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Verlagsspezial

Bild: KfW-Bildarchiv

Interview : „Ältere Unternehmen können oft mehr Geld investieren“

Wie stark Mittelständler Neuentwicklungen und Digitalisierungsprojekte vorantreiben, hängt von verschiedenen Faktoren wie den Konjunkturaussichten, dem Alter der Unternehmen oder auch dem des Managements ab. Ein Gespräch mit KfW-Volkswirt Volker Zimmermann über seine Forschungsergebnisse.

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          Herr Zimmermann, für die KfW haben Sie zu Bestimmungsfaktoren des Digitalisierungs- und Innovationsverhaltens im Mittelstand geforscht. Welche Trends lassen sich feststellen?

          Die KfW beobachtet die Innovationstätigkeit im Mittelstand seit gut zwölf Jahren. Seit zehn Jahren können wir feststellen, dass der Anteil an Unternehmen, der Innovationen hervorbringt, kontinuierlich zurückgeht, die Innovationsausgaben allerdings konstant geblieben sind. Man kann also sagen, dass es tendenziell immer weniger Innovatoren gibt, diejenigen, die ihre Innovationstätigkeit beibehalten, aber mittlerweile mehr Geld investieren.

          Wodurch wird diese Entwicklung bedingt?

          Mittelständler haben sich auf kleine, „inkrementelle“ Innovationen spezialisiert und produzierten häufig Nachahmungen. Die lohnen sich allerdings immer weniger, weil die Lebenszyklen der Produkte immer kürzer werden und damit auch die Zeit, aus dem Verkauf der Produkte Einnahmen zu generieren. Der Versuch, große Unternehmen durch Innovationen und Nachahmungen einzuholen, lohnt sich für kleine Unternehmen ebenfalls kaum noch. Ein weiterer Faktor ist, dass die Beschäftigten demographiebedingt immer älter werden. Ältere Arbeitnehmer stehen neuen Entwicklungen häufig nicht so aufgeschlossen und kreativ gegenüber wie ihre jüngeren Kollegen. Das bedingt den Rückgang von Innovationen.

          Also hat das Alter der Beschäftigten einen Einfluss darauf, wie innovativ ein Unternehmen ist. Lässt sich diese Beobachtung auch auf die Geschäftsführung übertragen?

          Bei den Unternehmern muss man ein bisschen differenzieren. Da sieht man, dass Prozessinnovationen mit steigendem Alter abnehmen, während die Innovationstätigkeit hinsichtlich neuer, verbesserter Produkte mit dem Alter nicht nachlässt. Das liegt daran, dass Prozessinnovationen häufig mit der Anschaffung neuer Maschinen verbunden sind, die eine relativ lange Amortisationsdauer haben, die möglicherweise über die Unternehmensübergabe an einen Nachfolger hinaus reicht. Das ist etwas, was sich für einen Unternehmer häufig nicht lohnt, während er mit neuen Produkten auch kurzfristig gute Geschäfte machen kann.

          Zudem haben Sie untersucht, wie sich der Abschluss der Angestellten und Unternehmer in Bezug auf die Entwicklung von Innovationen auswirkt. Inwiefern beeinflusst die Ausbildung die Innovationstätigkeit?

          Da sehen wir deutlich, dass Hochschulabsolventen die Digitalisierung eines Unternehmens beziehungsweise deren Innovationen steigern, sowohl auf Unternehmerseite als auch bei den Beschäftigten. Das ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass ein Hochschulstudium den Fokus stärker auf kreatives Arbeiten legt. Im dualen System der Berufsausbildung steht die Vermittlung von Wissen im Vordergrund, während in einem Hochschulstudium auch das eigene Erarbeiten von Inhalten und das Anwenden bestehenden Wissens auf neue Felder gefordert wird. Das ist wahrscheinlich der Grund, weshalb die Hochschulabsolventen bei der Innovations- und Digitalisierungstätigkeit so einen starken Einfluss ausüben.

          Hat auch die regionale Ausrichtung einer Firma einen Einfluss auf das Innovationsverhalten?

          Ja, da sehen wir einen deutlichen Trend: Je größer die Ausrichtung des Absatzmarktes, desto eher bringen Unternehmen Innovationen hervor und fördern Digitalisierung. Deutsche Firmen steigern international ihre Wettbewerbsfähigkeit über Innovationen, also bessere Produkte und effizientere Prozesse. Zudem können Unternehmen, die überregional und im Ausland tätig sind, Wissen und Ideen von fremden Märkten aufgreifen und in ihre eigenen Innovationen einfließen lassen.

          Das Wort „innovativ“ wird gerne im Zusammenhang mit Start-ups und jungen Unternehmen genutzt. Konnten Sie feststellen, dass jüngere Unternehmen mehr Neuentwicklungen hervorbringen als ältere?

          Das ist nicht zwingend der Fall. Junge Unternehmen greifen neue Technologiefelder oft früher auf als ältere Firmen und besetzen neu entstehende Märkte häufig schneller. Daher kommt der Ruf, dass junge Unternehmen mehr Innovationen hervorbringen. Aber nicht alle Gründungen sind so innovativ. Große und ältere Unternehmen haben oft umfangreichere finanzielle Mittel als Start-ups und können deshalb mehr Geld in die Forschung investieren. In Deutschland haben wir die „Hidden Champions“, das sind größere und ältere Unternehmen, die auf ihrem Gebiet außerordentlich innovativ sind.

          Die Konjunkturerwartungen für 2019 mussten erst kürzlich nach unten korrigiert werden. Wie wirkt sich das auf Digitalisierungsprojekte und die Entwicklung von Innovationen aus?

          Eine gut laufende Konjunktur fördert die Innovationstätigkeit. Dafür gibt es mehrere Gründe: Zum einen verbreiten sich Innovationen bei einer hohen Nachfrage schneller im Markt. Die Unternehmen passen die natürlich ab und bringen ihre neuen Produkte und Dienstleistungen auf den Markt, wenn die Wirtschaft insgesamt wächst. Auch bedeutet eine gute Konjunktur, dass Unternehmen ihre Innovationstätigkeit leichter finanzieren können. Im Gegensatz dazu zielt Digitalisierung in Deutschland weniger auf digitale Produkte und Dienstleistungen ab, sondern eher auf Prozesse und Arbeitsorganisation. Deshalb ist sie nicht so stark an die Konjunktur gekoppelt.

          Was empfehlen Sie, um Innovationen und Digitalisierungsprojekte zukünftig stärker zu fördern?

          Wir haben auf der einen Seite Unternehmen, die eigene Forschung und Entwicklung betreiben und so die technologische Entwicklung voranbringen. Um solche Unternehmen zu fördern, muss man als Staat eine ambitionierte Forschungsstrategie aufsetzen. Wir haben in Deutschland ein gut ausgearbeitetes System von verschiedenen Förderinstrumenten, im internationalen Vergleich sehen wir aber, dass die Förderung in bestimmten Bereichen geringer ausfällt als in anderen Ländern. Die bestehenden Förderinstrumente könnten finanziell besser ausgestattet werden, um damit mehr Forschung in Unternehmen zu unterstützen. Auf der anderen Seite haben wir eine große Masse an Mittelständlern, die keine Forschung und Entwicklung betreiben. Das sind die Unternehmen, die uns in den letzten Jahren bei den Innovatoren weggebrochen sind. Bei diesen Firmen fehlen vor allem das passende Knowhow und qualifizierte Mitarbeiter. Sie brauchen eine andere Art der Förderung. Aus- und Weiterbildungen müssen hier im Vordergrund stehen und die Frage, wie man Kompetenzen in das Unternehmen einbringt und einen Wissenstransfer über neue Technologien fördert.

          Das Interview führte Kim Berg.

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