https://www.faz.net/-ipk-9lds6
Anzeigensonderveröffentlichung

: Nahverkehr auf Bestellung

Ein Konzept mit Vorbildcharakter: Mit myBUS hat die Duisburger Verkehrsgesellschaft 2017 ein digital gesteuertes On-Demand-Angebot gestartet. Viele weitere Verkehrsunternehmen erproben mittlerweile ähnliche Services. Bild: DANIEL TOMCZAK/DVV

Immer mehr Verkehrsunternehmen erproben On-Demand-Angebote, bei denen sich Fahrgäste mit ähnlichem Ziel einen Kleinbus teilen. Die innovativen Konzepte ergänzen den klassischen Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) und machen die Mobilität individueller und flexibler.

          6 Min.

          Keine vorgegebene Linie, keine Haltestellen, kein Fahrplan: Das Pilotprojekt ­myBUS der Duisburger Verkehrsgesellschaft (DVG) ist Teil des ÖPNV und doch ganz individuell. Die Nutzung der Kleinbusse ist denkbar einfach: Per Smartphone geben Kunden ihren Fahrtwunsch unter Angabe des Start- und Zielpunktes in eine App ein. Ein Algorithmus berechnet in Echtzeit entsprechend der Nachfrage die Routen für die Busse. So können sich mehrere Fahrgäste mit einer ähnlichen Strecke einen Kleinbus teilen und werden von ihrem individuellen Standort zum gewünschten Ziel gebracht. Als erstes Verkehrsunternehmen in Deutschland brachte im September 2017 die DVG ein digital-­basiertes On-Demand-Angebot an den Start und leistete damit Pionierarbeit. Der DVG-Vorstandsvorsitzende Marcus O. Wittig erklärt die Beweggründe für die Einführung: „Nachfragebasierte Angebote sind ein wichtiger Baustein für die Mobilität der Zukunft. Im digitalen Zeitalter lassen sich Verkehrsangebote vernetzen, Prozesse verknüpfen und daraus neue Angebote ­schaffen.“

          Komfortabel ans Ziel gelangen

          Das Rückgrat des Nahverkehrs in Duisburg bilden nach wie vor die klassischen öffentlichen Verkehrsmittel: drei Straßenbahnlinien, eine Stadtbahnlinie und 32 Buslinien. Sie bewegen rund 63 Millionen Menschen im Jahr. myBUS soll dem bestehenden System keine Konkurrenz machen, sondern es sinnvoll erweitern. Die Kleinbusse sind daher nur zu den Schwachverkehrszeiten unterwegs. Das ist gut für die Fahrgäste, schont die Umwelt und ist wirtschaftlicher als schlecht ausgelastete Linienbusse. Der Fahrpreis richtet sich dabei nach dem Tarif des Verkehrsverbundes, Abokunden und Kinder fahren ermäßigt. „Mit myBUS können wir unseren Fahrgästen erstmals eine flexible und individuelle Lösung anbieten, ganz unabhängig von Haltestellen und Fahrplänen“, so Wittig. „Wir holen die Fahrgäste dort ab, wo sie sich befinden, und bringen sie komfortabel ans Ziel.“ Das kommt bei den Kunden gut an: Die Fahrzeuge werden am Wochenende im Schnitt zwischen 50- und 100-mal gebucht. Im Sommer 2018 hat die DVG das Bediengebiet auf Wunsch der Fahrgäste noch einmal erweitert und die Fahrzeiten angepasst. Seither sind die Kleinbusse in insgesamt 14 Stadtteilen unterwegs und fahren freitags sowie samstags in der Zeit von 18 bis 2 Uhr. Das hat zu einem weiteren Anstieg der Buchungen geführt. Bis 2020 wird das Pilotprojekt fortgesetzt mit dem Ziel, weitere Erkenntnisse über das Nutzungsverhalten zu gewinnen. 

          Angebote müssen alltagstauglich sein 

          Auch andere Städte und Verkehrsunternehmen erproben, inwieweit On-Demand-Angebote als sinnvolle Ergänzung zum ÖPNV und attraktive Alternative zum privaten Pkw taugen. Ganz vorne mit dabei ist Hamburg, das wie andere Metropolen vor großen verkehrlichen Herausforderungen steht. Zwar verzichten immer mehr Haushalte in der Hansestadt auf ein eigenes Auto. Die Zahl der Wege hat aber zugenommen. Das liegt unter anderem am Bevölkerungswachstum: Dem Statistischen Bundesamt zufolge hat die Hansestadt 2017 von allen Bundesländern den stärksten Zuwachs verzeichnet. Ende 2018 wurde mit 1,9 Millionen Einwohnern eine neue Schallmauer durchbrochen. Neben weiteren Ansätzen sollen Ridesharing-Projekte für eine Entlastung sorgen. Die Deutsche-Bahn-Tochter Ioki und die Verkehrsbetriebe Hamburg-Holstein GmbH (VHH) erproben seit Juli 2018 ein On-­Demand-Shuttle-Angebot in den Stadtteilen Lurup und Osdorf. Mit CleverShuttle ist zudem der größte deutsche Ridepooling-Anbieter in der Metropole aktiv. 

          Ab April will darüber hinaus Volkswagen mit MOIA Ridesharing-Mobilität mit Kleinbussen anbieten. Via Smartphone-App können die Kunden eines von 200 emissionsfreien Elektro-Shuttle-Fahrzeugen buchen, in dem bis zu sechs Personen Platz finden. Ein Ziel haben die Anbieter von New Mobility gemein: Sie wollen die Mobilität in der Hansestadt flexibler, umweltfreundlicher und komfortabler gestalten. „Für uns ist es wichtig, wie sich die Angebote in der Praxis hinsichtlich ihrer Alltagstauglichkeit bewähren“, sagt Hendrik Falk, Vorstandsvorsitzender der Hamburger HOCHBAHN. „Der für uns entscheidende Schritt ist dabei die intelligente Verzahnung des MOIA-Angebots mit dem klassischen ÖPNV über die städtische Mobilitätsplattform switchh.“ Erst diese Verknüpfung macht es möglich, die Verkehrsmittel optimal zu kombinieren. „Im Rahmen einer Erpobungsphase wird es sicherlich an der einen oder anderen Stelle zu einer Doppelbedienung in einzelnen Stadtteilen kommen“, so der HOCHBAHN-Chef. „Unser Ziel muss es aber mit Blick auf die Zukunft sein, die Gebiete aufzuteilen und Angebote zu schaffen, die für unsere Kunden jeweils die beste Mobilitätslösung hervorbringen. Aus diesem Grund stehen wir als HOCHBAHN mit allen relevanten Mobilitätsanbietern im Dialog.“ In Hannover hat MOIA nach einer Testphase bereits Ende Juli 2018 offiziell den Betrieb aufgenommen. 150 Fahrzeuge sind in der Leinestadt im Einsatz – bislang ohne Verknüpfung mit der ÜSTRA als städtischem Verkehrsunternehmen. Das soll sich jetzt ändern: Bis zum Sommer soll eine Kooperation es ermöglichen, Fahrten zu ausgewählten Haltestellen zu bestellen und sich von dort zum gewünschten Zielort bringen zu lassen. Das Ganze zu einem Preis, der unterhalb des üblichen MOIA-Tarifs liegt. Die Zusammenarbeit soll aufzeigen, inwieweit ein solches Angebot überhaupt angenommen wird.  

          Den ländlichen Raum mobil machen 

          Nach Einschätzung von Dr. Jan Schilling, Geschäftsführer ÖPNV des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV), ist der Wandel hin zu einer individuelleren und flexibleren Mobilität eine zwangsläufige Entwicklung: „In einer modernen Volkswirtschaft wie Deutschland sind die Menschen mehr denn je auf eine effiziente, umweltgerechte, bezahlbare und reibungslos funktionierende Mobilität angewiesen. Die Digitalisierung bietet neue Möglichkeiten, sich über Smartphone und Co. passgenaue Angebote zu suchen. Und die Verkehrsunternehmen sowie -verbünde nutzen die Chancen aktiv und wandeln sich vom klassischen Beförderer zum Mobilitätsdienstleister.“ Das betrifft nicht nur Großstädte wie Duisburg, Hamburg und Hannover. Auch in ländlichen Regionen wird an der Integration passgenauer Angebote gearbeitet. Dort ist es für die Verkehrsunternehmen schon seit langem eine Herausforderung, eine ausreichende Grundversorgung mit Mobilität sicherzustellen. Kleinere Fahrzeuge, die nicht auf festen Linien fahren, sondern die Kunden an der Haustür oder Straßenecke abholen, können hier das Angebot bereichern und eine wirtschaftliche Lösung darstellen. 

          Einfach anrufen und mobil sein: mit dem ILSE-Bus in Vorpommern-Greifswald.

          Ein Blick in den Landkreis Vorpommern-Greifswald in Mecklenburg-Vorpommern zeigt, wie wertvoll On-Demand-Lösungen für den ländlichen Raum sein können. Für ältere Menschen, die selbst nicht mehr Auto fahren, ist es dort oft schwierig, ohne Hilfe vom Enkel zum Einkaufen, Friseur oder Arzt zu gelangen. Zumal die Regionalbusse nicht eng getaktet sind. Diese Lücke schließt der ILSE-Bus der Verkehrsgesellschaft Vorpommern-Greifswald (VVG), der im Bereich Peenetal/Loitz und Jarmen unterwegs ist. Getreu dem Motto „Bei ILSE braucht man keinen Plan, bei ILSE ruft man einfach an!“ können die Fahrgäste montags bis freitags zwischen 8 und 18 Uhr bei Bedarf einen ILSE-Bus bestellen – ganz unkompliziert per Telefon oder über die Webseite. Über eine Software werden Fahrtwünsche nach Möglichkeit gebündelt und die Fahrer via Smartphone benachrichtigt. Für VVG-Geschäftsführer Dirk Zabel ist das Projekt eine Herzensangelegenheit: „Mobilität ist soziale Teilhabe und darf keine Frage des Alters sein. Deshalb gehen wir neue und innovative Wege, weil es in unser aller Interesse liegt, die ländlichen Räume für alle Menschen attraktiv und mobil zu gestalten.“ Bei den Menschen in der Region kommt dieses Engagement gut an. Ende 2017 ist das Projekt gestartet. Bis Ende 2018 hat das Bundesverkehrsministerium ILSE im Rahmen des Modellvorhabens „Langfristige Sicherung von Versorgung und Mobilität im ländlichen Raum“ gefördert. Nach Auslaufen der Förderung bietet die VVG den Kleinbus-Service mit einer geringen Preiserhöhung weiter an. Seit Anfang des Jahres werden die Fahrgäste zudem gegen einen Aufpreis von 1 Euro direkt an der Haustür abgesetzt. „Wir hören den Menschen zu und haben uns auf die Fahne geschrieben, den ILSE-Bus weiterzuentwickeln“, erklärt Dirk Zabel. „Besonders unsere älteren Fahrgäste profitieren davon, dass sie nach einem Einkauf ihre schweren Taschen nicht mehr von der Haltestelle nach Hause tragen müssen.“ Andere Verkehrsunternehmen setzen auf ähnliche Konzepte, um eine passgenaue Mobilität auf dem Land anzubieten, beispielsweise WestVerkehr mit dem MultiBus, der in fünf Bediengebieten im Kreis Heinsberg unterwegs ist und sogar bis in die benachbarten Niederlande fährt.

          Fehlentwicklungen vermeiden 

          Ob in der Stadt oder auf dem Land: Damit die On-­Demand-Angebote wirklich Anreize setzen, auf das eigene Auto zu verzichten, müssen sie möglichst passgenau mit dem ÖPNV verknüpft werden. Andernfalls kann es zu Fehlentwicklungen wie in den USA kommen, wo Anbieter auf der Suche nach Kunden vielfach mit leeren oder nur gering ausgelasteten Fahrzeugen unterwegs sind und das Verkehrsaufkommen so noch erhöhen. „Die Kunden erwarten ein funktionierendes Gesamtsystem und keinen größer werdenden Flickenteppich“, stellt auch Dr. Jan Schilling klar. „Geteilte Mobilität ist Teil unserer DNA, und zwar seit Jahrzehnten. Wo und wann auch immer viele Menschen gleichzeitig schnell, effizient und bezahlbar von A nach B wollen, führt an Bussen und Bahnen kein Weg vorbei. Die ÖPNV-­Branche hat die ­Expertise, im Zusammenspiel mit den Kommunen den passenden Angebotsmix zu finden und so zur Lösung der Verkehrs­probleme beizutragen.“

          Topmeldungen

          : Auf dem Weg zur Mobilität der Zukunft

          Der Aufbruch in ein neues mobiles Zeitalter hat längst begonnen. Im Interview diskutieren Oliver Wolff, Hauptgeschäftsführer des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV), Ulrich Klaus Becker, Vizepräsident für Verkehr des ADAC, und Dieter Babiel, Hauptgeschäftsführer des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie, wie sich die Mobilität in Deutschland bis 2030 entwickeln wird.
          Der Round Table der Frankfurter Allgemeinen (v.l.): Ulrich Klaus Becker, Vizepräsident des ADAC; Dr. Tom Kirschbaum, Geschäftsführer von door2door; Prof. Knut Ringat, Sprecher der Geschäftsführung des RMV; Oliver Wolff, Hauptgeschäftsführer des VDV; Moderator Johannes Pennekamp, F.A.Z.; Ralph Spiegler, Bürgermeister der Verbandsgemeinde Nieder-Olm; Matthias Kalbfuss, Vorsitzender der Geschäftsführung Heag mobilo; Tim-Oliver Müller, Geschäftsbereichsleiter des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie.

          : Mehr Mobilität mit weniger Verkehr

          Unsere Städte ersticken im Stau. Wie mehr Mobilität mit weniger Umweltbelastung gelingen kann und welche Finanzierung dafür notwendig ist, diesen Fragen stellten sich Experten aus Politik, Wirtschaft und Verbänden während des Round Table der Frankfurter Allgemeinen.

          : Auf dem Weg in die multimodale Zukunft

          Für nachfragebasierte Mobilitätsangebote braucht es zwei Komponenten: eine Plattform zur Verzahnung der Verkehre und die passenden Fahrzeuge. Wie sich beides zusammenbringen lässt und inwieweit sich dabei autonom fahrende Fahrzeuge einsetzen lassen, erproben derzeit die Stadtwerke Osnabrück (SWO) im Projekt „Hub Chain“.