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Verlagsspezial

: Eine neue Art zu denken

Bild: fizkes/iStock

Die Digitalisierung im Unternehmen muss strategisch angegangen und die Mitarbeiter müssen einbezogen werden. Egal, ob das Geschäftsmodell komplett erneuert wird oder nur die Möglichkeiten der digitalen Welt für effizientere Prozesse genutzt werden: Digitale Bildung braucht Zeit.

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          Die Digitalisierung bringt eine ganz neue Art des Denkens mit sich. Arbeit wird zunehmend agil und flexibel im Joballtag. Diese Veränderung muss nicht nur gelernt, sondern gelebt werden. Den Umgang mit bestimmten Methoden wie Scrum oder Design Thinking gezeigt zu bekommen stellt nur den Anfang dar. Die digitale Ausbildung betrifft das Unternehmen als Ganzes. Nur wenn sich digitales Denken wirklich etabliert, können neue Geschäftsmodelle und kreative Lösungen entstehen. Und nur dann steht auch die Belegschaft hinter dem Wandel.

          In jeder Firma muss individuell überlegt werden, welche Bereiche in welchem Maße weitergebildet werden sollen. Entscheidend für die digitale Ausbildungsstrategie sind zwei Faktoren: die angestrebten Entwicklungsziele und der Grad der digitalen Transformation, den das Unternehmen bereits erreicht hat. Sind die Firmen digitale Anfänger, die gerade erst beginnen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen? Sind sie bereits Follower oder Innovatoren, die das eigene Geschäftsmodell bereits hinterfragen? Oder sogar digitale Champions, die disruptiv den Markt verändern?

          Können Chatbots die Kundenbetreuung verbessen?

          Zur Verfügung stehen unterschiedliche Lerninhalte auf vielen verschiedenen Kanälen – gedruckte Unterlagen, E-Learning, Tutorials. Das Spektrum ist groß. Auch hier gilt es wieder, Inhalte und Kanäle abgestimmt auf das Unternehmen und die einzelnen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen auszuwählen. Oft ist zunächst eine Auftaktveranstaltung zur firmeninternen Aktivierung des Digitalisierungsprozesses sinnvoll.

          Auch zwischenmenschliche Beziehungen sind ein sehr wichtiger Baustein in Lernprozessen. Eine gute Herangehensweise für digitale Fortbildung ist ein erstes persönliches Treffen von Interessierten und Experten zu einem digitalen Thema wie zum Beispiel Künstliche Intelligenz oder Drohnen. Dabei können Arbeitsgruppen mögliche Einsatzgebiete gemeinsam erarbeiten und erste Prototypen erstellen. Sie können zum Beispiel darüber nachdenken, wie der Einsatz von Chatbots die Kundenbetreuung im Unternehmen verbessern kann. Lerninhalte und erste Anwendungen können der Arbeitsgruppe oder anderen Interessierten anschließend per Telefon- oder Videokonferenz, Chat oder in einer Internet-Community zur Verfügung gestellt werden. Wichtig ist jedoch, dass weiterhin in regelmäßigen Abständen persönliche Treffen stattfinden. Wenn Mitarbeiter eine neue Technologie oder Methode wie Scrum erlernt haben, müssen sie sich anschließend austauschen und experimentieren dürfen.

          Neu erlernte Kenntnisse müssen angewendet werden, sonst geraten sie im Arbeitsalltag in Vergessenheit. Wenn beispielsweise Wissen zum Thema Prozessautomatisierung oder Künstliche Intelligenz vermittelt wurde, kann dies nur ein erster Startschuss sein, denn der Lernprozess muss im Alltag fortgeführt werden. Digitales muss erlebt werden.

          Die Arbeitsgruppen sollten möglichst abteilungsübergreifend und offen gestaltet werden. Silodenken hat im Umfeld digitaler Bildung keinen Platz. Nicht jede Abteilung darf ihr eigenes digitales Lernprojekt unabhängig von allen anderen aufsetzen. Ideen entstehen vor allem im Austausch, und dieser abteilungsübergreifende Dialog muss gefördert werden. Möglich ist auch eine Kombination von Digitalfachkräften aus dem eigenen Haus und externen Experten.

          Der Wandel muss von oben nach unten durchgesetzt werden, ohne die Unterstützung des Managements geht es nicht. Die Geschäftsführung trägt die Verantwortung dafür, dass digitaler Bildung Raum gegeben wird. Auch hier ist der Mix wichtig: Die Personalabteilung muss mit der Personalentwicklung und den fachlichen Experten zusammenarbeiten. Wichtig ist, dass jede Führungskraft den digitalen Wandel nicht nur anordnet, sondern vorlebt. Der Chef oder die Chefin sollte bereits agil denken und die von den Mitarbeitern geforderten Tools nutzen.

          Entscheidend ist auch, den Mitarbeitern die Angst zu nehmen – davor, übermorgen von einem Roboter ersetzt zu werden oder mit den digitalen Tools nicht umgehen zu können. Hier hilft es nicht, nur Tools und Techniken zu schulen. Mitarbeiter brauchen eine Perspektive und eine positive Einstellung gegenüber der Digitalisierung, damit die Firma wirklich digital werden kann. Führungskräfte sollten den Mitarbeitern daher aufzeigen, welche Rolle sie heute haben und wie diese voraussichtlich in Zukunft aussehen wird. Die Unternehmensleitung muss definieren, wohin sich das Unternehmen entwickeln soll und welche Hürden es dafür zu überwinden gilt. Soll sich ein stationärer Händler zu einem digitalen Champion entwickeln, wie es viele Online-Versandhändler bereits getan haben? Dafür müssen eventuell Start-ups dazugekauft, junge Fachkräfte angeworben und Mitarbeiter umfangreich geschult werden.

          Digitalisierung als Chance für Frauen, die Karriereleiter zu erklimmen

          Technologiewissen ist nur ein Baustein. Vor allem gilt es, die neue Denkweise, Kreativität und Innovationen zu fördern. Digitale Bildung ist ein fortlaufender Prozess – auch nach zwei Jahren Schulung ist die Belegschaft nicht plötzlich digital. Digitale Arbeitsgruppen müssen lange bestehen, bis irgendwann das Digitale zur DNA des Unternehmens gehört.

          Gerade Frauen bietet sich mit der Digitalisierung die Chance, die Karriereleiter zu erklimmen, da ihnen das digitale Lernen leichter fällt und sie tendenziell weniger Angst vor der Digitalisierung haben. Sie sind oft kreativer, innovativer und verfügen über emotionale Intelligenz. Das alles hilft ihnen, neue Ansätze zur Lösung der Herausforderungen des Unternehmens zu finden. Gerade befindet sich die Geschäftswelt ohnehin im Umbruch. Diesen Wandel positiv zu sehen und für sich zu nutzen ist wichtig. Dafür braucht es kein tiefes IT- und Technikwissen, sondern eher den Blick darauf, wie Technik helfen kann.

          Susanne Arnoldy ist Partnerin bei PwC Deutschland.

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