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Verlagsspezial

: Datenkolonialismus begrenzen

  • -Aktualisiert am

Bild: Gina Sanders/Adobe Stock

Die kommerzielle Nutzung von Gesundheitsdaten steht noch am Anfang der Möglichkeiten. Doch die Risiken zeichnen sich bereits ab. Wenn die Reise nicht zurück, in die von Ungleichheit geprägte Kolonialzeit gehen soll, dann bedarf es eines Gegensteuerns auf politischer Ebene.

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          Die Medizin wird zunehmend digitaler werden. Das ist gut und begrüßenswert, weil für Menschen das Thema Gesundheit nicht mit einer Krankheit in der Arztpraxis beginnt, sondern in allen Lebensbereichen einen bedeutenden Stellenwert haben sollte. Die Digitalisierung in der Medizin ist auch deshalb vorteilhaft, weil sie in Kombination mit Künstlicher Intelligenz (KI) gewaltige neue Potentiale entstehen lässt: Beispielsweise kann aus jeder Hausarztpraxis ein spezialisiertes Zentrum entstehen. Zudem ermöglichen effektive digitale Technologien als Unterstützer im Hintergrund, die menschliche Interaktion zwischen Arzt und Patienten zu steigern. Diese Potentiale können theoretisch in allen Länden und Regionen – unabhängig von wirtschaftlichem Status und aktuellem Zugang zu medizinischem Wissen – genutzt werden. Wie das Internet, kann KI den Zugang zu Informationen demokratisieren und helfen, die aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen, wie gesundheitliche Ungleichheiten, zu bewältigen.

          Steigende Monetarisierung der Daten

          Technologie kann große positive Wirkung erzeugen. Doch genauso kann Technologie überaus negative Folgen haben, wenn zukünftiges medizinisches Wissen ein kommerzielles Gut wird und Moleküle oder Daten des menschlichen Körpers einen monetären Wert bekommen. Es hängt davon ab, ob die Weichen heute richtig gestellt werden. Wenn die zukünftige digitale Medizin auf einem datenbasierten Geschäftsmodell entsteht, in dem Daten als neue natürliche Ressource betrachtet werden, ist dies mit der Enteignung unseres Selbst gleichzusetzen. Deshalb dürfen Gesundheitsdaten nicht ein dem Öl vergleichbarer Rohstoff werden. Hinter Gesundheitsdaten in der Medizin stehen immer Menschen, sie dürfen nicht als natürliche Ressourcen behandelt und kommerzialisiert werden.

          Als vor zwei Jahrzehnten die ersten digitalen Geschäftsmodelle entstanden, hatte niemand die Kommerzialisierung von privaten medizinischen Daten im Blick. Eine derartige Nutzung ist nicht natürlich, geschweige denn rational. Sie widerspricht daher der Vorstellung, dass die Ergebnisse der Datenverarbeitung eine natürlich vorkommende Form von Sozialwissen sind, nicht eine kommerziell motivierte Form der Extraktion, die besondere wirtschaftliche und staatliche Interessen fördert.

          Ethik verkommt zur Dekoration

          Mit ethischen Richtlinien zur Nutzung der KI will die Europäische Kommission gesellschaftlichen Schaden vermeiden, fair agieren, erklärbar bleiben und die menschliche Autonomie respektieren. Keine andere Region der Welt hat annähernde Richtlinien dieser Art entwickelt. Es wurde ein sehr wichtiger, auf europäischen Werten basierender Leitfaden erstellt. Doch in Bezug auf medizinische Anwendungen sind die Richtlinien unzulänglich, weil medizinisches Wissen immer öffentlich zugänglich war und nun privatisiert werden soll. Es ist Europa gelungen, mit der EU-Datenschutz-Grundverordnung, unsere Privatsphäre besser zu schützen und eine Vorlage nach europäischer Werteordnung zu definieren. Aber es ist Europa noch nicht gelungen, eine Richtlinie für die digitale Medizin zu schaffen, die einer weiteren Privatisierung von medizinischem Wissen entgegenwirkt.

          Der Mainzer Philosoph Thomas Metzinger sieht den Einfluss der Industrie auf Ethikdebatten mit Sorge. Er hat als Mitglied der ‚High-Level Expert Group on Artificial Intelligence‘ (HLEG AI) an den ‚Ethics Guidelines for a Trustworthy AI‘ mitgearbeitet. Seine Kritik richtet sich gegen Industrieunternehmen, die auf nicht zu überschreitende rote Linien in der Anwendung von KI komplett verzichten wollen und die ethischen Debatten als öffentliche Dekoration nutzen. Er beobachtet ein zunehmendes Phänomen, das man als „Ethics washing“ bezeichnen kann. Diese Ethik-Waschmaschinen beobachtet man beim Gipfel ‚AI for Good‘, den seit 2017 die International Telecommunications Union organisiert, die Sonderorganisation der Vereinten Nationen für Informations- und Kommunikationstechnologie.

          Hier werden die Chancen zur Erreichung der Nachhaltigkeitsziele, der sogenannten Sustainable Development Goals (SDGs) durch den Einsatz von KI diskutiert. Vertreter der Organisation besprechen gemeinsam mit Internetriesen und anderen Industrievertretern, wie man KI positiv einsetzen kann, um die Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. Betrachtet man die aktuellen Projekte aus dem Gesundheitsbereich (SDG3) genauer, zeigt sich, dass sich durch die Förderung der Gesundheitsziele gleichzeitig andere Asymmetrien verstärken: Das Sammeln von gesundheitlich relevanten Daten in Regionen, in denen Patientendaten wenig geschützt sind, gleicht dem historischen Kolonialismus.

          Darin kann der Anfang für eine ungleiche neue soziale Ordnung sein, eine Gesellschaftsordnung, die mit der menschlichen Freiheit und Autonomie unvereinbar ist. Dieser Ansatz zwingt die schwächsten Menschen, unfreiwillig an einem nicht konsensfähigen menschlichen Experiment teilzunehmen. Langfristig könnte dies zu einer höchst ungleichen Machtbalance zwischen einzelnen Menschen oder Gruppen und Konzernen oder auch zwischen Bürgern und ihren Regierungen führen.


          Umgang mit Daten verändern

          Medizinisches Wissen, welches aus Daten gewonnen wird, soll auch zukünftig ein öffentliches Gut bleiben. Ansonsten könnte die heutige Generation die erste sein, die den für alle offenen Zugang zu Wissen wieder umkehrt. Medizinische KI als öffentliches Gut könnte Ungleichheiten hinsichtlich Gesundheit und Lebenserwartung reduzieren oder sogar eliminieren. In Artikel 35 der Europäischen Grundrechte ist sowohl das Recht auf Zugang zur Gesundheitsversorgung für jeden Menschen festgeschrieben als auch, dass Politik und Maßnahmen der Union insgesamt ein hohes Gesundheitsschutzniveau sicherstellen sollen.

          Das könnte erreicht werden, wenn die Regierungen in Europa auf eine kooperative und offene KI setzen, welche dezentral organisiert und mittels freier Lizenzen zugänglich wird. Sogenannte Open Source NGO’s fördern diese Entwicklung bereits. Letztendlich ist es nun an der Politik, die Rahmen­bedingungen dafür zu schaffen.

          Bart de Witte ist Gründer der Hippo AI Foundation.

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