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Verlagsspezial

: „Die digitale Transformation muss jetzt gestaltet werden“

Veränderungen gehören zum Leben, sie lassen sich nicht aufhalten. Bild: Chan2545/Adobe Stock

Das deutsche Gesundheitssystem wird dann zukunftsfähig sein, wenn es die Potentiale der Digitalisierung zum Wohle der Patienten erschließt. Deshalb forciert das Bundesministerium für Gesundheit die digitale Transformation – unter Wahrung des Datenschutzes und ethischer Prinzipien. Dabei gibt es schon jetzt gemeinsame Bemühungen auf europäischer Ebene.

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          Stellen Sie sich vor, Sie gehen in zehn Jahren zum Arzt. Blättert er durch einen Stapel Karteikarten und sucht darin Ihr letztes Blutbild? Oder greift er digital auf Ihre Patientenakte zu – und hat alle Befunde, alle Untersuchungen auf einen Blick parat? Stellt er ein Rezept auf Papier aus? Oder ein elektronisches Rezept? Ich bin überzeugt: Wenn jeder selbst erleben kann, wie digitale Lösungen den Alltag konkret verbessern, wird das Vertrauen in eine digitale Versorgung wachsen. Darum müssen wir die Chancen der Digitalisierung jetzt nutzen und dafür sorgen, dass Innovationen schnell vom Messestand in den Versorgungsalltag kommen.

          Vorteile werden die Beteiligten in der Praxis überzeugen

          Wir werden damit gute Erfahrungen machen, weil die Versorgung verbessert wird. Wenn Rettungskräfte im Notfall Zugang zu den wichtigsten Daten wie der Blutgruppe oder Allergien haben. Wenn ein digitaler Medikationsplan verhindert, dass jemand versehentlich zwei Medikamente einnimmt, die sich nicht vertragen. Oder wenn dank der elektronischen Patientenakte, in der alle Befunde gespeichert sind, sinnlose und teure Doppeluntersuchungen vermieden werden. Digitalisierung spart so nicht nur Kosten, sie rettet Leben. Künstliche Intelligenz wird die Möglichkeiten, Patienten zu behandeln, deutlich erweitern – so wie einst das Stethoskop, der Röntgenapparat oder die Nuklearmedizin. Das medizinische Wissen wächst immer schneller. Künstliche Intelligenz kann es Ärzten einfach zugänglich machen. Sie kann binnen Sekunden zigtausend Röntgenbilder miteinander vergleichen und Mediziner so dabei unterstützen, schneller die korrekte Diagnose zu stellen. Sie kann helfen, die richtige Therapie auszuwählen und die Behandlung exakt auf den Patienten zuzuschneiden.

          Damit die Patienten bald von dieser Entwicklung profitieren, müssen wir jetzt handeln. Denn die Frage ist ja nicht, ob digitale Lösungen die Medizin und das Gesundheitswesen verändern werden, sondern woher diese Lösungen kommen – und nach welchen ethischen Grundsätzen sie konzipiert und angewendet werden. Ich möchte, dass es Lösungen sind, die unseren ethischen Vorstellungen und unseren Datenschutz- und Datensicherheitsstandards entsprechen. Damit wir selbst Standards setzen können, müssen wir Vorreiter werden bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens. Das Bundesministerium für Gesundheit hat deshalb gerade die Mehrheit an der Gesellschaft erworben, die sich in Deutschland um den Aufbau eines sicheren Datennetzes für das Gesundheitswesen kümmert. Ziel ist es, in den nächsten Jahren alle, die an der Behandlung von Patienten beteiligt sind, an dieses Netz anzuschließen. Ärzte sind schon dazu verpflichtet, als Nächstes folgen die Krankenhäuser  und Apotheken. Außerdem wollen wir Pflegeheimen, Physiotherapeuten oder Hebammen die Möglichkeit geben, Teil dieser Telematikinfrastruktur zu werden. Die Krankenkassen haben wir verpflichtet, ihren Versicherten spätestens ab 2021 eine elektronische Patientenakte anzubieten und dafür zu sorgen, dass man darauf auch mit dem Smartphone zugreifen kann. Alle relevanten Gesundheitsdaten auf einen Blick, ein Leben lang – so sieht moderne Versorgung aus.


          Potentiale der Gesundheitsdaten zum Wohle aller nutzen

          Wie digitale Technologie die Versorgung verbessert, zeigt sich schon jetzt im Bereich der Telemedizin. Dank Videosprechstunden und Online-Fallbesprechungen wird Spitzenmedizin aus der Uniklinik auf dem Land verfügbar. Mit Telekonsilien können sich Ärzte ganz einfach untereinander austauschen und über komplexe Fälle beraten. Und mit Videosprechstunden können sie noch besser auf die Bedürfnisse ihrer Patienten eingehen. Nicht jeder kann zu den normalen Öffnungszeiten in die Praxis kommen. Videosprechstunden sparen Wege und damit kostbare Zeit – und sie ermöglichen auch frühmorgens, am Abend oder Wochenende, in der Stadt und auf dem Land einen direkten, schnellen Draht zwischen Arzt und Patient.

          Abseits der Arztpraxen sind digitale Helfer ohnehin längst im Alltag der Patienten angekommen. Viele nutzen Smartphone-Apps, die ihnen helfen, ihren Blutdruck oder Zucker besser zu kontrollieren. Digitale Versorgung darf aber keine Frage des Geldbeutels sein. Künftig sollen sich Patientinnen und Patienten nützliche und sichere Anwendungen darum von ihrem Arzt verschreiben lassen können. So wie Medikamente, Hilfsmittel oder eine Physiotherapie. Nicht nach dem Motto: App statt Arzt. Sondern Arzt und App oder Physiotherapeut und App.

          Das größte Potential aber liegt aus meiner Sicht in der klugen Nutzung von Daten. Ohne das aktuelle Blutbild, das letzte MRT oder den jüngsten Befund des Hausarztes bleibt die elektronische Patientenakte eine leere Hülle. Nur wenn die Notfalldaten eines Patienten auf der elektronischen Gesundheitskarte gespeichert sind, können Rettungskräfte darauf zugreifen. Und nur wenn wir die riesigen Mengen Versorgungsdaten, die schon jetzt jeden Tag im deutschen Gesundheitswesen anfallen, verfügbar machen, können wir das ungeheure Potential Künstlicher Intelligenz ausschöpfen. Diese Daten im Sinne der Patienten zu nutzen ist aus meiner Sicht auch eine ethische Frage. Vorsorge, Behandlung oder die Entwicklung neuer Diagnose-Verfahren – all das kann die ­Analyse großer Datenmengen vorantreiben. Und helfen, Volkskrankheiten wie Krebs oder Demenz besser zu beherrschen.

          Im deutschen Gesundheitssystem wollen wir eine staatliche Sammlung von Daten anlegen. Darin können die Bürger ihre anonymisierten Daten freiwillig speichern lassen. Die Forschung erhält unter kontrollierten Bedingungen Zugang, um mit den Datensätzen und technischen Mitteln zum Beispiel Krankheitsverläufe exakt zu analysieren. So können Wissenschaftler viel eher auf neue Heilmethoden stoßen, als wenn Krankheiten nur vereinzelt untersucht werden.

          Patientennutzen und Wettbewerbsfähigkeit sichern

          Wenn wir international mithalten wollen, müssen wir aber auch über den Tellerrand schauen und einen grenzübergreifenden Austausch von Gesundheitsdaten innerhalb Europas ermöglichen. Tun wir das nicht, werden uns andere Kontinente bei der Erforschung von Krebs, bei personalisierter Medizin oder der Bekämpfung seltener Erkrankungen abhängen. China und die Vereinigten Staaten preschen voran, wenn es um die Nutzung von großen Datenmengen geht – jeweils auf ihre Weise. Während in China der Staat sämtliche Daten erhebt, speichert und entscheidet, was damit geschieht, hält sich der Staat in den Vereinigten Staaten weitgehend heraus. Dort überlässt es die Politik großen Konzernen, mit den Daten der Bürger viel Geld zu verdienen.


          Einhaltung der europäischen Grundwerte sicherstellen

          Beide Wege sind nicht mit unseren Überzeugungen vereinbar. Eine europäische Idee aber fehlt bislang. Was wir brauchen, ist ein gemeinsames Verständnis davon, wie wir Daten nutzen wollen. Wir müssen die europäische Idee – eine Gemeinschaft von freien und selbstbestimmten Bürgern – mitnehmen ins digitale Zeitalter. Marktwirtschaftlicher Wettbewerb ist ein wichtiger Treiber für Innovationen, auch und gerade im Bereich der Digitalisierung. Aber der Wettbewerb muss sich am Gemeinwohl orientieren. Mir schwebt das Modell einer Sozialen Marktwirtschaft für den europäischen Datenraum vor, in dem der Staat für die Sicherheit vor allem von personalisierten Daten garantiert. Nach klaren Regeln, die der demokratischen Kontrolle der Bürger unterliegen.

          Unser Gesundheitssystem zählt zu den besten der Welt. Damit das so bleibt und damit es noch patientenfreundlicher wird, müssen wir die digitale Transformation jetzt selbst in die Hand nehmen. Im Bundesgesundheitsministerium ist Digitalisierung darum kein Nebenaspekt mehr: Jedes unserer Gesetze enthält einen Passus zu diesem Thema. Ich kann das deutsche Gesundheitswesen aber nicht aus dem Ministerbüro heraus ins digitale Zeitalter führen. Darum rufe ich alle Ärzte, alle Pflegekräfte, Apotheker, Physiotherapeuten und Klinikleitungen auf: Gehen Sie diesen Weg mit mir. Denn der ­Patient von morgen wird immer noch einen Arzt brauchen, einen Apotheker und eine Pflegekraft. Aber er erwartet zu Recht, dass sie die Möglichkeiten, die neue Technologien uns bieten, in seinem Sinne nutzen. Und nicht immer noch in Karteikarten schreiben. Die Welt wartet nicht auf uns.

          Jens Spahn, Bundesminister für Gesundheit, Berlin

          Bundestag beschließt das Digitale-Versorgung-Gesetz

          Apps auf Rezept, Angebote zu Online-Sprechstunden und überall bei Behandlungen die Möglichkeit, auf das sichere Datennetz im Gesundheitswesen zuzugreifen – das ermöglicht das Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG), das der Bundestag am 7. November beschlossen hat. Das Gesetz soll im Januar 2020 in Kraft treten.  

          Gesundheits-Apps schneller nutzen. Viele Patienten nutzen Gesundheits-Apps, die sie zum Beispiel unterstützen, Arzneimittel regelmäßig einzunehmen oder Blutzuckerwerte zu dokumentieren. Künftig können sie sich solche Apps von ihrem Arzt verschreiben lassen. Die Kosten dafür zahlt die gesetzliche Krankenversicherung. Damit das möglichst unbürokratisch möglich ist, wird der Zugang für die Hersteller erleichtert: Nachdem die App vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) auf Datensicherheit, Datenschutz und Funktionalität geprüft wurde, wird sie ein Jahr lang vorläufig von der gesetzlichen Krankenversicherung erstattet. In dieser Zeit muss der Hersteller beim BfArM nachweisen, dass seine App die Versorgung der Patienten verbessert. Wie viel Geld der Hersteller erhält, verhandelt er dann selbst mit dem GKV-Spitzenverband.

          Digitales Netzwerk für den Gesundheitsbereich. Patienten sollen digitale Angebote wie die elektronische Patientenakte flächendeckend nutzen können. Darum werden Apotheken (bis Ende September 2020) und Krankenhäuser (bis 1. Januar 2021) verpflichtet, sich an die Telematik-Infrastruktur (TI) anschließen zu lassen. Hebammen und Physiotherapeuten sowie Pflege- und Rehabilitationseinrichtungen können sich freiwillig an die TI anschließen lassen. Die Kosten für die freiwillige Anbindung werden erstattet. Ärzte, die sich weiterhin nicht anschließen wollen, müssen einen erhöhten Honorarabzug in Kauf nehmen.

          Videosprechstunden etablieren. Bisher gibt es nur wenige Informationen über diese Angebote. Damit Patienten solche Ärzte leichter finden können, dürfen diese künftig auf ihrer Internetseite über solche Angebote informieren.
          Weniger Zettelwirtschaft. Papier soll im Gesundheitswesen zum Auslaufmodell werden: Neben der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung und dem E-Rezept kommt nun auch die elektronische Heil- und Hilfsmittelverordnung. Bislang bekommen Ärzte für ein versendetes Fax mehr Geld als für das Versenden eines elektronischen Arztbriefs. Künftig erhalten sie eine deutlich geringere Erstattung für die Übermittlung eines Telefax. Dadurch wird es zukünftig attraktiver, den Arztbrief elektronisch zu übermitteln. Wer einer gesetzlichen Kasse freiwillig beitreten möchte, kann das künftig auch elektronisch tun.

          Förderung für innovative Projekte. Patienten sollen möglichst schnell von innovativen Versorgungsansätzen profitieren. Deshalb wird der Innovationsfonds bis 2024 mit 200 Millionen Euro jährlich gefördert. Erfolgreiche Ansätze sollen außerdem schnell in die Versorgung kommen.

          Nächste Schritte der elektronischen Patientenakte. Weil Gesundheits­daten extrem sensible Daten sind, braucht es optimale rechtliche Voraussetzungen für den Datenschutz. Dafür sind im SGB V die teilweise über 15 Jahre alten Vorgaben zur Patientenakte anzupassen. Die weiteren Regelungen zur Patienten­akte münden in einem eigenen Datenschutzgesetz. An der Einführung zum 1. Januar 2021 ändert sich nichts.

          www.bundesgesundheitsministerium.de/digitale-versorgung-gesetz

           

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