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Verlagsspezial

: „Der klassische Computer verschwindet“

Bild: STEFAN MARIA ROTHER

Mensch und Maschine rücken enger zusammen. Wie verändert sich der Austausch zwischen beiden – und was hat der Mensch davon? Ein Gespräch mit Gesche Joost und Thomas Schildhauer.

          Frau Professor Joost, Herr Professor Schildhauer, Sie erforschen digitale Innovationen mit den Schwerpunkten Design und Wirtschaft. Werfen Sie einen Blick in die Zukunft: Wie wird sich der Austausch zwischen Mensch und Maschine 2015 verändern?
          Schildhauer: Ich denke, die sogenannten Smart Watches werden sich dieses Jahr durchsetzen. Immer mehr Menschen werden sie als Navigationshilfe nutzen – ganz einfach, weil sie so praktisch sind. Und mit ihnen werden sich auch Innovationen zum Thema Quantified Self – also der Vermessung der eigenen Gesundheitsdaten – stärker verbreiten. Aber auch in Fahrzeugen wird sich dieses Jahr einiges verändern. Die Nutzerschnittstelle, die wir von Smartphones kennen, wandert in Autos, Motorräder und LKWs hinein. Der neue Tesla gilt jetzt schon als fahrbares iPad. Für spannende Innovationen im Bereich Internet der Dinge dürften darüber hinaus verschiedene Selbstbauartikel sorgen. Mit kleinen IT-Bauteilen können wir bald alle möglichen Geräte smart machen.

          Was genau könnte ich denn im Selbstbau „smart“ machen?
          Schildhauer: Sie haben ein Gerät in der Größe eines Legosteins, das kleben Sie beispielsweise an eine Flasche und programmieren es. Vielleicht gehören Sie – wie ich  – zu jenen Menschen, die immer Flaschen halb leer irgendwo stehenlassen. Dann können Sie im Handy künftig sehen: Wo stehen eigentlich die angebrochenen Weinflaschen vom letzten Wochenende?
          Joost: Ebenso gut könnte ich so einen Sensor in mein Trainings-Shirt einnähen und dazu eine App entwickeln. Die sagt mir dann, ob ich richtige trainiere oder vielleicht den Rücken zu stark belaste.
          Wearables, also intelligente Kleidung, werden sicherlich auch zu den Neuheiten gehören, die in den nächsten Jahren auf den Markt kommen. An ihrer Entwicklung arbeiten wir hier in der E-Textile-Werkstatt der Berliner Universität der Künste. Wie man an verschiedenen Prototypen sehen kann, verändert sich durch die Verbindung von IT und Textilien auch die Form, wie wir mit Technik interagieren. Bei dieser Jacke, die wir für Schlaganfallpatienten entwickelt haben, reicht es, am Bündchen zu ziehen, um im Notfall den Arzt zu rufen.

          Gibt es solche neuen Bedienungsmöglichkeiten bald auch für andere Geräte? Gehören also Tastatur und Maus in zehn Jahren vielleicht der Vergangenheit an?
          Schildhauer: Ich denke, wir werden auch künftig in ähnlicher Form mit Computern interagieren wie heute – über Screens und zunehmend auch über Sprache. Es könnten aber auch neue Arten dazukommen. Inzwischen gibt es viele Experimente zur Steuerung über Gesten und Augenbewegungen. Und wer weiß – vielleicht reichen irgendwann sogar Gedanken, um Befehle zu geben. Erste Hirnmasken, mit denen man Spielesysteme steuern kann, existieren bereits.
          Joost: Ich würde sogar sagen, dass nicht nur Tastatur und Maus, sondern der klassische Computer immer mehr verschwindet. Er hat bald keinen Ort mehr, sondern wird in die Umgebung integriert. Informatiker sprechen vom „Ubiquitous Computing“. Das heißt, der Computer steckt überall – in der Kleidung, am Handgelenk, im Smartphone, im Auto – und die verschiedenen Geräte kommunizieren miteinander.

          Unser Verhältnis zu Maschinen hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Es wird immer symbiotischer. Welchen Einfluss hat das Design auf diese Entwicklung?
          Joost: Früher waren allein Ingenieure für die Technik zuständig, und die Nutzer mussten damit klarkommen. Design hat das nötige Verbindungselement geschaffen. Es versucht, Brücken zu schlagen und Technologien besser nutzbar zu machen. Dafür werden nicht nur Gegenstände, sondern auch Prozesse gestaltet: Das Interaction Design ist ganz wichtig, weil es die Verbindung zwischen Mensch und Technik definiert. Durch Service Design haben sich neue Formen von Dienstleistungen entwickelt. Aber auch Gender und Design ist ein spannendes Thema: Wie können in Gestaltungsprozessen Geschlechterverhältnisse berücksichtigt werden?

          Die neuen Formen und Formate haben Computer nicht nur zu unseren Helfern, sondern auch zu  Vertrauten gemacht. Durch die massenhafte Auswertung von Daten kennen Programme inzwischen unsere Wünsche und Sorgen zum Teil besser als wir selbst. Werden sie dadurch auch zu einer Bedrohung für uns?
          Schildhauer: Es gibt definitiv Gefahren, wenn meine Daten auf eine Art ausgewertet werden, die ich so nicht möchte. Deshalb müssen wir sehr intensiv daran arbeiten, unsere gesellschaftlichen Schutzsysteme – etwa unsere Gesetze und ethische Verabredungen – mitzuentwickeln. Die große Her­ausforderung ist, sie in gleicher Geschwindigkeit wie die Entwicklungen zu diskutieren und zu aktualisieren. Wichtig ist, dass wir aktiv mit diesem Problem umgehen. Deshalb forschen wir am Institute of Electronic Business beispielsweise gerade an einer App, dem Digital Identity Monitor. Die App informiert die Nutzer darüber, welche Daten ihr Smartphone versendet und wo diese hingehen. Das hilft uns, die Hoheit zu behalten.
          Joost: Politisch sollten wir zunächst differenzieren: Was sind die personenbezogenen Daten? Die sind sensibel. Wenn man überwacht, welche Strecke ich heute Morgen gegangen bin, ist das etwas anderes, als wenn man anonymisiert abbildet, dass zweitausend Leute im Stau stehen.

          Wir müssen also diskutieren: Wo sind ethische Grenzen? Wie kann ich mich wehren, wenn meine Privatsphäre betroffen ist? Wir müssen das Recht haben, transparent zu erfahren, wie die eigenen Daten genutzt werden, und das Recht auf Widerspruch haben. Gleichzeitig sollten wir herausfinden, welche Datenschnittstellen unbedenklich sind und der Allgemeinheit nützen. Die Energiewende lässt sich beispielsweise ohne ein intelligentes Stromnetz nicht realisieren. Und auch das Ressourcenmanagement kann durch Big Data in vernetzten Städten stark optimiert werden.

          Das Interview führte Xenia von Polier.

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