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Interview : „Steuerliche Handhabung durch Reform deutlich vereinfacht“

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Weniger Kopfzerbrechen bei der Steuererklärung: „Als deutscher Anleger mit ETFs im Depot einer deutschen Bank übernimmt die Depotbank künftig den größten Verwaltungsaufwand und den Abzug der Steuer.“ Bild: picture alliance/dpa Themendienst

Der Gesetzgeber hat eine Neuregelung des Investmentsteuergesetzes ab 2018 beschlossen. Sie soll die Steuererklärung auch für ETF-Investoren vereinfachen. Die Folgen erläutert Fabian G. Gaffron, Fachanwalt für Steuerrecht und Partner bei der Kanzlei Heuking Kühn Lüer Wojtek.

          5 Min.

          Fabian G. Gaffron

          Herr Gaffron, bei der Auswahl, welchen ETF ein Anleger kauft, muss er sich für eine bestimmte Bauart entscheiden: Physisch replizierend oder synthetisch. In wieweitspielen hier bisher steuerliche Erwägungen eine Rolle?

          Bis die Investmentsteuerreform am 1. Januar 2018 in Kraft tritt, spielt es aus steuerlicher Sicht eine große Rolle, ob ein Anleger in einen physischen oder in einen synthetischen ETF investiert ist. Denn während bei der ersten Bauart der Fonds den Index durch den direkten Kauf der jeweiligen Indextitel nachbildet, nutzen synthetische ETFs dazu Tauschgeschäfte, sogenannte Swaps. Die Erträge der synthetischen ETFs werden daher auch als Kursgewinn aus Tauschgeschäften betrachtet und stellen keine unmittelbar steuerpflichtigen ausschüttungsgleichen Erträge dar. Das bedeutet, dass bei synthetischen ETFs meist erst dann eine Steuer fällig wird, wenn der Anleger seine Anteile veräußert.

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          Im Gegensatz dazu werden die laufenden Kapitalerträge aus physisch replizierenden ETFs bereits jetzt mit dem Kapitalertragssteuersatz von 25 Prozent besteuert – hinzu kommen Solidaritätszuschlag und im Fall der Fälle Kirchensteuer. Man kann also durchaus sagen, dass synthetische ETFs zumindest in steuerlicher Hinsicht bis dato vorteilhafter als physische waren.

          Was ändert sich mit der Reform des Investmentsteuergesetzes in der Handhabung von ETFs für Anleger?

          Kurz zusammengefasst, wird die Handhabung von ETFs mit der Reform deutlich vereinfacht. Das bisherige Besteuerungsmodell wird abgeschafft. Stattdessen kommt es künftig zu einer Besteuerung auf Anleger- und auch auf ETF-Ebene. Konkret bedeutet das, dass Privatanleger künftig für beide Arten von ETFs nach der gleichen Systematik Steuern bezahlen müssen. Die Kapitalertragsteuer fällt dann jährlich auf eine Vorabpauschale und laufende Ausschüttungen an, damit ist für den Privatanleger das Thema Steuer bis zur Veräußerung aber auch erledigt.

          Nun lässt sich mit ETFs nicht nur in Aktien, sondern auch in Anleihen investieren. Welchen Einfluss hat die Fondsgattung zukünftig auf die Höhe der Steuern?

          Das Gesetz unterscheidet zwischen Aktien-, Misch- und Immobilienfonds. Bei einem Aktienfonds sind 30 Prozent der Ausschüttungen und Veräußerungsgewinne für den Privatanleger steuerfrei. Bei einem Mischfonds sind es lediglich 15 Prozent. Bei Immobilienfonds hingegen 60 Prozent beziehungsweise bei überwiegend ausländischen Immobilien sogar 80 Prozent. Dabei werden inländische Einkünfte in- und ausländischer Fonds ab 2018 grundsätzlich gleich besteuert.

          Bedeutet die Neuerung eine erhebliche Verschlechterung für Investoren, die Geld in synthetischen ETFs anlegen?

          Durch die Neuregelung werden Steuern für synthetische ETFs nicht mehr gestundet, das heißt, nicht mehr erst bei Veräußerung erhoben. Das ist für Privatanleger jedoch nur in Einzelfällen von Nachteil. Grund dafür ist, dass sich durch das Modell einer teilweisen Steuerfreistellung und der Anrechnung der Pauschalbesteuerung die Nachteile aus einer Besteuerung auf Fondsebene und einer jährlichen Besteuerung der Vorabpauschale sowie von Ausschüttungen des ETFs im Ergebnis fast ausgleichen.

          Privatanleger werden jedoch in zwei Fällen durch die Teilfreistellungen nicht ausreichend begünstigt: Wenn sie keine Steuer auf Einkünfte aus Kapitalvermögen zahlen, da sie unter dem Sparer-Pauschalbetrag von 801 Euro beziehungsweise 1602 Euro für Verheiratete liegen oder sie eine Nichtveranlagungsbescheinigung vorliegen haben. Dann wirkt sich eine Besteuerung auf Fonds­ebene tatsächlich negativ aus.

          Wie berechnet sich die der Abgeltungsteuer unterliegende neue jährliche Vorabpauschale?

          Die Vorabpauschale stellt eine gedachte Verzinsung – den sogenannten Basisertrag – des Wertes der Beteiligung am ETF dar. Nach dem Gesetz ermittelt sich der Basisertrag, indem 70 Prozent des jährlichen Basiszinses mit dem Rücknahmepreis der Fondsanteile zum Jahresbeginn des Kalenderjahres multipliziert werden – abzüglich der Ausschüttungen des Kalenderjahres, um die Vorabpauschale zu ermitteln. Darüber hinaus ist der Basisertrag auf den Wertzuwachs des Kalenderjahres begrenzt.

          Mangels Ausschüttungen entspricht die Vorabpauschale bei thesaurierenden ETFs dem Basisertrag und gilt am ersten Werktag des Folgejahres als steuerlich zugeflossen. Anders verhält es sich bei ETFs, die ihre Erträge ganz oder in Teilen ausschütten. Ist der Basisertrag hier höher als die Ausschüttung, müssen die ausgeschütteten Anteile und die Vorabpauschale getrennt voneinander zum Zeitpunkt des jeweiligen Zuflusses versteuert werden: die Ausschüttung zu dem Zeitpunkt, ab dem der Anleger darüber verfügen kann, die Vorabpauschale am ersten Werktag des Folgejahres. Sie entfällt nur, wenn die Ausschüttung den vorgeschriebenen Basisertrag übersteigt. Die Kapitalertragsteuer, die auf die Vorabpauschale entfällt, wird mit der Liquidität des Anlegers beglichen, die er bei der depotführenden Stelle unterhält.

          Stichwort Quellensteuer auf ausländische Dividenden: Wann fällt diese an, und wie wirkt sich die Investmentsteuerreform in diesem Punkt aus?

          Bisher konnten die ausländischen Quellensteuern, die auf die Erträge des Investmentfonds gezahlt wurden, vom Anleger von der deutschen Abgeltungsteuer abgezogen werden, wenn die Quellensteuer gesondert ausgewiesen wurde. Ab 2018 ist das nicht mehr möglich. Auch für diesen Nachteil werden Anleger künftig wirtschaftlich durch das Modell der Teilfreistellungen entschädigt.

          Müssen Anleger auch weiterhin alle Steuerunterlagen bis zum Verkauf eines Fonds aufbewahren, um am Ende nicht doppelt an das Finanzamt zahlen zu müssen?

          Da die Steuer direkt von den Depotbanken abgeführt wird und diese die bisherigen Vorabpauschalen bei der Steuerermittlung berücksichtigen, müssen die Unterlagen und Belege nicht mehr bis zur Anteilsveräußerung aufbewahrt werden. Der Dokumentationsaufwand entfällt damit komplett.

          Gelten die Neuregelungen auch für Altbestände, also Fonds die vor 2009 erworben wurden?

          Ja, das heißt: Es gibt keinen echten Bestandsschutz. Fondsanteile, die von Privatanlegern vor 2009 erworben wurden, werden steuerlich so behandelt, als wenn sie zum 31. Dezember 2017 veräußert und zum 1. Januar 2018 neu angeschafft worden wären. Das Gesetz sieht jedoch vor, dass Privatanleger aufgrund der fiktiven Veräußerung zum 31. Dezember 2017 keine Steuern entrichten müssen – gleichwohl unterliegen die Alt-Anteile ab dem 1. Januar 2018 den neuen Regelungen. Die Folge: Der Anleger muss bei Veräußerungen ab dann auch Veräußerungsgewinne versteuern.

          Die Folgen werden jedoch durch einen Freibetrag in Höhe von 100 000 Euro abgemildert, der jedem Privatanleger einmalig zusteht. Zur tatsächlichen Besteuerung kommt es also erst dann, wenn der Privatanleger diesen Freibetrag durch Verrechnung mit Gewinnen aus der Veräußerung von Alt-Anteilen aufgebraucht hat. Wichtig ist, dass der Anleger den Freibetrag über mehrere Jahre aufbrauchen und auch Veräußerungsgewinne aus Alt-Anteilen unterschiedlicher Fonds verrechnen kann.

          Sind steuerliche Kriterien bei der Wahl des richtigen Fonds damit künftig überhaupt noch relevant? Und hat der Gesetzgeber sein Ziel erreicht, wird die Steuererklärung für Fonds-Investoren in Zukunft einfacher?

          Die Reform des Investmentsteuergesetzes führt dazu, dass steuerliche Kriterien bei der Wahl zwischen physischen und synthetischen ETFs keine so große Rolle mehr spielen wie bislang. Die Steuer wird nur noch auf Basis von vier Parametern berechnet: Der Höhe der Ausschüttung, dem Fondswert am Jahresanfang und -ende für die Berechnung der Vorabpauschale, dem Basiszins und der Art des Fonds.

          Die gute Nachricht ist: Als deutscher Anleger mit ETFs im Depot einer deutschen Bank übernimmt die Depotbank künftig den größten Verwaltungsaufwand und den Abzug der Steuer. In die Steuererklärung eines Privatanlegers müssen die Erträge aus der Beteiligung an einem ETF künftig nicht mehr aufgenommen werden, wenn die Kapitalertragsteuer von seiner Bank einbehalten wurde. Sollte der persönliche Steuersatz jedoch unter dem der Abgeltungsteuer liegen, sollten auch diese Erträge in die Steuererklärung aufgenommen werden, damit der Anleger vom Finanzamt Geld zurückbekommen kann.

          Das Interview führte Benjamin Kleemann-von Gersum.

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