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Verlagsspezial

: Schuppenflechte – Zeit für moderne Therapiekonzepte?

Etwa achtzig genetische Variationen sind bekannt, die das Krankheitsrisiko für Schuppenflechte erhöhen. Bild: Bedya/Fotolia

Die Haut stellt die wichtigste Schutzbarriere für den Körper dar und ist auch das sichtbarste aller Organe. Deshalb leiden Menschen mit Schuppenflechte besonders unter Stigmatisierung und Ausgrenzung. Es gibt immer wirksamere Therapien, von denen einige noch nicht im Alltag der Ärzte angekommen sind.

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          Bei chronischen Entzündungen laufen eigentlich schützende Immunantworten unkontrolliert und überschießend ab. Dabei können Autoimmunphänomene entstehen, bei denen Angriffe der Immunabwehr auf den eigenen Körper beobachtet werden. Die häufigste chronische Entzündungskrankheit der Haut ist die Neurodermitis, auch atopische Dermatitis genannt, die drei bis vier Millionen Menschen in Deutschland betrifft. Es folgt die Schuppenflechte (Psoriasis) mit zwei Millionen Betroffenen, von denen etwa 1,6 Millionen in ärztlicher Behandlung sind.


          Zusammenspiel von Veranlagung und spezifischen Auslösern

          Das Verständnis der Krankheitsentstehung und der auslösenden Faktoren ist bei der Schuppenflechte am weitesten fortgeschritten. Viele der Patienten tragen eine erbliche Veranlagung – hierfür kennt die Medizin etwa achtzig genetische Variationen, die das Erkrankungsrisiko erhöhen. Kommen zusätzliche Auslöser hinzu wie akute Infektionen, schwere Stresssituationen oder die Einnahme bestimmter Medikamente, kommt es zum erstmaligen Ausbruch der Krankheit. Eine überschießende Entzündungs- und Reparaturreaktion der Haut führt zur übermäßigen Bildung von Hautzellen, so dass die für Psoriasis-Patienten typischen, geröteten und schuppenden Plaques entstehen. Die in die Haut eingewanderten Entzündungszellen setzen Botenstoffe frei, die den Entzündungsprozess unterhalten und verstärken – die Erkrankung wird chronisch. Dieses Muster, eine genetische Neigung, eine Auslösung durch Umweltfaktoren, ein erstes Auftreten im jugendlichen Alter oder als junger Erwachsener, eine Chronifizierung mit kontinuierlichem oder schubartigem Verlauf, teilt sich die Psoriasis mit anderen chronischen Entzündungskrankheiten wie bestimmten Formen einer Gelenkentzündung oder entzündlichen Darmerkrankungen. So überrascht es nicht, dass sich die Krankheitsmechanismen und die Therapien dieser Krankheiten teilweise überlappen.


          Enorme Therapieerfolge mit von innen wirkenden Systemtherapien

          Die Behandlung der Psoriasis hat sich über die beiden vergangenen Jahrzehnte revolutionär entwickelt. Das bessere Verständnis der krankheitsbedingenden Entzündungsprozesse führte zur Entwicklung therapeutischer Antikörper oder verwandter Moleküle, sogenannter Biologika, die sich meist gezielt gegen einzelne im Überschuss gebildete Botenstoffe oder deren Rezeptoren richten und damit die Entzündungsreaktionen mehr oder weniger spezifisch dämpfen. Ihr Vorteil gegenüber weniger selektiven Mechanismen liegt in der vielfach guten Wirksamkeit bei guter Sicherheit und Verträglichkeit der Therapien. Andere Biologika verfolgen einen breiteren therapeutischen Ansatz, etwa indem sie die Auswanderung von Entzündungszellen aus dem Blut in betroffene Organe verhindern oder direkt die Zahl bestimmter Immunzelltypen reduzieren. Die sogenannten Small Molecules, welche traditionell eingesetzte und auch neu entwickelte Wirkstoffe in Tablettenform umfassen, blockieren nicht direkt die Kommunikation zwischen Entzündungszellen, sondern verändern die Übertragung von Signalen innerhalb der Zellen so, dass diese weniger entzündliche Funktionen ausüben. Die Schwierigkeit dieser Therapien besteht oft darin eine starke Wirksamkeit mit einem günstigen Sicherheitsprofil zu kombinieren.

           
          Defizite in der Versorgung erfordern neue Konzepte

          Während bei anderen chronischen Entzündungskrankheiten ohne ausreichende Behandlung irreversible Schädigungen der betroffenen Organe drohen, kann selbst nach einer jahrelang bestehenden Psoriasis mit einer wirksamen Behandlung ein klinisch normales Hautbild erreicht werden. Neben der ehemals begrenzten Verfügbarkeit von wirksamen und sicheren Medikamenten könnte auch dieser Umstand dazu beigetragen haben, dass selbst Patienten mit schweren entzündlichen Hauterkrankungen vielfach nur phasenweise und oft zu spät ausreichend behandelt wurden. Doch der Erkenntnisstand ist fortgeschritten. Einerseits zeichnet sich ab, dass bei Psoria­sis Folgeerkrankungen jenseits der Haut zu beachten sind. So treten metabolische und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, aber auch Angst­störungen und Depressionen häufiger auf als in der gesunden Bevölkerung. Außerdem zeigen neue Forschungsergebnisse, dass sich die Haut nach länger aktiver Schuppenflechte auf Ebene der Zellen und Botenstoffe doch nicht wieder einfach normalisieren lässt, was erklärt, warum selbst nach erfolgreicher Behandlung ein erneutes Auftreten der Erkrankung umso wahrscheinlicher ist, je länger die Erkrankung vorher bestand. Andererseits stehen heute für wenige chronische Entzündungskrankheiten so viele hochwirksame und sichere Therapien wie für die Psoriasis zur Verfügung – weitgehende oder völlige Erscheinungsfreiheit ist  erreichbar. Es spricht also viel für ein neues Behandlungskonzept der Schuppenflechte, gekennzeichnet durch das Ziel, die Erkrankung so früh wie möglich zu behandeln und dabei eine möglichst weitgehende Reduktion der entzündlichen Aktivität zu erreichen. Dieser Ansatz scheint der beste Garant dafür zu sein, den Verlauf der Erkrankung positiv zu beeinflussen, gesundheitliche Schäden, das Leiden der Patienten und die Folgen für Lebensqualität, sozialen und beruflichen Erfolg bestmöglich zu reduzieren.
          Dabei sollte das gesamte therapeutische Spektrum genutzt werden, um für den einzelnen Patienten die individuell beste Therapie zu finden. Dazu gehören auch die neuen, meist hochpreisigen Therapien. Sollte sich bestätigen, dass die Strategie bei einem relevanten Anteil der Patienten eine Krankheitskontrolle ohne weitere Therapie oder mit deutlich verlängerten Therapieintervallen ermöglicht, ergäben sich neue Gesichtspunkte auch bezüglich der Wirtschaftlichkeit der Behandlung.
           
          Professor Dr. med. Kristian Reich gründete das Forschungszentrum SCIderm und das Dermatologikum in Berlin. 2019 eröffnet sein Versorgungszentrum Skinflammation in Hamburg, das sich speziell um Patienten mit chronischen Entzündungen der Haut kümmert.

          Schuppenflechte – eine chronische entzündliche Systemkrankheit

          Gerade an Grenzflächen unseres Körpers muss das Immunsystem bei Schädigung und drohendem Eindringen von krankheitsauslösenden Erregern einerseits schnell eine starke Abwehrleistung erbringen, andererseits darf diese Reaktion nur bei wirklicher Gefahr erfolgen und muss auch wieder abgeschaltet werden, sonst drohen chronische Entzündungsprozesse. Bestehen diese Entzündungsprozesse über eine längere Zeit kann das Immunsystem auch gegen körpereigene Bestandteile reagieren – ein Autoimmunität genanntes Phänomen, das die Krankheit unterhalten und verstärken kann.  
          Die Psoriasis lässt sich am besten als ein überschießend ablaufendes Abwehr- und Reparaturprogramm beschreiben. Dieses führt zur Entzündung und übermäßigen Zellteilung und klinisch zu den typischen geröteten und schuppenden Plaques.
          Beim Ausbruch der Erkrankung treffen mehrere Faktoren zusammen: Eine genetische Prädisposition trifft auf weitere Auslöser, darunter Infekte, bestimmte Medikamente, aber auch hormonelle oder umweltbedingte Faktoren.
          Forscher versuchen das Zusammenwirken der auslösenden Faktoren immer besser zu verstehen, um frühzeitiger eingreifen und den Krankheitsprozess möglichst früh stoppen oder zumindest günstig beeinflussen zu können. Bei der Psoriasis erfolgt eine wirksame Behandlung bisher oft erst lange nach Ausbruch der Erkrankung. Interessanterweise bleibt aber bei einigen Patienten, die durch Hemmung der Botenstoffe IL-17 oder IL-23 in eine komplette Erscheinungsfreiheit gebracht wurden, eine Krankheitskontrolle auch über die Behandlung hinaus erhalten.

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