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Posttraumatische Unterhaltung : Wie Schnee von gestern / Interview mit Adnan Softic

Woran erkennt man einen Menschen, der auf Zivilisten schießen könnte? Diese Frage ist ein altes Trauma von mir, mein Hauptkapital, mit dem ich damals nach Deutschland gekommen bin. Wie kann ich Menschen einordnen? Das sind Phantasien am Rande der Unterstellung, sie sind ja irgendwie unverschämt, aber auch gleichzeitig berechtigt. Vor allem die denkbaren Konsequenzen daraus sind monströs. Aber ich habe festgestellt, dass ich nicht der Einzige bin, den diese Fragen nicht losgelassen haben.

Ich habe ein ähnliches Experiment bei Adorno gefunden: Eine Gruppe von Wissenschaftlern – ich glaube Adorno hat das Projekt geleitet – hat in den 50er Jahren versucht eine F-Skala – Faschismus Skala – zu erarbeiten. Sie haben Tausende Menschen gefragt und wollten so etwas wie 10 Eigenschaften herausfiltern, die einen Faschisten ausmachen, damit nie wieder passieren kann, was passiert ist.

Adnan Softic „Wie Schnee von gestern“, 2012 Bilderstrecke

Du filmst abends, mit einer deutlich im Bild aufgestellten Filmleuchte. Ist dein Film auch so etwas wie eine Versuchsanordnung?

Adnan Softic: Der Scheinwerfer spielt eine wichtige Rolle in diesem Film. In dem Moment, in dem zum Ende des Films ein Anruf kommt, wird das Gespräch unterbrochen, und sie müssen los. Man sieht, wie das Paar den Scheinwerfer abbaut, und damit ist sozusagen die Aktion beendet. Das ist die Klammer des Films.
Und der Hauptgrund ist, dass jemand für zwei Sekunden aus der Masse herausgeholt wird, indem er angeleuchtet wird, dass Antlitze auftauchen und verschwinden. Assoziationen werden aufgerufen, aber man vergisst sie gleich wieder, weil immer neue auftauchen. Ich habe mich gefragt, ob sich dieses zweite Gesicht, dieses „mögliche“ Gesicht mit einer Kamera aufnehmen lässt?

Und zusätzlich gefällt es mir, dass so etwas Großes übersehen wird. Es passt zu dem Thema, dass weder der Zuschauer etwas, das man 10 Minuten mitten im Bild sieht, noch die Passanten, das was mitten auf dem Gehweg steht, wirklich wahrnehmen.

Noch eine Frage zu deinen nächsten Projekten. Du hast mir erzählt, du wirst mehrere Monate nach Bosnien fahren. Gibt es schon konkrete Pläne?

Adnan Softic: Ich habe vor, mich zwei sehr merkwürdigen Bauprojekten zu widmen. Auf der einen Seite wird in Skopje, der Hauptstadt von Mazedonien, mitten im Zentrum mit sehr viel Geld eine antike Stadt erbaut, und auf der anderen Seite wurde in Bosnien vor einigen Jahren angeblich die größte Pyramide der Welt entdeckt. Interessanterweise handelt es sich in beiden Fällen um Länder mit multikultureller Bevölkerung, und beide Staaten haben eine Art Identitätskrise. Und ich will der Frage nachgehen, wer ein Anrecht auf eine bestimmte Geschichte hat. Also, wer darf die alten Griechen vertreten, oder wer hat ein Anrecht auf die Pyramiden. Und dahinter interessiert mich besonders die Frage: Woher kommt die Notwendigkeit, das ausgerechnet diese Länder sich solche kollektiven Identitäten aneignen wollen, sich eine eigene Geschichte konstruieren und sich dabei gleichzeitig den eigenen komplexen Geschichtsverläufen verweigern. Eine von den möglichen Antworten ist womöglich, dass es für einen Staat vielleicht grundsätzlich notwendig ist, eine stringente und möglichst einfache Vergangenheit zu haben, die nicht so brüchig und widersprüchlich ist wie die tatsächliche. Darauf folgt dann die Frage: Wie könnte man auf der anderen Seite diesen komplexen Geschichtsverläufen ein Denkmal setzen?

Vielen Dank für das Gespräch, und ich bin sehr gespannt auf die neuen Filme!

Filme von Adnan Softic auf blinkvideo


Julia Sökeland ist Direktorin der Internetplattform blinkvideo, Hamburg.

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