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Verlagsspezial

Interview : Die Vision von einer Welt ohne Krankheiten

Bild: alphaspirit/fotolia

Pharmaunternehmen gehören zu den wichtigsten Treibern, um innovative Verfahren und Medikamente zu entwickeln. Deshalb arbeiten sie bereits intensiv auf dem neuen Forschungsfeld der Disease Interception. Anna Seidinger spricht mit Dr. Iris Zemzoum, Vorsitzende der Geschäftsführung von Janssen Deutschland, über die damit verbundenen Chancen und Herausforderungen.

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          Frau Dr. Zemzoum, technologische und medizinische Innovationen ermöglichen schon heute zunehmend frühere Diagnosen bei Erkrankungen sowie gezieltere Therapien. Wie beurteilen Sie als Medizinerin diese Entwicklungen?

          Iris Zemzoum: Ich sehe enorme Chancen, die aus diesen Innovationen erwachsen können. Wir sind  heute so weit, dass wir immerhin prognostizieren können, wie der künftige Paradigmenwechsel aussehen würde. Sicher ist, dass wir alle, die wir im Gesundheitswesen tätig sind, damit rechnen können, dass sich Grundlegendes verändert. Daher tun wir gut daran, uns frühzeitig über die damit einhergehenden noch offenen Fragen und Chancen auszutauschen und potentielle gemeinsame Anknüpfungspunkte zu identifizieren. Wir bei Janssen suchen deshalb aktiv den Dialog – nicht nur mit Ärzten und Patienten, sondern auch mit wissenschaftlichen Instituten, der Politik, mit Behörden und Kassen.

          Bild: Janssen Deutschland

          Welche Chancen und welche Herausforderungen ergeben sich daraus für ein forschendes Pharmaunternehmen?

          Wir alle tragen potentiell die Auslöser von Erkrankungen in uns. Noch ist es nicht so einfach, diese frühzeitig zu erkennen und ihre Entstehung zu verstehen. Darin liegt die große Herausforderung. Würde dies gelingen, wären die Chancen immens: Erkrankungen würden dann nicht mehr nur behandelt, sondern könnten tatsächlich verhindert werden. Was dieser Paradigmenwechsel bedeuten könnte, sollten wir uns alle miteinander vergegenwärtigen. Wir machen gerade die ersten Schritte in diese Richtung, und ich bin der festen Überzeugung, dass wir bereits auf einem guten Weg sind, diese Vision Realität werden zu lassen.

          Sie definieren die Möglichkeiten der frühen Diagnose mit einer folgenden Intervention in dem Konzept der „Disease Interception“. Wie darf sich das ein Laie oder Patient vorstellen?

          Am leichtesten lässt sich dies erklären, indem man Disease Interception von der Prävention abgrenzt: Die Prävention setzt mit oft geringer Berücksichtigung des individuellen Erkrankungsrisikos auf die allgemeine vorbeugende Behandlung einer großen Gruppe von Menschen zur Vermeidung beziehungsweise frühzeitigen Erkennung einer Erkrankung. Dies geschieht beispielsweise durch präventive Impfungen oder Vorsorgeuntersuchungen. Ganz einfach gesagt: Prävention richtet sich an alle.
          Disease Interception basiert auf einer individuellen Diagnose sowie der Identifizierung und medizinischen Überwachung von Menschen mit einem sehr hohen Erkrankungsrisiko. Erst wenn bei einem Betroffenen aufgrund einer genetischen Disposition, einer somatisch-genotypischen Mutation oder von Umwelteinflüssen symptomfreie Veränderungen feststellbar werden, hat die Übergangsphase begonnen und Maßnahmen zur Unterbrechung des krank machenden Prozesses können eingesetzt werden. Disease Interception richtet sich damit an eine identifizierbare Hochrisikogruppe, die Gefahr läuft, in absehbarer Zeit schwer zu erkranken. Genau hier möchten wir zuvorkommen.

          Auf welchen Gebieten folgen die Forschungsarbeiten bereits diesem Konzept? Können Sie das an einem Beispiel darstellen?

          Ein gutes Beispiel ist die Onkologie: Bereits heute arbeiten wir zusammen mit weltweit führenden Experten daran, eine Hochrisikokonstellation für die Entwicklung eines Multiplen Myeloms beim gesunden Menschen erkennen zu können. Liegt diese vor, so werden Betroffene mit hoher Wahrscheinlichkeit in den nächsten zwei Jahren erkranken. Derzeit untersuchen wir im Rahmen einer klinischen Studie, ob es durch die zeitlich begrenzte Gabe eines Myelom-Medikaments gelingt, den Ausbruch der Erkrankung zu verhindern und die Blutwerte zu normalisieren. Sollte sich die Hypothese der Studie bestätigen, könnte künftig anhand eines einfachen Bluttests wie im Rahmen einer Vorsorge- oder Routineuntersuchung, eine Hochrisikokonstellation diagnostiziert werden. Anschließend würden die Betroffenen in ein individuelles medizinisches Monito-ring aufgenommen, um den richtigen Zeitpunkt der Interception zu bestimmen. Hier sprechen wir vom „Interception Window“ – dem optimalen Zeitfenster für eine wirksame Intervention gegen die Erkrankung noch vor ihrem Ausbruch. Unser Ziel: Nach Abschluss der Therapie ist bei den Betroffenen kein Hochrisikoprofil mehr feststellbar. Die Blutwerte haben sich normalisiert. Das Risiko, ein Multiples Myelom zu entwickeln, entspricht wieder dem der Normalbevölkerung.

          Mit welchen Kosten kalkulieren Sie dabei?

          Selbstverständlich haben innovative Therapien ihren Preis. Dem gegenüber muss sowohl ein individueller als auch ein gesellschaftlicher Nutzen stehen. Auch wenn wir uns bei der Disease Interception noch in einer frühen Phase der Forschung befinden, bin ich der festen Überzeugung, dass wir unserer langfristigen Vision von einer Welt ohne Krankheiten Stück für Stück näher kommen werden. Wenn wir Krankheiten künftig vor ihrem Ausbruch verhindern können, erhalten wir langfristig Gesundheit. Davon würden Betroffene, ihre Angehörigen, unser Gesundheitssystem und wir als Gesellschaft profitieren.

          Wird das Konzept der „Disease Interception“ weitergedacht, ergeben sich grundlegende Veränderungen für das bestehende Gesundheitssystem. Wie wollen Sie erreichen, dass sich Kostenträger von der Erstattung reaktiver Therapien (bei manifestierten Krankheiten) hin zur Finanzierung der proaktiven Gesunderhaltung bewegen?

          Nun, wer etwas im Gesundheitswesen verändern möchte, der sollte reden – und zwar mit einer Vielzahl von Interessenvertretern, über die medizinischen Fachkreise hinaus. Nur wenn der Wert von Disease Interception erkannt wird, können wir den Paradigmenwechsel gemeinsam vorantreiben. Dieser Wert liegt nach meiner Auffassung auf zwei Ebenen: der individuellen und der gesellschaftlichen. Es geht einerseits um spezifische Vorteile, die bei Menschen dann entstehen, wenn der Ausbruch einer in ihrem Körper angelegten Erkrankung verhindert werden kann. Zudem profitiert unser Gesundheitssystem, wenn der Einzelne und damit unsere Gesellschaft länger gesund bleiben – zum Beispiel durch die Erhaltung von Arbeitsfähigkeit und gerade auch durch die Verhinderung von heutigen Therapie- und Pflegekosten.

          Wie entkräften Sie die Befürchtungen von Kritikern, die hinter dem Ansatz die Gefahr sehen, symptomfreie und damit nach heutigem Verständnis gesunde Menschen früher zu behandlungsbedürftigen Kranken zu machen?

          Die Möglichkeit zur frühzeitigen Intervention darf natürlich nur für die richtigen Zwecke eingesetzt werden. Aus diesem Anspruch erwachsen eine Menge Fragen, die nicht nur medizinischer, sondern auch gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und regulatorischer Natur sind. Darüber hinaus müssen wir uns dann auch mit ethischen, vielleicht auch religiösen Fragestellungen befassen. Ist eine 60-prozentige Eintrittswahrscheinlichkeit einer Krankheit hoch? In welchen Indikationen rechtfertigt sie eine Intervention? Das sind nur zwei von zahlreichen Fragen, zu der wir den gesellschaftlichen Diskurs brauchen. Gerade im Gespräch mit Medizinern hören wir immer wieder, dass sie ethischen Fragestellungen im Zusammenhang mit Disease Interception eine hohe Bedeutung beimessen.
          Letztlich muss auch Disease Intercep­tion dem Ziel dienen, das wir bei Janssen als Grundsatz für unsere gesamte Forschung und Entwicklung definiert haben: Es geht darum, Therapien zu entwickeln, die helfen, dass Menschen länger, gesünder und zufriedener leben. In der Forschung geht es aus meiner Sicht immer wieder darum, Standards zu verbessern und das Gegebene in Frage zu stellen. Genau das machen wir, indem wir neue Wege der Behandlung und Heilung erforschen. Viele große Meilensteine in unserer Geschichte haben anfangs große Fragen und teils auch Widerstände hervorgerufen.  


          Janssen formulierte die Vision eine „Welt ohne Krankheit“. Was wollen Sie mit dem aus heutiger Sicht unerreichbar erscheinenden Ziel erreichen?

          Ich sehe Janssen mit dem starken Mutterkonzern Johnson & Johnson als Spezialisten für unerreichbar erscheinende Ziele. Ich hatte leider nicht mehr das Glück, unseren Gründer Paul Janssen persönlich zu erleben. Aber ich kenne Kollegen, die mit ihm eng zusammengearbeitet und die mir berichtet haben, wie er scheinbar unlösbare Aufgaben mit einer ungesehenen Selbstverständlichkeit angepackt hat. Ein Beispiel sind HIV und Aids. Als die Krankheit in den achtiger  Jahren vor allem in Afrika Millionen von Menschenleben kostete, hat er dies als ganz persönliche Herausforderung angenommen. Früher war die HIV-Diagnose ein Todesurteil. Heute ist es eine chronische Erkrankung. Dazu hat Paul Janssen mit seiner Forschung entscheidend beigetragen. Große Ziele machen uns keine Angst. Sie mutig anzugehen, das ist ein Hauptbestandteil unserer Unternehmens-DNA.

          Wie sehen die nächsten Schritte aus, um dieser Vision näher zu kommen?

          Es ist eine Vielzahl von Schritten, die wir jetzt gemeinsam gehen wollen. Da sind zunächst einmal die medizinischen Herausforderungen, die wir anpacken müssen. Die Fortschritte beispielsweise bei der Dia­gnose sind immens. Dann geht es um die Intervention selbst, überspitzt gesagt um die Frage: Wie schaffen wir es rechtzeitig zu intervenieren, um Erkrankungen vor ihrem Ausbruch zu verhindern? Wenn wir diese Frage beantworten, führt das unweigerlich zu ethischen, wirtschaftlichen und anderen Fragen. Diese können und wollen wir nicht allein beantworten. Da müssen natürlich auch Patientenvertreter, Krankenkassen, Politik und Behörden mitreden. Deshalb suchen wir schon heute das Gespräch und möchten eine gemeinsame Basis finden, um aus einer Vision Realität werden zu lassen.

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