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Interview : Alzheimer: Eine frühe Diagnose bringt Vorteile

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Eines der Hauptmerkmale der Alzheimer-Krankheit sind Eiweißablagerungen an den Nervenzellen im Gehirn, die sogenannten amyloiden Plaques. Bild: Sebastian Kaulitzki/Fotolia

Experten prognostizieren für die Volkskrankheit Alzheimer dramatisch steigende Fallzahlen. Frank Jessen, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Uniklinik Köln und Forscher am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen, spricht über die Möglichkeiten von Diagnose, Therapie und Prävention.

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          Herr Professor Jessen, die Prognosen für die zu erwartenden Fallzahlen von an Alzheimer Erkrankten sind erschreckend hoch – bis 2050 sollen in Deutschland über drei Millionen Menschen mit Demenz leben. Woran kann der Einzelne merken, dass er möglicherweise an Alzheimer erkrankt ist?
          Typische Anzeichen für eine beginnende Alzheimererkrankung sind Kurzzeitgedächtnisstörungen. Die Betroffenen vergessen mehrmals täglich, was sie mit ihren nahen Angehörigen besprochen haben. Auch komplexe Tätigkeiten wie die Organisation des Schreibtisches oder die Einarbeitung in neue technische Geräte können in der Frühphase der Erkrankung beeinträchtigt sein. In einzelnen Fällen sind auch Orientierungsstörungen das erste Zeichen, wie beispielsweise das nicht mehr Wiederfinden eines Hotelzimmers im Urlaub.

          Was kann er tun, um Gewissheit zu bekommen?
          Falls einem Betroffenen oder deren Angehörigen solche Beeinträchtigungen auffallen, ist es sinnvoll, dies zunächst mit dem Hausarzt zu besprechen. Eine weitere Möglichkeit ist das Aufsuchen eines Spezialisten, typischerweise eines Facharztes für Psychiatrie oder Neurologie. Außerdem gibt es an den meisten Universitätskliniken und an vielen anderen Krankenhäusern spezialisierte Gedächtnisambulanzen für die Frühdiagnostik von Alzheimer.

          Die Diagnostik hat in den vergangenen Jahren große Fortschritte verzeichnet, ein Bluttest sorgte jüngst für Schlagzeilen. Welche Verfahren setzen Sie ein?
          Tatsächlich sind die größten Fortschritte bei der Alzheimer-Krankheit im Bereich der Diagnostik erzielt worden. Mit Hilfe von Untersuchungen des Nervenwassers oder Liquors oder auch mit bildgebenden Untersuchungen des Gehirns können die alzheimertypischen Gehirnveränderungen erkannt werden. Diese Methoden erlauben es zudem, die Erkrankung dann festzustellen oder auszuschließen, wenn nur sehr leichte Symptome vorliegen. In unserer Spezialambulanz werden diese Verfahren eingesetzt. Dazu kommen ausführliche Untersuchungen des Gedächtnisses und anderer Gehirnfunktionen sowie eine ausführliche Erhebung der medizinischen Vorgeschichte und eine körperliche Untersuchung. Tatsächlich sind in der allerjüngsten Zeit vielversprechende Studien zu Bluttests für die Alzheimer-Erkrankung veröffentlicht worden. Doch bisher steht noch keiner dieser Tests für die Diagnostik beim einzelnen Patienten zur Verfügung.

          Wie hoch ist die Fehlerquote?
          Bei den Bluttests ist dies für den einzelnen Patienten noch nicht bekannt, da die Tests sehr neu sind und noch nicht für die klinische Routine zur Verfügung stehen. Die Nervenwasseruntersuchungen und auch die bildgebenden Verfahren sind sehr genau, können im Einzelfall aber auch mal fehlerhaft sein, wie jede medizinische Technik. Es ist daher erforderlich, dass sie von einem Spezialisten und in der Gesamtschau aller Befunde für einen einzelnen Patienten interpretiert werden.

          Warum ist eine frühe Diagnose so wichtig?
          Bisherige Medikamente können über einen gewissen Zeitraum bis zu einem Jahr und manchmal auch länger zu einer Stabilisierung führen. Sie können die Erkrankung jedoch nicht dauerhaft aufhalten oder gar heilen. Trotzdem wird die frühe Behandlung mit diesen Medikamenten empfohlen. Darüber hinaus wissen wir, dass Behandlungen von Begleiterkrankungen wie beispielsweise Diabetes oder hohem Blutdruck den Krankheitsverlauf stabilisieren können. Auch eine gesunde Lebensweise, geistige Aktivität und Sport führen zu einer Stabilisierung des Krankheitsverlaufs, insbesondere in der Frühphase. Ein weiterer Grund für eine frühe Diagnostik ist, dass Betroffene und Familien sich mit der Erkrankung und ihren Folgen besser auseinandersetzen können. So können Dinge wie Vorsorgevollmacht, Betreuungsverfügung und späteres Wohnen in der frühen Phase besser geregelt werden, als wenn die Demenz weit fortgeschritten ist.

          Was kann der Einzelne präventiv beispielsweise durch seinen Lebensstil und seine Ernährung tun, um die Krankheit zu vermeiden?
          Aus großen Studien der letzten Jahre wissen wir, dass der Lebensstil 20 bis 30 Prozent des Risikos, an einer Alzheimer-Demenz zu erkranken, bedingt. Wichtige Schutzfaktoren sind regelmäßige körperliche Bewegung, geistige Aktivität und soziales Eingebundensein. Es gibt Hinweise für positive Effekte einer mediterranen Ernährung mit viel Fisch, pflanzlichen Ölen, Nüssen und Gemüsen. Neue Erkenntnisse zeigen, dass ein gesunder Schlaf ein wichtiger Schutzfaktor für eine Demenz ist. Hingegen ist eine Beeinträchtigung der Hörleistung ein Risikofaktor und sollte mit Hörgeräten ausgeglichen werden. Übergewicht, Rauchen und übermäßiger Alkoholkonsum sind ebenfalls Risikofaktoren für eine Alzheimer-Demenz. Wichtig ist die frühzeitige Erkennung einer Bluthoch­druckerkrankung oder eines Diabetes, da beide, wenn sie nicht gut behandelt werden, das Risiko für eine Demenz erhöhen. Alle diese Faktoren sind ab dem mittleren Lebensalter relevant und sollten beachtet werden, da sie eine Demenz im hohen Lebensalter mit verursachen können.

          Welche Perspektiven sehen Sie für eine Behandlung von Alzheimer?
          Einige vielversprechende Medikamente, die überzeugende Effekte auf die Biologie der Krankheit zeigen, konnten bei Patienten mit Demenz in großen Studien keine Wirksamkeit zeigen. Die Ursachen hierfür sind vielfältig. Diskutiert wird, dass Behandlungen mit die Krankheit aufhaltenden Medikamenten in einem deutlich früheren Stadium als bisher beginnen müssen. In aktuellen Studien werden Probanden untersucht, die nur ganz milde oder keine Symptome ­haben, aber in technischen Untersuchungen Hinweise für das Vorliegen der Alzheimer-Erkrankung zeigen. Darüber hinaus wird diskutiert, welche Aspekte der Erkrankung mit neuen Medikamenten angegangen werden müssen. Neben den klassischen alzheimertypischen Veränderungen wie Amyloid-Plaques und Tau-Aggregaten, für die bereits Medikamente in der Erprobung sind, ist die chronische Gehirnentzündung bei der Alzheimer-Erkrankung als therapeutisches Ziel in den Fokus gerückt. Grundsätzlich bin ich weiterhin optimistisch, dass wir in der Zukunft wirksame Medikamente haben werden.

          Die erwartete Zunahme an Alzheimer-Patienten wird Deutschland vor große Herausforderungen stellen. Wie müssen wir uns aufstellen, um das Problem zu lösen?
          Ein wesentlicher Aspekt ist die Prävention der Erkrankung. Wir wissen heute, dass das Risiko für die Alzheimer-Erkrankung modifizierbar ist. Das bedeutet, dass man ihr nicht zwingend schicksalhaft ausgeliefert ist. In der Zukunft werden Präventionseinrichtungen wie beispielsweise das Kölner Alzheimer Präventionsregister und -zentrum zunehmend wichtiger werden, Menschen bei der individuellen Risikoeinschätzung und bei präventiven Maßnahmen zu beraten. Selbstverständlich brauchen wir neue Medikamente zur Behandlung und Verzögerung der Alzheimer-Erkrankung. Wir müssen uns aber auch im Versorgungssystem auf die Entwicklung einstellen und die Strukturen für Demenzerkrankte substantiell ausbauen. Besonders adressiert werden sollten Alleinstehende und Personen mit Migrationshintergrund und schlechten deutschen Sprachkenntnissen, die große Schwierigkeiten haben, mit dem Gesundheitssystem in Kontakt zu kommen. Ferner ist die Versorgung von Erkrankten in ländlichen Regionen eine große Herausforderung, weshalb in zahlreichen wissenschaftlich ausgerichteten Versorgungsprojekten Lösungen entwickelt werden sollen. Entscheidend ist die Umsetzung dieser innovativen Ansätze in die Versorgungspraxis. Auf gesellschaftlicher Ebene müssen wir alle den Umgang mit Demenz im Alltag akzeptieren und erlernen und uns dem Thema öffnen, damit die Betroffenen in der Gesellschaft nicht isoliert werden.

          Das Gespräch führte Anna Seidinger.

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