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Verlagsspezial

: Blockchain als Lösungen

Bild: AvigatorPhotographer

Sie soll die internationale Handelsfinanzierung schneller, effizienter und sicherer machen – die Blockchain-Technologie. Die erste Plattform ist bereits in Betrieb, zwei weitere folgen demnächst.

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          Wie stark die deutsche Wirtschaft auf den Weltmärkten ist, hat sich 2018 erneut gezeigt: Die Industrie erzielte im Außenhandel einen Überschuss von 260 Milliarden Euro – mehr als jedes andere Land der Welt. Für das Plus ist nicht zuletzt der Mittelstand verantwortlich. Wichtige Exportindustrien wie Maschinenbau, Elektronik oder Chemie bestehen zu einem Gutteil aus mittelgroßen Unternehmen.

          So erfolgreich der Mittelstand auf den globalen Absatzmärkten ist – Exporte sind in der Regel mit einem enormen Aufwand an Bürokratie verbunden, der viel Mühe, Zeit und Nerven kostet. Eine Flut von Dokumenten begleitet die Waren auf dem langen Weg zum Kunden – Packzettel, Ursprungszeugnisse, Rechnungen, Zollbescheinigungen und vieles mehr. Obendrein müssen die Lieferanten zuweilen recht lange auf ihr Geld warten.

          Erheblich schnellere Geldflüsse verspricht die Blockchain. Ihr Kern ist die Distributed Ledger Technology, auf Deutsch: das „verteilte Hauptbuch“. Damit können alle für eine bestimmte Transaktion relevanten Dokumente von jedem betroffenen Unternehmen per Computer gleichzeitig eingesehen werden. Gleich mehrere Plattformen sind hierzulande angetreten, um Blockchain-Lösungen für die Handelsfinanzierung anzubieten.

          Gemeinschaftsunternehmen von 14 Banken

          Als erste Plattform nahm We.Trade im vergangenen Sommer den regelmäßigen Betrieb auf. An dem Gemeinschaftsunternehmen sind 14 europäische Banken beteiligt, darunter die Deutsche Bank, die UBS aus der Schweiz und die italienische UniCredit. Die Kunden kommen aus den unterschiedlichsten Branchen. Zu den Unternehmen, die We.Trade bereits für die Handelsfinanzierung nutzen, gehören zum Beispiel ein deutscher Autozulieferer, ein Stahlproduzent aus Italien und ein Hersteller von Baumaschinen aus Frankreich.

          Eine zweite Plattform ist Marco Polo, die von Banken aus Europa, aber auch aus Asien initiiert wurde. „Aus diesem Grund haben wir uns nach dem italienischen Entdecker benannt, der ja zugleich Kaufmann war“, sagt Angela Koll, Expertin für Handelsfinanzierung bei der Commerzbank, die Marco Polo unterstützt. Die Plattform, an der auch die Landesbank Baden-Württemberg beteiligt ist, soll Anfang 2020 den Betrieb aufnehmen. Neben Großunternehmen können mittelfristig auch kleine und mittlere Firmen an Marco Polo teilnehmen.

          Voltron, das dritte Projekt, das die Blockchain für die Handelsfinanzierung einsetzen will, wird unter anderem von der britischen Großbank HSBC unterstützt. Die Plattform hat bereits rund ein Dutzend Pilotprojekte erfolgreich in Echtzeit abgewickelt. Hierbei ging es unter anderem um Lieferungen von Argentinien nach Malaysia, von Bahrein nach Saudi-Arabien und von Singapur in die Schweiz.

          Zeitbedarf für Dokumentenabwicklung sinkt

          Wie die Erfahrungen aus diesen Pilotprojekten zeigen, sinkt der Zeitbedarf für die Dokumentenabwicklung enorm. Bislang dauert es meist fünf bis zehn Tage, bis das Geld nach der Verschiffung auf dem Konto eingeht. „Über die Voltron-Plattform können der Dokumentenaustausch und die Zahlung innerhalb von 24 Stunden abgewickelt werden“, verspricht Alexander Mutter, bei HSBC Deutschland für Handelsfinanzierung zuständig. Wenn der Lieferant sein Geld früher bekommt, hat er natürlich einen größeren finanziellen Spielraum. „Der Bedarf an Working Capital sinkt“, sagt Angela Koll von der Commerzbank. Zudem reduziert sich der administrative Aufwand: Ein großer Teil der Dokumente, die heute noch in Papierform ausgetauscht werden, kann künftig elektronisch übermittelt werden. Dies wird freilich, auch aus rechtlichen Gründen, nicht in jedem Fall möglich sein.

          Nicht vergessen werden dürfen aber auch die „weichen“ Vorteile, die sich nicht in Euro und Cent angeben lassen. Die Blockchain ist eine sehr sichere Technologie. Es ist nicht möglich, einmal erfasste und gespeicherte Dokumente im Nachhinein zu löschen, zu fälschen oder auf irgendeine andere Weise zu manipulieren. Selbst wenn es erforderlich wird, falsch eingegebene Daten zu korrigieren, bleiben die geänderten Angaben in der ursprünglichen Version gespeichert, so dass eine Korrektur genau nachverfolgt werden kann. In der Blockchain gibt es keinen Radiergummi. „Dieses Verfahren schafft Vertrauen“, sagt Kai Kirschbaum, Experte für Blockchain-Lösungen bei der Deutschen Bank. Die Blockchain erlaubt es, Betrug leichter aufzudecken beziehungsweise von vornherein zu verhindern. „Transparenz und Fälschungssicherheit nehmen zu“, stellt Koll fest.

          Freilich können im Allgemeinen nur Exportunternehmen, die bereits Kunde einer der teilnehmenden Banken sind, eine Blockchain-Plattform nutzen. „Auch die Importeure müssen Kunden einer unserer Korrespondenzbanken sein“, sagt Handelsexperte Mutter von HSBC. Die Kreditinstitute möchten schließlich nicht Gefahr laufen, Geschäfte mit möglicherweise dubiosen Unternehmen zu unterstützen. „Wir müssen unseren guten Ruf schützen“, erläutert Mutter.

          Einbindung sämtlicher Player angestrebt

          Diese Regel bedeutet, dass sich Blockchain-Lösungen vor allem für wiederkehrende Geschäfte eignen, bei denen die Exporteure regelmäßig an dieselben, ihnen und den Banken wohlbekannten Firmen liefern. Es ist aber zum Teil auch möglich, Einmalgeschäfte über eine Plattform wie We.Trade abzuwickeln, sofern der Kunde mit einer der teilnehmenden Banken zusammenarbeitet. Solche Geschäfte spielen gerade im Maschinenbau eine große Rolle. Investitionsgüter werden von den Kunden ja typischerweise nur in großen Zeitabständen angeschafft.

          Langfristig wollen die Plattformen sämtliche Unternehmen und Institutionen einbinden, die am Außenhandel und dessen Finanzierung beteiligt sind. Neben Exporteuren, Importeuren und Banken sollen Kreditversicherer wie Coface ins Boot geholt werden. Auch die Hermes-Organisation, die Bürgschaften für Exportkredite übernimmt, könnte eventuell teilnehmen. Spediteure, Reedereien und andere Logistikunternehmen sollen in Zukunft ebenfalls an Bord geholt werden. Doch es ist nicht leicht, so unterschiedliche Partner in ein umfassendes Modell einzubinden.

          Die Plattformen Marco Polo und Voltron sind sich in vieler Hinsicht ähnlich. Sie verfolgen beide sehr ambitionierte Geschäftsmodelle. We.Trade hingegen hat sich dafür entschieden, zunächst einmal eine einfache Basisversion anzubieten. Das Angebot soll jedoch künftig um weitere Funktionen ergänzt werden. Die Plattform kann in nahezu allen europäischen Ländern genutzt werden. Unterstützt werden Zahlungen in Euro, Dollar, Pfund und anderen europäischen Währungen. Nach dem erfolgreichen Start in Europa ist später auch die Expansion in die Vereinigten Staaten sowie nach China, Japan und in weitere Länder im Fernen Osten geplant.

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