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Verlagsspezial

: E-Mental-Health: Chancen für die psychische Gesundheit

  • -Aktualisiert am

Psychische Erkrankungen sind häufig, und die Betroffenen leiden unter Engpässen in der Behandlung. Elektronische Lösungen könnten helfen. Bild: Max Mustermann

Nicht immer erhalten Menschen mit psychischen Erkrankungen die medizinische Behandlung, die sie benötigen. Digitale Angebote könnten diese Versorgungslücke zumindest zum Teil schließen. Besonders in Regionen, in denen Ärzte und Psychologen rar sind, können Patienten profitieren.

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          Laut einer repräsentativen Studie des Robert Koch-Instituts leiden in Deutschland 27 Prozent der Bevölkerung an mindestens einer psychischen Erkrankung pro Jahr. Doch nur jeder vierte Betroffene erhält ein Angebot aus dem Versorgungssystem. Da das Internet Teil unseres Alltags geworden ist, gilt es, die Potentiale der Digitalisierung für die Behandlung psychischer Erkrankungen zu nutzen. Andere Länder machen es vor: Zum Beispiel haben in Australien, Großbritannien, den Niederlanden und Schweden internetbasierte Interventionen in den vergangenen Jahren rasant Eingang gefunden. Dort werden im Rahmen von E-Mental-Health digitale Technologien eingesetzt, um unter anderem die psychische Gesundheit zu fördern und psychische Störungen zu behandeln.


          Internetbasierte Interventionen

          Online-Interventionen machen es möglich, die Kommunikation des Patienten mit seinem Arzt oder Psychologen auf den virtuellen Raum zu übertragen. Dies kann per Videosprechstunde, zeitversetzt per E-Mail oder zeitgleich per Chat geschehen. Die am weitesten verbreitete Form internetbasierter Interventionen sind Selbstmanagementprogramme. Diese werden vom Nutzer vorwiegend selbständig bearbeitet. Viele dieser Interventionen bieten jedoch die Möglichkeit einer professionellen Begleitung durch Ärzte und Psychologen. Deren Ausmaß kann dabei erheblich variieren. So dient die Begleitung in manchen Interventionen dazu, den Anwender zu einer möglichst intensiven Nutzung des Programms zu motivieren. In anderen wiederum geht es um eine gezielte Bearbeitung therapeutischer Inhalte. Auch Kombinationsbehandlungen sind möglich: Hier findet ein Teil der Therapie in direktem persönlichem Kontakt und ein ergänzender mit dem Internetprogramm statt.

          Die meisten Online-Interventionen basieren auf Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie. In standardisierten Modulen werden ausführliche Informationen über die Erkrankung gegeben, Umstrukturierung von krankheitserhaltenden Gedanken angestrebt und Problemlösefähigkeiten, Achtsamkeitstraining und Entspannungsmethoden sowie der Aufbau sinnvoller Aktivitäten vermittelt. Die Programme erstrecken sich über mehrere Wochen, in denen der Patient jeweils ein Modul bearbeiten muss. Die Rückmeldung seitens des Therapeuten erfolgt in der Regel wöchentlich per Chat, E-Mail oder auch in der Therapiestunde. Diese persönliche Behandlung kann von Fachärzten für Psychiatrie, ärztlichen und psychologischen Psychotherapeuten oder auch von Hausärzten durchgeführt werden.

          Wirksamkeit ist durch Studien belegt

          Inzwischen existiert eine Vielzahl klinischer Studien zu internetbasierten Psychotherapiekonzepten, die deren großes Potential für die Prävention und die Behandlung psychischer Störungen aufzeigen. Gut erforscht sind Programme für die Therapie von Angst sowie die von leichter und mittelschwerer Depression. Auch Angebote zur Behandlung von Essstörungen, Alkoholmissbrauch, der Borderline-Persönlichkeitsstörung und Schizophrenie sind bereits am Markt. Alle Studien zeigen, dass die Wirksamkeit der internetbasierten Interventionen vergleichbar ist mit denjenigen, die im persönlichen Kontakt zum Arzt und Psychologen durchgeführt werden. Weiterer Forschungsbedarf besteht im Hinblick auf Nebenwirkungen und Kontraindikationen. Vor allem aber der Aspekt der Integrierbarkeit von Online-Angeboten in konventionelle Therapien ist interessant.

          Bei der Vielzahl internetbasierter Angebote für psychische Erkrankungen ist eine standardisierte Qualitätssicherung, wie sie bei Medikamenten oder Psychotherapieverfahren üblich ist, für die Patientensicherheit unabdingbar. Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde hat daher zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für Psychologie einen Katalog von Qualitätskriterien entwickelt, den internetbasierte Interventionen erfüllen sollten. Dabei spielen Hilfestellungen bei Krisen und Suizidalität sowie der Umgang mit dem Datenschutz eine wichtige Rolle.

          Das Digitale-Versorgungs-Gesetz, das zurzeit durch den Bundestag verabschiedet wird, schärft die Grundlage zur Qualitätssicherung der digitalen Technologien. Es öffnet den Weg zur Verschreibung durch Ärzte und Psychologen, so dass die Kosten von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden.

          Neue Möglichkeiten für Patienten

          Bei aller Euphorie über die Möglichkeiten internetbasierter Interventionen sollten Risiken und Chancen offen diskutiert werden. Kritische Stimmen wenden ein, dass die vertrauensvolle Beziehung zwischen Patienten und Ärzten und Therapeuten verlorengehen könnte. Von den wissenschaftlichen Fachgesellschaften wird zumindest ein persönlicher Kontakt zur Diagnostik gefordert, bevor internetbasierte Interventionen zum Einsatz kommen – ebenso wie ein fester Ansprechpartner bei Krisen.

          Große Chancen bieten die digitalen Technologien Menschen in versorgungsschwachen Regionen, in denen kaum Ärzte oder Psychologen zu finden sind. Patienten mit körperlichen Einschränkungen könnten durch internetbasierte Angebote besser erreicht werden. Menschen, die traditionelle Behandlungsangebote ablehnen, zum Beispiel aus Furcht vor Stigmatisierung, könnten ebenfalls profitieren. Die langen Wartezeiten auf einen ambulanten Therapieplatz ließen sich mit Internetangeboten überbrücken. Im Sinne der Selbstbestimmung erhalten die Patienten neue Möglichkeiten, sich selbst aktiv und unabhängig in einen therapeutischen Prozess zu begeben, der Selbstwertgefühl und Selbstwirksamkeit stärkt.

          Dr. med. Iris Hauth ist Ärztliche Direktorin und Regionalgeschäftsführerin am Zentrum für Neurologie, Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Alexianer St. Joseph-Krankenhaus in Berlin-Weißensee.

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