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Verlagsspezial

: „Wer nicht hält, was er verspricht, verschwindet vom Markt“

Bild: Privat

Laut aktueller Analyse der Europäischen Finanzmarktaufsicht ESMA verhalten sich bis zu 15 Prozent vermeintlich aktiv gemanagter Fonds tatsächlich passiv. Wie ist das zu bewerten? Michael Schmidt, Vorstandsmitglied der Deutschen Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management (DVFA), im Interview.

          Herr Schmidt, laut der ESMA kleben bis zu 15 Prozent vermeintlich aktiv gemanagter Fonds an ihrem Index. Wie sehen Sie die Ergebnisse?
          Um sie bewerten zu können, wäre es wünschenswert, dass die ESMA mehr Details veröffentlicht hätte. Ich würde gerne erfahren, wie die Ergebnisse zustande gekommen sind. Die Namen der betroffenen Fonds wären ebenso hilfreich. Diese Angaben fehlen aber in den Statements der ESMA. Außerdem wurden nur Aktienfonds untersucht, generelle Aussagen zur Aktivität von Asset-Managern sind daraus also nicht abzuleiten. Die ESMA selbst scheint auch recht vorsichtig zu sein mit der Interpretation der eigenen Analyse. So hat sie unterschiedliche Kriterien aufgestellt, ab wann ein Fonds als aktiv oder passiv zu gelten hat. Und je nachdem welchen Maßstab man nimmt, kommt als Ergebnis heraus, dass sich 15 Prozent der untersuchten aktiven Fonds passiv verhalten – oder auch nur 5 Prozent.

          Einer Ende 2015 veröffentlichten Umfrage der DVFA zufolge gehen Branchenvertreter aber auch von teils noch höheren Zahlen aus.
          Wobei unsere Umfrage die subjektive Sicht von Asset-Managern wiedergibt, die oftmals andere Kriterien an den Grad der Aktivität stellen. Wer in dem Beruf tätig ist, wird sich immer denken, dass man noch aktiver handeln könnte.

          Dass viele Fondsmanager sich relativ passiv verhalten, stimmt also nicht?
          Wir hatten es in den letzten Jahren oft mit politischen Märkten zu tun. Und wenn ein Manager sieht, dass sein Investmentansatz in so einer Situation nicht funktioniert, verstehe ich sehr gut, dass er das Risiko reduziert und sich temporär näher an der Benchmark orientiert. Das würde ich sogar als aktives Risikomanagement bezeichnen.

          Sehen Sie in den verkappten Indexfonds kein Problem?
          Ich sehe das Thema nicht so dramatisch wie die Aufsicht. Ich würde mir größere Sorgen machen, wenn es tatsächlich eine relevante Masse an Fonds gäbe, die angeben, dass sie aktiv gemanagt werden, sich aber dauerhaft passiv verhalten. Das kann ich aber nicht in dieser Brisanz feststellen.

          Können Sie denn den Ärger der Anleger verstehen, die hohe Managementgebühren bezahlen müssen für etwas, das sie bei einem Indexfonds viel günstiger bekommen hätten?
          Ich bin absolut dafür, dass ein Produkt das einhalten muss, was auf seiner Verpackung steht. Hinsichtlich der Transparenz ist in den vergangenen Jahren aber viel getan worden. Es gibt nur wenige Finanzprodukte, die so transparent sind wie Publikumsfonds. Den Verbrauchern steht zudem eine breite Auswahl an Fonds zur Verfügung – von passiven bis sehr aktiven. Wir haben einen Markt mit vielen Teilnehmern. Sollten tatsächlich zu hohe Preise für eine zu geringe Leistung verlangt werden, würde sich das für den Anbieter schnell rächen.

          Woran lässt sich denn erkennen, ob ein Fonds tatsächlich sinnvoll aktiv gemanagt wird?
          Zunächst ist ein hoher Grad an Aktivität nicht gleichzusetzen mit erfolgreichem Management. Schon gar nicht, wenn man wie manche darunter eine hohe Umschlagshäufigkeit versteht. Das kann sogar kontraproduktiv sein, da damit hohe Transaktionskosten verbunden sein können. Active Share und Tracking Error dagegen sind sinnvolle Maße, die interessante Hinweise zur Aktivität liefern. Bei der dritten von der ESMA genutzten Kennzahl, R-Squared, bin ich zurückhaltender. Viel wichtiger ist aber, dass man die Zahlen nicht isoliert betrachtet. Meine Empfehlung ist für Aktienfonds, sich die Entwicklung von Active Share und Tracking Error kombiniert über einen Zeitraum von mindestens einem Börsenzyklus anzuschauen, also über fünf bis zehn Jahre.

          Die ESMA-Untersuchung hat einen Untersuchungszeitraum von drei Jahren.
          Was meiner Meinung nach nicht ausreicht, schon gar nicht bei Aktienfonds, für die eine deutlich längere Haltedauer sinnvoll ist. Aktivität sollte aber ohnehin immer im Kontext mit dem Ergebnis gesehen werden. Man sollte deshalb ganzheitlich schauen, wie die Zielsetzung des Fonds ist, wie der Investmentansatz und welcher Kundennutzen gegenüber welcher Messlatte angestrebt wird. Die Risikoneigung und -tragfähigkeit des Anlegers sind weitere Kriterien, die es in der Beratung zu einem konkreten Fonds zu berücksichtigen gilt. Darauf kommt es mehr an als auf die reine Aktivität.

          Nichtsdestotrotz: Die Aufsichtsbehörden haben Initiativen angekündigt, um verkappten Indexfonds Einhalt zu gebieten. Was halten Sie von regulatorischen Vorgaben?
          Ich bin für eine Regulierung, die sicherstellt, dass der Markt funktioniert, sehe aber in den diskutierten Verboten für bestimmte Produkte den falschen Weg. Wer nicht hält, was er verspricht, wird vom Markt verschwinden. Außerdem ist die Verwaltung von Verboten teuer und ineffizient. Statt Verbote auf den Weg zu bringen, sollte man dafür sorgen, dass der Rahmen stimmt: Verbraucher müssen in die Lage versetzt werden, gute von schlechten, geeignete von ungeeigneten Produkten unterscheiden zu können. Qualifizierte Finanzberater spielen dabei eine wichtige Rolle. Hier gilt es anzusetzen.

          Das Interview führte Werner Tewes.

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