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Verlagsspezial

: Fortschritt in der Medizin

Bild: Design Cells/Fotolia

Genomanalysen und molekulare diagnostische Verfahren haben die Medizin verändert Damit entstehen neue Möglichkeiten für frühzeitige Therapien. Was steckt hinter dem Forschungstrend Disease Interception?

          5 Min.

          1. Intervenieren, bevor die Krankheit ausbricht

          Schwere und lebensbedrohliche Erkrankungen brechen nicht von heute auf morgen aus. Zwischen Gesundheit und Krankheit liegt häufig eine Phase, die mehrere Jahre dauern kann und in der zwar symptomlose, aber krank machende Prozesse im Körper ablaufen. Statt eine Erkrankung erst dann zu behandeln, wenn sie ausgebrochen ist, versucht man mit der Disease Interception, den Prozess durch eine wirksame Intervention so frühzeitig zu unterbrechen, dass Krankheitssymptome erst gar nicht auftreten. Das könnte bereits in wenigen Jahren Realität werden, denn mit der Disease Interception entsteht eine neue Therapieform, die deutlich früher ansetzt als heute. Bei einem solchen personalisierten Gesundheitskonzept müssen zunächst jedoch Menschen mit sehr hohem Erkrankungsrisiko identifiziert werden. Bei den Betroffenen überwacht dann ein individuelles medizinisches Monitoring die Entwicklung symptomfreier Prozesse im Körper. Beginnt eine Erkrankung sich allmählich zu manifestieren, erfolgt möglichst frühzeitig eine Intervention. Die Gesundheit des Betroffenen bleibt erhalten, er erkrankt nicht. Hier kommt den Biomarkern eine besondere Rolle zu, die die Vorstufen von krank machenden Veränderungen anzeigen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit in eine Erkrankung münden. Derzeit ist noch nicht absehbar, welche neuen Behandlungsmöglichkeiten Disease Interception in Zukunft bieten wird. Prinzipiell ist eine Anwendung in jedem Indikationsgebiet denkbar – entweder mit bereits zugelassenen Wirkstoffen zur Therapie manifestierter Erkrankungen oder mit eigens entwickelten Wirkstoffen und Ansätzen. Im Fokus stehen dabei schwere und lebensbedrohliche Erkrankungen.

          2. Disease Interception versus Prävention

          Prävention richtet sich an alle Menschen, unabhängig von ihrem persönlichen Erkrankungsrisiko. Das kann die altbekannte Schluckimpfung oder der jährliche Gesundheits-Check beim Zahnarzt sein. Im Mittelpunkt der Prävention steht dabei immer der gesunde Mensch und die Vermeidung einer Krankheit. Ein Beispiel sind die Impfungen gegen Krebs – insbesondere im Zusammenhang mit dem HPV-induzierten Zervixkarzinom, besser bekannt als Gebärmutterhalskrebs. Ursächlich für diesen Krebs sind humane Papillomaviren, HP-Viren, die beim Geschlechtsverkehr übertragen werden. Eine Impfung junger Mädchen möglichst vor „dem ersten Mal“ ist ein mustergültiges Beispiel für eine präventive Impfung. Eine therapeutische Impfung und damit ein Beispiel für Disease Interception ist hingegen die Impfung von Frauen mit diagnostizierter Hochrisiko-HPV-Infektion. Eine solche Impfung könnte zukünftig den operativen Eingriff vermeiden und das Risiko für eine Krebserkrankung auf ein Normalniveau senken. Spezielle Formen der Prävention sind auch Screening-Tests etwa für Brustkrebs oder Hautkrebs. Sie dienen der Früherkennung: Die Betroffenen sind zu diesem Zeitpunkt bereits erkrankt, aber dank der zeitigen Diagnose kann die Behandlung so früh beginnen, dass noch gute Heilungschancen bestehen. Disease Interception richtet sich hingegen an gesunde Menschen, die Risikoträger für eine konkrete Erkrankung sind. Das Ziel ist es, einen Prozess, der bereits im Gang ist und wahrscheinlich zu einem späteren Zeitpunkt zu einer Erkrankung führen wird, zu erkennen und zu unterbrechen. Die Innovation der Disease Interception besteht darin, dass sie zielgerichtet, individuell und präzise ist, verbunden mit der Möglichkeit, personalisierte Gesundheitskonzepte zu entwickeln.

          3. Digitalisierung als Treiber des Fortschritts

          Die durchschnittliche Lebenserwartung eines Menschen lag 2016 laut WHO weltweit bei 72 Jahren, im Jahr 1900 gerade einmal bei 30 Jahren. Dass die Menschen im Schnitt länger leben, haben wir dem technischen Fortschritt, besseren Lebensbedingungen und der Medizin zu verdanken: Dank innovativer Therapien und neuer Ansätze gelingt es zunehmend, chronische und lebensbedrohliche Erkrankungen wirksam zu behandeln. Parallel dazu gibt es Entwicklungen, die unser Leben radikal verändern werden, denn wir stehen am Beginn einer technologischen Zeitenwende: So wird beispielsweise das autonome Fahren unsere Art, zu reisen, und den Straßenverkehr revolutionieren. Der steuernde Mensch wird in den Autos der Zukunft überflüssig sein und kann sich nach der Zieleingabe anderen Dingen widmen. Autofahren wird effizienter, entspannter und sicherer. Mit Blick auf die Finanzwelt wird die Blockchain als sicheres, dezentrales Nachweissystem für digitale Transaktionen unser Leben verändern. Statt zentraler Vermittler wie Banken übernimmt mit der Blockchain eine Kette von Datensätzen, die von allen angeschlossenen Rechnern des Netzwerks verwaltet und berechnet wird. Dieses Prinzip wird dafür sorgen, dass wir zukünftig nicht nur sicherer handeln und bezahlen, sondern auch kommunizieren oder Dateien verwalten. Neuartige Herstellungsverfahren wie der 3D-Druck verhelfen uns darüber hinaus vielleicht eines Tages zu einer neuen Niere oder einem ganzen Haus. Die Technologie hält in immer mehr Branchen und Anwendungsgebieten Einzug. Künftig sollen selbst Organe einfach ausgedruckt werden, wobei unterschiedlichste Materialien von Metall über Kunststoff bis zu Zellkulturen zum Einsatz kommen. Das spart Zeit und Kosten, macht die Herstellung sicherer und schont Ressourcen. Treiber all dieser Entwicklungen ist die Digitalisierung und die Tatsache, dass sich unter ihrem Dach wissenschaftliche Disziplinen wie Informatik, Robotik, Medizin, Physik und Chemie zusammentun.

          4. Molekulare Diagnostik und Genom-Analysen

          Das Gesundheitssystem von morgen wird datenbasiert, technologisiert, digitalisiert und personalisiert sein. Es wird möglich sein, Erkrankungen zu heilen oder sogar zu verhindern, die man bisher nicht effektiv behandeln konnte. Dafür müssen krank machende Prozesse im Körper frühzeitig erkannt und die Wahrscheinlichkeit eingeschätzt werden, mit der ein Betroffener tatsächlich erkrankt. Das geschieht zum Beispiel mit Hilfe von Gentests, bei denen ein individuelles Risikoprofil zusammen mit der Analyse der familiären Vorbelastung erstellt wird. Darüber hinaus erlauben es neue Verfahren wie die Liquid Biopsy, im Blut Abbauprodukte von Zellen nachzuweisen, die auf einen krank machenden Prozess deuten, bevor Symptome entstehen. Bei Tumoren wie Dickdarmkrebs beispielsweise kann es bis zu zehn Jahre dauern, bis ein Tumor zu einer signifikanten und besorgniserregenden Größe herangewachsen ist. Die Liquid Biopsy hat das Potential, die diagnostischen Möglichkeiten zu revolutionieren. Bei einer herkömmlichen Biopsie wird eine Gewebeprobe entnommen und unter dem Mikroskop untersucht. Dazu ist mitunter ein Klinikaufenthalt nötig. Im Vergleich dazu bietet die Liquid Biopsy zudem den Vorteil, dass sie minimal-invasiv, leicht anwendbar und genauer ist, denn sie liefert eine exakte Momentaufnahme über den Zustand der Erkrankung, da auch Zellfragmente untersucht werden können. Beim Multiplen Myelom beispielsweise, einer Krebserkrankung des blutbildenden Systems, arbeiten Forscher daran, bei gesunden Menschen mittels einer Blutprobe Risikofaktoren für die Entwicklung dieser Erkrankung zu erkennen. Liegt ein Risiko vor, erkrankt der Mensch mit hoher Wahrscheinlichkeit in den nächsten zwei Jahren. Aktuell läuft eine Studie, ob es durch die zeitlich begrenzte Gabe eines Medikaments gelingt, den Ausbruch der Erkrankung zu verhindern und eine Normalisierung der Blutwerte zu erreichen.

          5. Paradigmenwechsel im Gesundheitswesen

          Der Wecker klingelt, man steht auf, geht ins Bad, putzt sich die Zähne, schaut in den Spiegel. Dieser mahnt: „Du isst zu fettreich. Nimm Statine ein oder geh zum Arzt!“ Das klingt wie Science-Fiction. Doch Forscher sind sich sicher: Eines Tages werden wir unsere Gesundheitsdaten und Soll-Bereiche für unsere Laborwerte kennen und wissen, wie sie idealerweise aussehen sollten. Tatsächlich brütet jeder Mensch spätestens ab 40 irgendeine Erkrankung aus, manche davon sind schwerwiegend. Mit der Disease Interception könnte die Medizin sie identifizieren und intervenieren, bevor sich die Krankheit manifestiert. Doch mit dem Wissen muss man auch umzugehen lernen. Sabine Lehmann (Name von der Redaktion geändert) hat eine Ärzte-Odyssee hinter sich. Lange war kein Arzt in der Lage, die richtige Diagnose zu stellen. Dann stand fest: Sabine Lehmann leidet am Smoldering Myelom, einer Vorstufe des bis vor wenigen Jahren noch oftmals tödlich verlaufenden Multiplen Myeloms. Würde sie es vorziehen, ihre Diagnose nicht zu kennen? „Nein, das wäre nicht mein Weg. Es ist aber eine individuelle Entscheidung, ob jemand von einer schweren Diagnose wissen möchte. Ich weiß, was ich habe und was meine Optionen sind“, sagt sie. So bringt Disease Interception Herausforderungen mit sich wie das Spannungsfeld zwischen Recht auf Information und Recht auf Nichtwissen. Das betrifft auch das Verständnis von Krankheit und Gesundheit, denn nach der Logik von Disease Interception gibt es neben „gesund“ und „krank“ ebenfalls ein „dazwischen“. Damit rüttelt das Konzept an den Grundfesten der Medizin. An Stelle der Bekämpfung von Erkrankungen würde künftig die Bewahrung von Gesundheit stehen. Doch der Ansatz wirft Fragen auf – medizinische wie auch regulatorisch-rechtliche, finanzielle und ethische.

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          : Disease Interception – was bedeutet dieser Forschungstrend?

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          : Maligne Lymphome: Entwicklungen in der Therapie

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