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Verlagsspezial

: Krebstherapie als Vorreiter in der personalisierten Medizin

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Mittels datengetriebener Diagnostik gelingen immer präzisere Behandlungen. Bild: Sebastian Kaulitzki

Patienten individualisierter zu behandeln bietet große Chancen, erfordert von Ärzten aber eine stetige Auseinandersetzung mit den rasanten Fortschritten. Digitale Prozesse sind dabei Voraussetzung, um mehr Patienten die innovativen Therapien zugänglich zu machen.

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          Kaum ein Bereich der Medizin entwickelt sich so schnell wie die Onkologie. Gab es früher bei einer Krebserkrankung nur geringen Spielraum bei der Behandlung, stehen heute höchst individualisierte Therapien auf dem Plan. Da die zellulären Grundlagen bösartiger Erkrankungen aber mittlerweile besser bekannt sind, kommen seit etwa 20 Jahren Medikamente zum Einsatz, die Tumorzellen gezielt angreifen und so die Krebserkrankung zurückdrängen können.

          Zunächst wurden zielgerichtete Therapeutika überwiegend erkrankungsspezifisch eingesetzt. Das hat sich in den vergangenen Jahren geändert: Mit der immer besseren Charakterisierung von Tumorerkrankungen identifizierten Forscher therapeutische Zielstrukturen – also solche, die in der Krebszelle verändert vorliegen und auf die ein Medikament direkt abzielt –, die über Erkrankungsgrenzen hinweg auftreten. Neue, zielgerichtete Medikamente tragen dieser Entwicklung Rechnung und erreichten in einer Vielzahl von Krankheiten teils beeindruckende Erfolge.

          Zwischen Hype und Hoffnung

          In Deutschland erfolgte 2019 die Zulassung des ersten Medikaments, welches einzig basierend auf einem Biomarker und vollständig unabhängig von der zugrundeliegenden Tumorerkrankung eingesetzt wird. Eine Weiterentwicklung der biomarkergetriebenen Therapie ist die Präzisionsonkologie. Diese verfolgt das Ziel, diejenige Gruppe der Patienten zu vergrößern, die über Erkrankungsgrenzen hinweg von zielgerichteten Medikamenten profitiert. Integraler Bestandteil ist es, mittels fortschrittlicher molekularer Diagnostik das Tumormaterial zu charakterisieren. Damit sollen therapeutische Zielstrukturen im Erbmaterial der Krebszellen identifiziert werden. Nach Erstellung eines Tumorprofils erfolgt dann im Idealfall eine entsprechende Therapie. Die Präzisionsonkologie kann allerdings heute die teils unrealistisch hohen Erwartungen noch nicht vollumfänglich erfüllen, denn es ist kaum möglich, diesen höchst individuellen Ansatz in klassischen Studien­konzepten zu evaluieren. Um Vertrauen in medizinische Neuerungen zu schaffen, ist wissenschaftliche Evidenz jedoch zwingend notwendig.

          In der klinischen Versorgung setzen Mediziner bereits heute eine erweiterte molekulare Diagnostik ein. Dementsprechend werden Patienten außerhalb von klinischen Studien und basierend auf ihrem Tumorprofil behandelt. Es ist daher unbedingt notwendig, auch diese Daten zu erfassen und auszuwerten. So kann sich die Medizin zukünftig zu einem selbstlernenden System entwickeln, welches medizinische Entscheidungsprozesse unterstützt. Diese Aufgabe stellt Ärzte und Wissenschaftler vor große Herausforderungen, weil die Erfassung sogenannter „Real World Data“ (RWD) eng mit rechtlichen, logistischen und ethischen Fragestellungen verknüpft ist.

          Ein zusätzliches Hindernis ist die Tatsache, dass die erweiterte molekulare Diagnostik häufig erst spät im Krankheitsverlauf zum Einsatz kommt und es dann unter Umständen für eine Behandlung schon zu spät ist. Der bewusste Einsatz erweiterter molekularer Diagnostik in strukturierten Programmen, die alle Komponenten der Präzisionsonkologie auf höchstem Niveau abbilden, steigert die Chancen erheblich, dass Patienten optimal beraten, zum richtigen Zeitpunkt diagnostiziert und entsprechend therapiert werden.


          Immuntherapie als Erfolgsgeschichte

          Die chemotherapiefreie Behandlung von Tumorerkrankungen mittels sogenannter Immuntherapie stellt einen der größten Fortschritte in der modernen Onkologie dar.  Mit Hilfe dieser Medikamente ermöglicht man es dem Körper, die bösartigen Zellen des Tumors wieder als fremd zu erkennen und im optimalen Falle wirksam zu bekämpfen. Bereits heute können manche patientenindividuelle Faktoren einen erfolgreichen Einsatz oder das Versagen einer Immuntherapie voraussagen. Die konsequente Erfassung und Erforschung dieser Faktoren, ihre Kombination mit klinisch validierten Biomarkern und die zeitnahe Implementierung in die klinische Realität sind unbedingt notwendig, um möglichst erfolgreich zu behandeln.

          Ein weiterer Fortschritt in der Immunonkologie stellt die zelluläre Immuntherapie dar. Dieses Konzept nutzt patienteneigene Immunzellen, die außerhalb des Körpers genetisch verändert werden, so dass sie Tumorzellen besser erkennen und effektiver angreifen können. Diese neuartigen Therapieansätze sind aktuell mit hohem logistischem Aufwand verbunden. Des Weiteren kann es hierbei zu erheblichen Nebenwirkungen kommen, deren Management eines hohen Maßes an interdisziplinärer Expertise bedarf. Dementsprechend ist der Einsatz dieser sogenannten CAR-T-Zellen in Deutschland aktuell noch spezialisierten Zentren vorbehalten.

          Digitalisierung beschleunigt

          Diese Entwicklungen helfen, die Krebstherapie weiter zu personalisieren. Die Onkologie muss sich von der Vorstellung verabschieden, dass es eine generische Behandlung für eine Erkrankung geben wird. Patientenindividuelle Faktoren werden deutlich an Bedeutung gewinnen – so beginnt die Onkologie beispielsweise mehr und mehr, geschlechterspezifische Unterschiede in der Wirksamkeit und dem Nebenwirkungsspektrum von Tumortherapien zu erfassen. Die personalisierte Onkologie wird ihr Potential nur dann für die Patienten realisieren können, wenn eine Reihe von Herausforderungen unter Berücksichtigung der Grundsätze von Datenschutz und Ethik gelöst werden:

          1. Es muss eine flächendeckende molekulare Diagnostik erfolgen, auch bezüglich seltener Veränderungen.
          2. Patienten mit Tumoren, die bestimmte molekulare Veränderungen aufweisen, müssen laufenden Studien/Therapieangeboten zugeordnet werden.
          3. Es muss eine detaillierte Erfassung der Behandlungsergebnisse erfolgen.
          4. Nebenwirkungen müssen dokumentiert werden, mit laufendem Feedback an das Behandlungsteam, und
          5. Lebensqualität und Spätfolgen müssen erfasst werden.

          Das Problem: Viele Zielstrukturen kommen nur sehr selten vor, und es wird weiterhin ein Mangel an systematischen klinischen Studien bestehen. Umso wichtiger ist es, vorhandene Daten zu Verfügbarkeit, Wirkung und Nebenwirkungen neuer Substanzgruppen intelligent zu bündeln und zu analysieren. Kaum ein anderer Bereich der Medizin würde von einem optimierten Informations- und Datenmanagement profitieren wie die personalisierte Onkologie. Eine zunehmende Digitalisierung ist somit nicht nur eine große Chance, sondern Voraussetzung, um alle genannten Prozesse zu vereinfachen und zu beschleunigen – mit dem Ziel, noch mehr Patienten diese innovative Medizin zeitgerecht und sicher zur Verfügung zu stellen.

          Professor Dr. Dr. Michael von Bergwelt ist Lehrstuhlinhaber und Direktor der Klinik für Onkologie und Hämatologie am Klinikum der LMU München sowie Stellvertretender Standortsprecher des Deutschen Konsortiums für Translationale Krebsforschung (DKTK).

          Dr. med. Christoph Benedikt Westphalen ist Arzt und Wissenschaftler am Comprehen­sive Cancer Center München sowie der Klinik für Onkologie und Hämatologie am Klinikum der LMU München.

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