https://www.faz.net/-ixi-a3a8c
Verlagsspezial

: Vom nationalen zum internationalen Gesundheitssystem

Zur fortschreitenden Digitalisierung gehört die Frage: Wie sollen Internationalisierung und lokale Werte in Einklang gebracht werden? Bild: bakhtiarzein/Adobestock

Um ihr Potential voll ­entfalten zu können und Digital Health zu realisieren, müssen sich ­Gesundheitssysteme verschiedener Länder ­miteinander vernetzen. Der Trend dazu besteht – die Entwicklung angemessen ­voranzutreiben ist eine der großen Aufgaben der kommenden Jahre.

          4 Min.

          Digital Health und eine ­stärkere ­Internationalisierung sind untrenn­bar miteinander verbunden. So unterscheiden sich elektronische Patientenakte oder Videosprechstunde in Deutschland technisch und funktional nicht grundsätzlich von denen in anderen Ländern. Auch sprechen wenige rationale Gründe dafür, eine Plattform für Diabetes­patienten hierzulande anders zu gestalten als in der Schweiz. Werden Digital-Health-Lösungen als Produkte verstanden, ist das nichts Neues, denn auch Arzneimittel, Medizinprodukte sowie Großgeräte sind in unterschiedlichen Ländern häufig identisch. Digital Health ist jedoch meist eng mit einer Versorgungsform verknüpft und in ­definierte Pfade eingebunden. Sie kann somit dazu führen, dass sich Versorgungspfade inter­national angleichen.

          Hinzu kommt, dass einige digitale Ansätze nur sinnvoll sind, wenn sie über Grenzen hinweg etabliert sind. Dies gilt für viele Formen der Datenbanken sowie für automatisierte Datenflüsse und viele weitere Anwendungen. Die Wertschöpfung von internationalen Gesundheitsbranchen kann erst dann realisiert werden, wenn sich die unterschiedlichen Systeme miteinander verbinden. Dies zeigt den eigentlichen Sinn von Digital Health: Sie kann als zentrales Instrument dienen, um die Gesundheitsversorgung zu vernetzen und patientenorientiert zu gestalten.

          Deutsches Gesundheitssystem in sich geschlossen

          Entgegen diesen Tendenzen folgen ­etablierte regulatorische Steuerungsmöglichkeiten bislang einer komplett anderen Logik. In Deutschland sind Leistungserbringer beispielsweise mit ihrem Versorgungsauftrag vollständig abgeschottet. Um ärztliche Leistungen im Solidarsystem erbringen zu dürfen, muss eine Person dafür zugelassen sein. Hier geht es nicht nur um persönliche Zugangsvoraussetzungen und Qualifikationen, sondern auch um eine ­definierte Anzahl vorhandener Vertragsarztsitze in einer Region. Andere Länder sind deutlich freizügiger. Zum Beispiel bietet Spanien Telemedizin für die Schweiz an, und indische Mediziner werten radiologische Befunde aus den Vereinigten Staaten aus.

          Nicht nur die ärztliche Leistung, sondern ein Großteil der rechtlichen Rahmenbedingungen des Gesundheitssystems basieren auf dem Gedanken einer festen Bezugsgröße in einem geschlossenen Markt. Beispiele sind die Planung der Anzahl an vorgehaltenen Betten und an stationären Eingriffen auf Landesebene, die unter Vertragsärzten verteilten Honorarbudgets ebenso wie die Qualitätssicherung, die sich alle auf die hier tätigen Leistungserbringer beziehen. Das diente bisher dazu, das Solidarsystem vor unbegründeten Mengenausweitungen zu schützen. Eine Internationalisierung würde diese Paradigmen auf den Kopf stellen.

          Gerade im Kontext der SARS-CoV-2-Pandemie richtet sich der Fokus vieler Entscheidungsträger auf das direkte Umfeld – teilweise nicht einmal national, sondern regional. Dies ist insofern verständlich, als dass die Krise eine zentrale Stärke des deutschen Gesundheitssystems zum Vorschein brachte: Es lässt sich führen und handhaben. Wird normalerweise die Kehrseite davon deutlich – rigide Prozesse und Strukturen –, profitiert die Bundesrepublik aktuell von den einheitlichen Vorgaben mit dezentraler Verantwortung. Die globalisierten Bestandteile des Gesundheitssystems wirkten während der Pandemie dagegen zeitweise wie eine Gefahr. Deutschland war ad hoc nicht in der Lage, selbst ausreichend Atemschutzmasken und benötigte Arzneimittel herzustellen. Auch wenn dies eine Extremsituation darstelle, machte die Pandemie deutlich, dass es Konsequenzen nach sich zieht, wenn Schlüsseltechnologien zu einer Abhängigkeit von anderen Ländern führen.


          Fehlende Vernetzung bremst Fortschritt aus

          Trotz allem setzte die Pandemie auch positive Impulse: Durch die Kontaktsperre und den immensen, kurzfristigen Bedarf an kreativen Lösungen erhielt Digital Health ungeahnt Momentum. Die kommenden Jahre werden möglicherweise sogar die digitale Transformation des Gesundheitswesens bringen. Gleichwohl stellt sich aufgrund der aktuellen Gegebenheiten und Erfahrungen die Frage, wie viel Internationalisierung dabei notwendig und gewollt ist oder ob, im extremsten Fall, eine Digital- Health-Strategie ohne Internationalisierung und Vernetzung funktionieren kann.

          Es ist durchaus möglich, dass sich die Umsetzung von Digital Health primär auf solche Bereiche konzentriert, die national definiert und entwickelt werden können. Auch Datenbanken würden in diesem Fall national abgeschottet etabliert und die Lösungen und Ökosysteme, die bereits international existieren, vollständig neu entwickelt. Im Gegensatz zu einer neuen Form der Vernetzung oder eines schnellen, teils automatisierten Datenaustauschs würden in dem Szenario vorrangig bestehende analoge Prozesse digital durchgeführt.

          Allerdings ist es unwahrscheinlich, dass Digital Health ihr Nutzen-Potential eines vernetzten, patientenorientierten Gesundheitswesens entfalten kann, wenn die vollständige Unabhängigkeit höchste Priorität hat. Demnach sollten das Ziel sein, das Gesundheitswesen nicht so zu digitalisieren, wie es am einfachsten erscheint, sondern wie es für die Patientenorientierung und die Vernetzung am meisten Sinn ergibt.


          Internationalisierung mit Maß vorantreiben

          Insgesamt ist davon auszugehen, dass Gesundheitsmärkte deutlich internationaler werden. Die lokalen Märkte verschwimmen spätestens dann, wenn globale Tech-Unternehmen noch aktiver einwirken, wenn sie zielgerichteter Daten sammeln und diese für Versorgungsfragen einsetzen. Das angemessene Maß dieser Entwicklung wird wohl die zentrale Herausforderung der kommenden Jahre sein. In jedem Fall sollte sich Deutschland bereits heute anschauen, welche spannenden Lösungsansätze andere Länder entwickeln und wie diese sinnvoll an lokale Bedürfnisse und Gegebenheiten angepasst werden können. Dies kann auch primär im Rahmen der Wertegemeinschaft der Europäischen Union erfolgen. Die meisten zentralen Herausforderungen sind immerhin die gleichen. Viel zu wenig wird sich bislang darauf konzentriert, internationale Konzepte zu übertragen. Gleichwohl muss ebenso kritisch überprüft werden, wo Internationalisierung für Digital Health nicht nötig ist oder nicht die intendierten Effekte bringt.

          Letztendlich bleibt es eine Abwägung, den Nutzen von Digital Health auszuschöpfen und mit dem Fortbestand lokaler Möglichkeiten und Werte sowie einem regulierten Gesundheitssystem in Einklang zu bringen. Internationalisierung darf nicht zu Laissez-faire führen, sondern umgekehrt bedarf sie einer umso stringenteren Gesundheitspolitik, die sich eines erweiterten Instrumentenkastens bedient.

          Patricia Ex ist Geschäftsführerin des Bundesverbands Managed Care e. V., Berlin.

          Professor Dr. oec. Volker Amelung ist Vorstandsvorsitzender des gleichen ­Verbands und arbeitet am Institut für Epidemiologie, Sozialmedizin und ­Gesundheitssystemforschung an der ­Medizinischen Hochschule Hannover.

          Topmeldungen

          Telemedizinische Angebote verbessern das Leben von Patienten mit Herzinsuffizienz. Sie sollten schon bald flächendeckend verfügbar sein.

          : Telemedizin als Erfolgsgeschichte bei Herzinsuffizienz

          Komplikationen früh zu erkennen und entsprechend zu behandeln kann die Prognose von Patienten mit Herzinsuffizienz verbessern. Telemedizinische Angebote helfen dabei und schließen die Betreuungslücke zwischen ländlichen Regionen und Metropolen. Doch der Weg in die Versorgung war steinig.
          Für die Akzeptanz digitaler Anwendungen braucht es Herz und Verstand.

          : Digitale Transformation bedeutet mehr als Gesundheits-Apps auf Rezept

          Das Gesundheitssystem wird zunehmend digital und verwandelt sich schon jetzt in ein offenes, selbstorganisiertes Netzwerk führt nicht nur dazu, dass sich Telemedizin, Apps & Co. verbreiten. Sie verändert vielmehr die Gesellschaft.
          Die Transformation zum digitalen Gesundheitswesen gelingt am Besten, wenn alle Beteiligten mit vereinten Kräften vorgehen.

          : Digitalisierung – Die Tür zur Zukunft der Medizin

          Dem Gesundheitssystem steht ein unmittelbarer Wandel bevor: Weg von analog, hin zu digital lautet die Devise. Dank Telemedizin, Künstlicher Intelligenz, E-Rezept und digitaler Patientenakte ergeben sich völlig neue Perspektiven zur Diagnostik und Therapie von Krankheiten. Die individualisierte Versorgung rückt in greifbare Nähe.
          Professor Dr. med. Jürgen Wolf ist Ärztlicher Leiter des Centrums für Integrierte Onkologie am Universitätsklinikum Köln und Sprecher des nationalen Netzwerks ­Genomische Medizin (nNGM).

          Interview : Spitzenmedizin erfordert umfassende Vernetzung

          Personalisierte Behandlungskonzepte sind ein Durchbruch in der modernen Krebstherapie – allerdings stehen sie nicht jedem Patienten zur Verfügung. Ein Gespräch mit Jürgen Wolf über den Stellenwert einer forschungsnahen, wissensintensiven Versorgung, von klinischen Daten sowie der Vernetzung von Strukturen.