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Ohne Geschäftsmodelle fliegt Digital Health nicht

Laut Statistischem Bundesamt nutzen 59 Prozent der Deutschen privates Online-Banking. Doch die deutsche Gesundheitsversorgung gestaltet sich immer noch größtenteils analog. Noch können bestehende Kräfte den Status quo halten – bis digitale Geschäftsmodelle überzeugen.

Von Volker Amelung und Patricia Ex

© Hairem/Adobe Stock

Wo bleibt das Booking.com der Gesundheitsversorgung? Fernsehprogramme und Kinos haben Konkurrenz von Mediatheken, Youtube und Netflix erhalten. Während die Digitalisierung die IT-Nerd-Ecke längst verlassen hat, sticht heraus, dass die medizinische und pflegerische Versorgung in Deutschland großenteils ohne digitale Unterstützung erfolgt. Zwar existieren unzählige Smartphone-Anwendungen zu Ernährung, Bewegung und zur Gesundheitsunterstützung, jedoch laufen sie meist isoliert von der Gesundheitsversorgung. Es hat sich bisher nichts durchgesetzt, das vergleichbar mit Ebay oder Amazon das System verändert.

Digital-Health-Anwendungen mit einem Nutzen für Menschen sind vielfältig: angefangen beim Zugang zu eigenen Gesundheitsdaten wie beispielsweise Impfausweis, Medikationsplan, vergangenen Diagnosen und Therapien oder Terminvereinbarungen beim Arzt. Auch für komplexere Fragen existieren digitale Helfer wie Ganganalysen zur Sturzprävention per Video, die Analyse von Wechselwirkungen verordneter Medikamente und automatische telemedizinische Überwachungen von Vitalparametern beispielsweise bei Herzschwäche. Die Funktionen von Digital Health reichen von intelligenten Dokumentationen und Datenzugang über automatisierte Analysen und Kontrollen bis hin zu indirekten oder direkten Interventionen im Behandlungsverlauf.

Große Potentiale sind bisher ungenutzt

Trotzdem bleiben Digital-Health-Ansätze in Deutschland bisher meist Insellösungen und Pilotprojekte. Während wir uns seit elf Jahren an den Grundlagen der elektronischen Patientenakte und der Interoperabilität abarbeiten, bleiben die eigentlichen Game Changer aus. In einem internationalen Vergleich der Bertelsmann Stiftung zu dem Thema belegt Deutschland den vorletzten Platz – Rang 16 von 17. Ist einer der zentralen Gründe für diesen Stilstand, dass kaum Geschäftsmodelle für die Beteiligten entstehen können?


Schaffung von Mehrwert steht im Vordergrund

Aus digitalen Ansätzen wird ein Geschäftsmodell, wenn zentrale Akteure einen Mehrwert erhalten, den sie ansonsten nicht haben. Innovationen haben in der Regel leider nicht für alle Beteiligten einen Vorteil. Es reicht, wenn wesentliche Beteiligte die Möglichkeit haben, den neuen Ansatz für ein Marktsegment durchzusetzen. Beispiel Tele-Dermatologie: Ein Pilotprojekt in ländlichen Regionen mit knappen Facharztressourcen vernetzt Hausarztpraxen mit Dermatologen per Telemedizin. Bei Auffälligkeiten der Haut laden Hausärzte ein Foto der Hautpartie in ein Portal und erhalten eine direkte und fachlich fundierte Einschätzung von Fachärzten der 300 Kilometer entfernten Uniklinik. Patienten haben den Vorteil, eine wohnortnahe medizinische Versorgung auf höchstem Niveau zu erhalten. Fachärzte in der Uniklinik können aus Wartezeiten abrechenbare Zeit machen und zusätzliche Erlösquellen generieren. Auch die Beteiligung von Hausärzten der Region ist essentiell, während der direkte Nutzen – abgesehen von einem erweiterten Behandlungsspektrum und altruistischen Gründen – weniger naheliegend ist. Vielleicht zeigt sich für die Hausarzt­praxis ein anderes Bild, wenn beispielsweise nichtärztliches Praxispersonal die tele­medizinische Vernetzung übernehmen kann.

Die Digitalisierung der Gesundheitsversorgung birgt die Möglichkeit, Wertschöpfungsketten zu erweitern und sie zu verknüpfen. Beispielsweise entstehen Digital-Health-Anwendungen „around the pill“, also um die klassische Arzneimittelversorgung herum. Was früher ein reines Produkt war – die Verordnung eines Arzneimittels –, wird nun zur eigenen Wertschöpfungskette. So werden Diabetesmedikamente mit digitalen Messgeräten zur kontinuierlichen Glukosemessung ergänzt; erste digitale Medikamente sind zugelassen, bei denen der Zeitpunkt der Einnahme nachvollzogen werden kann; und wärmesensible Arzneimittel können mit einem Thermometer zur Überprüfung der Kühlkette ausgestattet werden.


Noch dominiert das Beharrungsvermögen

Frühere Serviceleistungen werden plötzlich elementarer Bestandteil für eine wirksame Therapie. Innovationen, die zur Heilung hilfreich sind, stellen plötzlich die Logik des Systems auf den Kopf. Ein weiteres Kriterium für Geschäftsmodelle ist daher, aus bestehenden Systematiken auszubrechen. Aktuell ist zu beobachten, wie viel Beharrungsvermögen das deutsche Gesundheitssystem aufgrund von Finanzierungstöpfen, Regulierungen oder Gewohnheiten besitzt. Es ist die Aufgabe der Gesundheitspolitik sowie der Selbstverwaltung, hier neue Wege zu entwickeln, die solche Innovationen zum Patienten bringen.


Veränderungen werden unumgänglich sein

Schließlich ist entscheidend, dass Digital Health bestehende Leistungen ersetzen kann. Die Videosprechstunde macht es deutlich: Sie ist in Deutschland erlaubt und wird seit einiger Zeit erstattet. Selbst wenn sie einen enormen Zugewinn für manche Patienten hätte – Stichwort Folgerezept, Nachsorge, ärztliche Versorgung im Pflegeheim –, ist die Videosprechstunde faktisch nicht in der Versorgungsrealität angekommen. Es entsteht kein Geschäftsmodell, wenn eine großstädtische Hausarztpraxis, die kaum ihren Patientenzustrom bewältigen kann, jetzt auch Videosprechstunden anbieten darf. Für die laufende Praxis beinhaltet eine solche Umstellung einen maßgeblichen personellen, finanziellen und zeitlichen Aufwand. Es reicht nicht aus, dass ein Arzt die Patienten nun vielleicht in Jeans antreffen könnte, anstelle in die Praxis zu gehen. In der Schweiz ist die Videosprechstunde – wie auch in vielen weiteren Ländern – zum Geschäftsmodell geworden. Ein Schweizer Telemedizinanbieter wirbt in der deutschsprachigen „Mallorca Zeitung“ um dort wohnende deutschsprachige Ärztinnen und Ärzte. Diese erhalten plötzlich eine interessante neue Einkommensquelle.

Dabei ist nicht zu leugnen, dass Digitalisierung kein Nullsummenspiel ist. Mit dem Erfolg von Booking.com und Expedia ist die Anzahl der Reisebüros in Deutschland schlagartig zurückgegangen; Amazon verdrängte viele Buchhändler vom Markt. Digital setzt sich durch, wenn Marktanteile verschoben oder Märkte ausgebaut werden können. Und dieser Prozess geht oft einher mit einem Rückgang, wenn auch keinem vollständigen Ersetzen, von Beteiligten. Wenn jedoch durch Digital Health Schwierigkeiten in der Qualität, der Vernetzung und der Sicherheit der medizinischen und pflegerischen Versorgung behoben werden können, ist die Umstellung trotz allem sinnvoll.

Was braucht es also, dass Digital Health fliegt? Wir diskutieren seit vielen Jahren über technologische Entwicklungen, rechtliche Rahmenbedingungen und Finanzierung. All das sind zentrale Fragestellungen, die geklärt werden müssen. Darüber hinaus muss es aber für Beteiligte – für Start-ups und andere Unternehmen, für Gesundheitsprofessionen, Versicherungen und Patienten – einen relevanten Mehrwert haben. Digital-Health-Anwendungen sind entwickelt, in Studien belegt, ihre Sicherheit geprüft, auch werden Wege für ihre Erstattung definiert. Aber damit sie in der Breite der Gesundheitsversorgung ankommen, bedarf es tragfähiger Geschäftsmodelle.

Professor Dr. Volker Amelung ist Vorstandsvorsitzender, Dr. Patricia Ex ist Geschäftsführerin des Bundesverbandes Managed Care (BMC) in Berlin.

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