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: Epilepsie: noch viele Patienten hoffen auf bessere Behandlung

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Nervenzellen bilden hochkomplexe Strukturen und sind untereinander tausendfach verbunden. Bild: Kateryna Kon/Fotolia

Viele Epileptiker leiden neben den typischen Anfällen auch unter den gesellschaftlichen Folgen ihrer Krankheit. Noch immer kann ein Drittel der Patienten nicht ausreichend behandelt werden. Daher bedarf es weiterer Anstrengungen in der Forschung, um wirksamere Therapien zu entwickeln.

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          Epilepsien gehören zu den häufigsten chronisch-neurologischen Erkrankungen. In Deutschland ist etwa jeder hundertste Einwohner betroffen. Die Erkrankung kann in jedem Lebensalter beginnen, wobei Epilepsien am häufigsten bei Kleinkindern und Erwachsenen ab etwa 60 Jahren nachgewiesen werden. In letzter Zeit gibt es immer mehr Hinweise darauf, dass die Häufigkeit von Epilepsien sogar zunimmt. Das könnte mit der gestiegenen Lebenserwartung zusammenhängen, aber auch mit einer verbesserten Diagnostik. Epilepsien sind durch wiederkehrende, unvorhersehbar auftretende epileptische Anfälle gekennzeichnet, bei denen es zu einer unkontrollierten und überschießenden Entladung der Nervenzellen in der Hirnrinde kommt. Ist das gesamte Gehirn in den Anfall einbezogen, kommt es zu einem generalisierten tonisch-klonischen Anfall. Der Betroffene verliert das Bewusstsein, Arme und Beine verkrampfen sich und fangen danach an zu zucken. Während des Anfalls kann es passieren, dass sich der Betroffene auf die Zunge beißt oder einnässt. Gerade bei einem solchen generalisierten tonisch-klonischen Anfall können in seltenen Fällen schwere Verletzungen bis hin zum Tod auftreten. Nach dem Anfall ist das Bewusstsein der Patienten häufig noch mehrere Minuten bis zu einigen Stunden getrübt. Ist bei einem epileptischen Anfall dagegen nicht das gesamte Gehirn, sondern nur ein Teil betroffen, starren die Patienten in der Regel bewegungs- und reaktionslos vor sich hin oder haben falsche Sinneseindrücke. Epilepsien können verschiedene Ursachen haben, die von Schädelhirntraumata, Infektionen oder Schlaganfällen bis hin zu genetisch bedingten Epilepsien reichen.


          Verbesserte diagnostische Verfahren

          Die Diagnostik von Epilepsien ist in den vergangenen Jahren immer besser geworden und gründet im Wesentlichen auf drei Grundpfeilern: Wichtig für die Einordnung der Epilepsie ist zuallererst die Beschreibung eines Anfalls durch den Betroffenen selbst oder durch Zeugen des Anfalls. Darüber hinaus können wertvolle Hinweise über die Art der Epilepsie bei der Aufzeichnung der Hirnstromkurven bei einer Elektroenzephalographie (EEG) gewonnen werden. Die moderne Bildgebung einer Kernspintomographie liefert außerdem wichtige Informationen über mögliche Ursachen. Bei beiden Verfahren – sowohl bei der Kernspintomographie als auch bei den EEG-Aufzeichnungen – wurden in den vergangenen Jahren große Fortschritte erzielt. So ist es beispielsweise heute möglich, Tiefenelektroden in oder an das Gehirn des Betroffenen zu implantieren, um genauer feststellen zu können, welches Epilepsiesyndrom an welcher Stelle des Gehirns vorliegt. Viele EEG-Aufzeichnungen können je nach Bedarf ambulant durchgeführt werden und dauern 15 bis 30 Minuten. Bei einer stationären Aufnahme wird ein Video-EEG-Monitoring durchgeführt, das zwischen wenigen Tagen und einigen Wochen dauern kann. Ein weiteres Feld, das in Zukunft eine immer größere Rolle spielen wird, ist die genetische Diagnostik. Derzeit ist sie lediglich für einen kleinen Teil der Betroffenen in der klinischen Praxis sinnvoll. Es kann aber davon ausgegangen werden, dass das molekulare Verständnis der Erkrankung weiter zunehmen wird und damit auch das Potential der genetischen Testungen in Zukunft deutlich steigen wird.


          Wichtigstes Therapieziel: ein anfallsfreies Leben

          Epilepsien werden behandelt, um den Betroffenen möglichst dauerhaft ein Leben ohne Anfälle zu ermöglichen. Dabei stehen nach wie vor Medikamente, sogenannte Antikonvulsiva, als zentrale Therapieform im Vordergrund. Die Anzahl der verfügbaren Arzneimittel hat in den vergangenen zwanzig Jahren deutlich zugenommen. Derzeit stehen weit mehr als zwanzig verschiedene Antikonvulsiva zur Verfügung, weitere stehen kurz vor der Zulassung. Die modernen Medikamente zeichnen sich im Vergleich zu ihren Vorgängern vor allem durch eine bessere Verträglichkeit aus. Da die verschiedenen Epilepsiesyndrome zu unterschiedlich sind, kann jedoch keine Standardtherapie genannt werden, die als alleiniges Mittel der Wahl gilt. Das jeweils richtige Medikament wird daher sehr individuell ausgewählt und dosiert. Greift ein Antikonvulsivum alleine nicht, ist eine Kombinationstherapie aus zwei Substanzen möglich. Versagen die Medikamente, sollte möglichst früh auch über einen chirurgischen Eingriff nachgedacht werden. Dazu ist in der Regel eine prächirurgische Diagnostik mit Video-EEG-Monitoring an einem Epilepsiezentrum nötig. Kann die Epilepsie gut lokalisiert werden, ist es bei vielen Patienten möglich, den epileptischen Herd zu entfernen, da sich auch die Epilepsiechirurgie in den vergangenen Jahren deutlich weiterentwickelt hat.


          Soziale Folgen erhöhen den Bedarfan wirksameren Therapien

          Mit diesen vielfältigen, modernen Therapieverfahren können heutzutage etwa zwei Drittel aller Betroffenen anfallsfrei leben. Im Gegenzug stehen aber für ein Drittel aller Epileptiker noch keine adäquaten Therapieoptionen zur Verfügung – in Deutschland betrifft das immerhin knapp 200 000 Menschen. Den Betroffenen muss auch deswegen rasch und nachhaltig geholfen werden, da Epileptiker nicht nur unter den typischen Anfällen leiden, sondern auch stark unter den sozialen Folgen ihrer Krankheit: Die Mobilität ist zum Beispiel durch Führerscheinverlust eingeschränkt, es drohen berufliche Nachteile bis hin zu Arbeitslosigkeit und Frühverrentung, und in vielen Fällen kommt es sogar zu sozialer Vereinsamung. Aus diesem Grund ist es besonders wichtig, die Epilepsie frühzeitig zu behandeln und die Betroffenen auch gegebenenfalls mithilfe von Psychologen, Psychiatern, Arbeitsmedizinern und Sozialarbeitern beruflich zu unterstützen und sozial zu inte­grieren – und weiter intensiv zu forschen, um neue, erfolgversprechende Therapieformen zu entwickeln.

          Professor Dr. med. Hajo Hamer, Master of Health Business Administration, ist Leitender Oberarzt der Neurologie und Sprecher des Erlanger Epilepsiezentrums der Neuro­logischen Klinik im Universitätsklinikum ­Erlangen sowie 1. Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Epileptologie.

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