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Verlagsspezial

: Im Mittelstand angekommen

Bild: vm/iStock

Schwarmfinanzierung wird nicht nur von kleinen, jungen Firmen, sondern zunehmend auch vom gehobenen Mittelstand genutzt – manchmal als kurzfristige Lösung, meist als Ergänzung des Finanzierungsmix.

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          Neue Instrumente der Mittelstandsfinanzierung vergrößern den Spielraum der Kapitalsuchenden. Während vor zehn Jahren fast alle Unternehmen nur ihre Hausbank für Finanzierungen hatten, nutzt die Mehrheit heute auch Factoring und Finetrading, Leasing und Schwarmfinanzierung. Durch die Digitalisierung rücken nicht nur weniger bekannte Finanzierungsinstrumente ins Scheinwerferlicht, auch Berechnungen und Vergleiche sind einfacher geworden. Das versetze Firmenchefs „in eine bessere Verhandlungsposition“, sagt Carl-Dietrich Sander, Leiter Fachgruppe Finanzierung-Rating im Bundesverband freier Berater.

          Das bestätigt auch die von der TU Darmstadt und dem Online-Kreditmarktplatz creditshelf durchgeführte Studie „Finanzierungsmonitor 2019“. Demnach kennen schon gut zwei Drittel der mittelständischen Unternehmen die Möglichkeit, Betriebsmittelkredite oder Nachrangdarlehen über Internetanbieter aufzunehmen. „Gut jede vierte Firma hat den Hinweis darauf von der eigenen Hausbank erhalten, die diese Kreditvariante also zunehmend als selbstverständlichen Teil des Finanzierungsmix wahrnehmen“, sagt Daniel Bartsch, Vorstand von creditshelf.

          Die Crowd-Geldgeber sind meist private Kleinanleger

          Für Jonas Löher vom Institut für Mittelstandsforschung in Bonn sind die auf Digitalisierung basierenden Finanzierungsformen zwar noch „Nischenphänomene“. Sie seien in erster Linie für kleine und junge Firmen eine oft sinnvolle Alternative zum Bankkredit oder eine Ergänzung ihres Finanzierungsmix. Doch nutzen auch immer mehr gestandene Unternehmen die Crowd, um schnell und einfach an frisches Kapital zu kommen. Als Mittler zwischen ihnen und vornehmlich privaten Kleinanlegern fungieren Plattformen wie Auxmoney, Exporo, Compeon, Funding Circle, Kapilendo, Mezzany oder Seedmach. Es gibt Dutzende solcher Portale, deren Zielgruppen und Konditionen sich jedoch unterscheiden.

          Besonders populär ist die Schwarmfinanzierung bei Unternehmen mit nur mittlerer Bonität, die leichter an Kapital kommen wollen. Das kostet sie zwar oft zweistellige jährliche Zinsen und Transaktionsgebühren, bedeutet aber geringeren administrativen Aufwand. Ein Beispiel dafür ist Schrimpf & Schöneberg in Hagen. Der mittelständische Betrieb produziert Federn und Drahtbiegeteile für Automobil- und Elektro­gerätehersteller. Für die Anschaffung einer neuen vollautomatisierten Schleifmaschine brauchte Geschäftsführer Knut Schuster 250 000 Euro. Den Kredit mit einer Laufzeit von fünf Jahren beschaffte er sich über Kapilendo. „Für uns ist die digitale Kreditfinanzierung eine schnelle und attraktive Ergänzung zum Bankdarlehen. Wir konnten damit unsere Finanzen auf eine breitere Basis stellen und selbstbestimmter agieren“, sagt Schuster.

          Neben Kapital erhält ein Betrieb durch die Schwarmfinanzierung auch Aufmerksamkeit. Man steht mit seinem meist innovativen Projekt in der Öffentlichkeit, die Crowd spricht positiv über einen, weil sie investiert ist. Das hat zum Beispiel die Berliner Schokoladenfabrik Sawade gemerkt: Das 1880 gegründete Unternehmen besorgte sich von Schwarmanlegern 1,3 Millionen Euro zu acht Prozent Zinsen. Diesen Weg ist Eigentümer Benno Hübel gegangen, weil ohne Online-Finanzierungsaktion junge Leute „den Namen Sawade wahrscheinlich nie gehört hätten“.

          Ein weiterer Pluspunkt der Schwarmfinanzierung ist das hohe Tempo: Nicht selten dauert es nur ein paar Stunden, bis die aufgerufene Summe für ein auf einer Crowdplattform vorgestelltes Projekt eingesammelt ist. Wenige Tage später ist das Darlehen für das Unternehmen verfügbar – die Medizintechnikfirma kann ihr benötigtes Hochleistungsmikroskop kaufen, der Logistikbetrieb seinen neuen Gabelstapler und der Immobilienprojektentwickler das begehrte Baugrundstück.

          Fliesenleger Jochen Räkow hat dafür die Kreditplattform Funding Circle genutzt. Seine Firma JoRo im nordrhein-westfälischen Elsdorf brauchte 12.000 Euro, um eine neue Schneidemaschine kaufen zu können. Die Kreditzusage hatte Räkow innerhalb von 24 Stunden.

          Jürgen Mangold, Geschäftsführer der Dußlinger Horst Hähl Kunststoffspritzguss und Werkzeugbau, hat sich über das auf den Mittelstand spezialisierte Finanzportal Compeon Geld besorgt. Als ihm ein Großauftrag über neue Autoheckspoiler ins Haus flatterte, wusste er nicht, ob er sich freuen oder ärgern sollte: Für die Finanzierung der Produktion brauchte er 250 000 Euro, die er nicht hatte. „Wie komme ich an einen Kredit für zwölf Monate?“, fragte er sich. Die Antwort fand Mangold im Netz: Auf der Plattform Compeon beschrieb er seinen Finanzierungsbedarf – und hatte 14 Tage später die benötigte Summe auf seinem Konto.

          Kapitalbeschaffung über die Crowd schont auch die Liquidität

          Andere Mittelständler nutzen die Kapitalbeschaffung über die Crowd, um ihre bestehende Liquidität zu schonen. Der Chef eines Gärtnerbetriebes hätte die Baukosten für ein neues Gewächshaus eigentlich auch aus seinem Cash flow aufbringen können. Dennoch hat er sich für die Schwarmfinanzierung entschieden: „Ich möchte flüssig bleiben, um am volatilen Einkaufsmarkt auch kurzfristig reagieren zu können.“ Die eigenkapital-ähnlichen Mittel des Schwarms haben für ihn und andere Firmenchefs zwei weitere Vorzüge gegenüber herkömmlichen Instrumenten wie Unternehmensanleihen oder Schuldscheinen: „Ich kann das Volumen und die Laufzeit bestimmen.“

          Schwarmfinanzierung ist im Mittelstand angekommen. Unternehmer nutzen sie für schnelle Finanzierungslösungen und um ihren Finanzierungsmix zu ergänzen. Positiver Nebeneffekt ist die Aufmerksamkeit, die ein Unternehmen erhält, das von der Crowd Kapital bekommt.

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