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Verlagsspezial

: Schöne neue Welt der Kredite

Bild: Cecilie_Arcurs/iStock

Nach den Privatkunden können sich auch Gewerbetreibende und Freiberufler bald über eine einfachere Kreditvergabe freuen. Sven Dost und Robert Wagner vom Beratungshaus Cofinpro haben die wichtigsten Zukunftstrends zusammengestellt.

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          Intelligente Datennutzung

          Um die Kreditwürdigkeit eines Gewerbetreibenden oder Freiberuflers zu beurteilen, nutzen Banken meist Finanzunterlagen und fordern Daten der großen Auskunfteien wie der Schufa an. Dabei gibt es inzwischen bessere Alternativen. Wie es geht, machen Online-Zahlungsdienstleister und e-Commerce-Händler vor. Diese Newcomer bieten vermehrt Kredite oder Ratenzahlungen an, bei denen die Bonitätsbewertung über historische Kontobewegungen und einen internen Verhaltens-Score berechnet wird. Auf Informationen der Auskunfteien wird häufig verzichtet, weil der Zahlungsdienstleister bereits genügend andere Daten gesammelt hat, um eine seriöse Prognose über Zahlungsmoral und Finanzstärke zu erstellen. Diesem Vorbild werden sich auch Banken anschließen. Die Daten der Auskunfteien verwenden sie künftig vermutlich nur als einen Prüfpunkt von vielen, um Informationen über Ausschlusskriterien abzufragen, wie zum Beispiel eine zurückliegende Insolvenz. Schließlich sitzen die Institute auf einem Schatz an Informationen, der mittels intelligenter Auswertung gehoben werden kann.

          Allein über die Kontoauszüge und Informationen zu Immobilieneigentum, Sicherheiten bei Krediten oder laufenden Ratenzahlungen kann sich die Bank ein sehr genaues Bild über die finanzielle Ist-Situation und Zahlungsbereitschaft eines Kunden machen, ohne dies noch von einer Auskunftei bestätigen zu lassen. Und über einen Direktvergleich mit der Peergroup eines Gewerbetreibenden oder Freiberuflers kann eine Bank auch bei einem Neukunden schnell eine fundierte Kreditentscheidung fällen. Werden zum Beispiel Finanzierungsoptionen für einen Physiotherapeuten oder Architekten gesucht, dann gibt es einen großen Datensatz an belastbaren Vergleichsdaten. In Kombina­tion mit einer Kontoübersicht helfen diese dabei, eine Entscheidung über eine mögliche Kreditlinie zu treffen. Grundlage der intelligenten Auswertung der Daten bieten moderne Technologien wie Künstliche Intelligenz (KI). Aus einem riesigen Berg an Datenmaterial, der für einen Menschen unüberblickbar ist, kann der Computer in einem sekundenschnellen Prozess die wichtigsten Informationen herausfiltern und schlüssige, logische Empfehlung generieren. 

          Neue Partner und Plattformen

          Noch vor wenigen Jahren fremdelten Banken und Fintechs miteinander. Diese Berührungsängste sind inzwischen weitgehend abgebaut, längst haben sich – vom Kunden unbemerkt – erfolgreiche Kooperationen gebildet. Schließt zum Beispiel ein Freiberufler einen Kreditvertrag über eine Internet-Vergleichsplattform mit einem Fintech ab, dann agiert dieses Unternehmen meist als Vermittler. Die Bank – ausgestattet mit der notwendigen Lizenz für Kreditgeschäfte – arbeitet im Hintergrund und stellt die Finanzierung zur Verfügung. Beide Seiten profitieren von dieser Teilung: Das Fintech ist ein Spezialist darin, neue Märkte zu erschließen und die benötigten Kundendaten effizient einzuholen. Der Bank bleiben hingegen teure Prozesskosten erspart, weil sie durch das Fintech vorgefertigte, standardisierte Datensätze bekommen, die im System schnell abgearbeitet werden können.

          Dieser Trend der neuen Partnerschaften wird noch zunehmen, gleichzeitig öffnen sich damit auch neue Möglichkeiten für Gewerbetreibende, weil immer passgenauere Nischenmodelle kostengünstig angeboten werden können. Über eine Plattform werden dann auch Produktangebote verschiedener Kreditgeber zu einer Gesamtlösung kombiniert. Sucht zum Beispiel ein Kunde auf diesem Kreditmarktplatz eine Lösung für eine Investitionsfinanzierung und die Finanzierung seines Fuhrparks, könnten gleich mehrere Möglichkeiten zusammengestellt werden: der beste Anbieter für die Investitionsfinanzierung und der beste  Anbieter für das Fuhrpark-Leasing. Alles aus einer Hand. Für die Banken hält der Schulterschluss mit den Fintechs einen weiteren Vorteil parat: Sie können das Fintech als eine Art „Inkubator“ nutzen, um die eigene Transformation voranzubringen und agile Prozesse in der Anwendung zu erproben. Vor allem für traditionell geprägte Konzerne ist dies ein Mittel, um den Aufbruch in die digitale Welt zu stemmen.

          Digital unterschreiben

          Aus Compliance-Sicht sind die Prozesse bei der Neukundenaufnahme für Freiberufler und Gewerbetreibende etwas komplexer als bei Privatkunden. Es gilt, mehr Informationen einzuholen und abzugleichen. Häufig müssen Gewerbekunden sogar noch persönlich in der Filiale erscheinen, sich ausweisen und Unterschriften hinterlegen. Das sogenannte „digitale Onboarding“, bei der die Kontoanmeldung bis zum unterschriebenen Vertrag vom heimischen Rechner aus erledigt werden kann, bieten Banken nur Privatkunden oder kleineren Unternehmen ohne juristische Personen an. Denn sobald ein Auszug aus dem Handelsregister benötigt wird, gibt es einen Bruch in der digitalen Kette, weil die benötigten Daten nicht automatisch ausgelesen werden können.

          Über eine Online-Identifizierung kann aktuell also nur eine Person identifiziert werden, aber ob diese Person das Unternehmen vertreten darf, ist bislang nur über eine manuelle Prüfung zu verifizieren. Das macht den Prozess nicht nur zeitaufwendig, sondern auch kostenintensiv für alle Beteiligten. Doch die Zeiten ändern sich, und an einer Lösung wird gearbeitet: Aktuell sind Drittanbieter damit beschäftigt, die benötigten Daten aus dem Handelsregister vollständig zu digitalisieren, um diese dann den Banken zur Verfügung zu stellen. Langfristig werden die papierbasierten und manuellen Prozesse in der Bank also auch für Gewerbekunden von effizienten und digitalen Klickstrecken abgelöst. Eine echte Win-win-Situation für Banken wie Kunden: Die Institute können ihre Mitarbeiter anderweitig einsetzen, Kunden müssen nicht mehr regelmäßig persönlich in der Filiale erscheinen.

          Raten nach Maß

          Zinssatz, Laufzeit und Ratenhöhe sind bei den meisten Ratenkrediten von Anfang an festgeschrieben. Bis zum Ende der regulären Laufzeit ändert sich an den Rahmenbedingungen im Normalfall nichts – so zumindest der Status quo. Künftig können Freiberufler und Gewerbetreibende mehr Flexibilität erwarten. Viele Institute öffnen sich für innovative Modelle und nutzen bereits die Möglichkeiten der zunehmenden Vernetzung für eine flexible und individuelle Anpassung der Konditionen. Grundlage dafür ist das Internet der Dinge (IoT), mit dem Daten in Echtzeit und Informationen über die geschäftliche Entwicklung gesammelt werden. Beispiel: Ein Zerspanungsmechaniker möchte seinen Maschinenpark erweitern und nimmt dafür einen Kredit auf. Ratenhöhe und Zinssatz werden dann an die Auslastung der neuen Maschinen angepasst, die selbständig die wichtigsten Daten zusammenstellen und dem Kreditgeber zur Verfügung stellen.

          Die Möglichkeiten, Finanzierungen passgenau anzugleichen, sind nahezu unbegrenzt. Für Einzelhändler könnten Banken sogar die belegten Stellflächen auf dem Parkplatz als Berechnungsgrundlage heranziehen. Der Vorteil für den Kreditnehmer: Die Höhe der monatlichen Rückzahlung richtet sich nach den finanziellen Möglichkeiten aus dem geschäftlichen Ist-Zustand und nicht nach historischen Zahlen. Für die Banken öffnen sich hier in Zukunft noch mehr Alternativen, um ihre Kundenbeziehungen auszubauen. Wenn aus den Maschinendaten hervorgeht, dass eine Produktionsanlage nicht mehr effizient arbeitet oder bald zu ersetzen ist, könnte die Bank proaktiv handeln und schon im Vorfeld Vorschläge für eine mögliche Finanzierung der Neubeschaffung präsentieren. Gerade in zeitkritischen Produktionsprozessen kann der Gewerbetreibende so einen teuren Stillstand vermeiden.

          Kredit auf Knopfdruck

          Noch ist der deutsche Kreditmarkt von einer Zweiklassengesellschaft geprägt. Während Angestellte innerhalb weniger Minuten online einen zinsgünstigen Kreditvertrag abschließen können, steht Freiberuflern und Gewerbetreibenden meist ein zeitraubender papierbasierter Antrag mit Beratergespräch bevor. Vieles wird noch manuell geprüft, darunter persönliche Daten des Antragstellers, finanzwirtschaftliche Zahlen, Gesamtvermögen, Verbindlichkeiten und sonstige Einkünfte. Wie es schneller geht, zeigen Fintechs, die in der Vergangenheit eher als alternativer Vertriebskanal für Banken in Erscheinung getreten sind und jetzt immer häufiger eigene Kredite vergeben. Mit digitalen Klickstrecken liefern sie eine Blaupause für schlanke und kostengünstige Finanzierungsmodelle. Dem können sich die großen Institute nicht verschließen. Sie sind gezwungen, die Fintechs zu kopieren und eigene Prozesse zu digitalisieren. Schon aufgrund sinkender Margen auf dem Kreditmarkt müssen sie interne Abläufe effizienter gestalten und beschleunigen. Außerdem verlangt der Markt nach mobilen Lösungen, weil Freiberufler zunehmend ortsunabhängig arbeiten.

          Sie wünschen sich von ihrer Bank Flexibilität und keine zeitraubenden Filial­termine. Getrieben von der gestiegenen Erwartungshaltung der Kunden und aufgescheucht von innovativen Lösungen aus der Fintech-Branche, werden sich die traditionellen Banken auf dem Kreditmarkt künftig neu präsentieren müssen. Noch weiter in die Zukunft blickend, könnten Gewerbetreibende und Freiberufler zudem von einer automatisch angepassten, ständigen Finanzierungslinie profitieren. Das Prinzip dahinter: Anhand langfristiger und regelmäßiger Kontobewegungen ermittelt die kontoführende Bank im Hintergrund automatisch einen möglichen Kredit mit flexibel steuerbaren Rückzahlungsmodalitäten. Statt seinen Dispositionskredit zu verwenden, könnte der Kunde Teile seiner möglichen Finanzierungslinie für eine spontane Investitionsfinanzierung nutzen. Das verbleibende Volumen könnte er flexibel für andere Aufwendungen wie beispielsweise Bürgschaften verwenden, wenn es benötigt wird – und zwar ohne vorher bei der Bank einen Antrag gestellt zu haben oder sogar einen weiteren Prüfprozess durchlaufen zu müssen.

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