krankheiten verstecken sich hinter dem Begriff neurologische Erkrankungen. Einige von ihnen betreffen eine relativ große Anzahl an Menschen: Unter Migräne leiden beispielsweise etwa zehn Prozent der Weltbevölkerung. Viele andere Krankheiten kommen wiederum sehr selten vor – wie beispielsweise die Amyotrophe Lateralsklerose oder die Huntington-Krankheit. ALS ist eine Erkrankung des zentralen und peripheren Nervensystems, die zu einer fortschreitenden Muskellähmung führt. Die Huntington-Krankheit ist eine sehr seltene, vererbbare Erkrankung des Gehirns, die früher als Veitstanz bekannt war. Viele Patienten leiden unter neurologischen Störungen oder psychischen Veränderungen. Insgesamt sind laut PhRMA über 500 Arzneimittel gegen verschiedene neurologische Erkrankungen in den Pipelines biopharmazeutischer Unternehmen. Darunter sind beispielsweise 95 Präparate gegen Hirntumore, 92 gegen Alzheimer, 46 gegen Parkinson und 26 für Schlaganfallpatienten.

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