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Anzeigensonderveröffentlichung

Klasse Prof. Bjørn Melhus, Kunsthochschule Kassel : Virtuelle Realitäten

Ana Esteve Reig „Encierro“, 2012
A woman and three policemen meet in a unconcrete place. The police starts dancing Reggeaton, an erotic latin dance, while the woman stays passive in the middle of them.
Bild: Ana Esteve Reig

Mit der Berufung von Bjørn Melhus an die Kunsthochschule Kassel im Jahr 2003 wurde eine neue Klasse ins Leben gerufen, der man damals den Titel „Virtuelle Realitäten“ gab. Dieser sehr offene Begriff wurde gewählt, um die Fixierung auf ein konkretes Medium zu vermeiden.

          Die Bezeichnung unterscheidet sich durch ihren Plural von dem gebräuchlichen Begriff der „Virtual Reality“ aus dem angewandten Bereich. Denn virtuelle Realitäten bedeutet mehr: Im Mittelpunkt stehen Forschung und Lehre des künstlerischen Films und Videos sowie Installationen der computerbasierten Arbeiten. Hier werden die Studierenden ermutigt, frühzeitig eine eigene künstlerische Position zu entwickeln, die inhaltlichen Fragestellungen und der Entwicklung einer ästhetischen wie technischen Selbstsicherheit folgt. Darüber hinaus sollen die kritische Wahrnehmung medialer Massenkultur und die sich daraus ergebenden Rückschlüssen gefördert werden.

          Die Lehre konzentriert sich in regelmäßigen Klassenreffen und Einzelgesprächen auf die Betreuung der freien, künstlerischen Arbeit der Studierenden. Manche der Semester sind inhaltlichen Schwerpunkten unterstellt, zu denen zusätzliche Vorlesungen, Gastvorträge, Exkursionen und Workshops angeboten werden. Großer Wert wird auch auf Kooperationsprojekte mit Klassen anderer Hochschulen gelegt.

          Die vorliegenden Arbeiten auf blinkvideo sind eine Auswahl einkanaliger Videos aktuell Studierender und Abgänger/-innen der letzten drei Jahre. Bis auf eine Ausnahme sind alle Beteiligten mit zwei Videos vertreten. Diese Auswahl repräsentiert das breite Spektrum formaler Ansätze und individuell unterschiedlicher Sichtweisen der jungen Künstlerinnen und Künstler. Dabei verschränken sich oft persönliche Themen mit Fragestellungen an die gegenwärtige Gesellschaft. Ob inszeniert, beobachtet, dokumentiert oder animiert: Alles ist möglich.

          Zum Beispiel „Encierro“ von Ana Esteve Reig, das bereits schon früher auf blink zu sehen war, ist ein skurriles Musikvideo eine und eigene Interpretation des lateinamerikanischen Tanzes Reggaeton, in dem eindeutige, körperlich sexuelle Anspielungen des Mannes zum Ausdruck kommen. Bei Reig stecken die Männer in hessischen Polizeiuniformen, was zum einen sehr komisch wirkt, aber auch auf gängige Machtstrukturen der Geschlechterrollen verweist. In ihren aktuellen Videos verabeitet die Künstlerin die wirtschaftliche Katastrophe und deren Auswirkungen in Spanien. In „Olimpiadas“ besingt eine junge spanische Sportlerin im Nationaltrikot die gegenwärtige Situation mit dem Lied „Wir sind nicht verrückt“.  Das Stück war laut Reig bereits während der Krise 1992 sehr populär und greift Stereotypen des hedonistischen Lebens innerhalb der Kultur auf. Auch hier hat die Künstlerin eine bewusste Verschiebung vom Spanischen ins Deutsche vorgenommen; der Hintergrund des in der Fremdsprache Deutsch gesungenen Textes erscheint uns zunächst fremd, jedoch Spaniern beziehungsweise spanischen Immigranten sehr vertraut.

          Benjamin Brix – „Kolkata“ Bilderstrecke

          Clara Winter verarbeitet in dem künstlerischen Dokumentarfilm „Mika“ den gewaltsamen Tod eines nahestehenden Freundes in Toulouse. Dabei verbindet sie ihre französisch selbst eingesprochenen Tagebuchaufzeichnungen mit kraftvollen Bildern, die in einer Art Notwehr des Handeln Wollens aufgenommen zu sein scheinen. Zusammen mit Lina Walde entstand während eines gemeinsamen Workshops zur Nacht an der HGB Leipzig das Video „Beziehungsarbeit 1“, in dem sich die beiden Künstlerinnen zum vorsätzlichen Männerfang in das Nachtleben der alternativen Szene Leipzigs stürzen und auf absurd komische Weise die Anbahnung möglicher Paarbeziehungen erkunden. Lina Walde ist in der vorliegenden Auswahl auch noch mit dem kurzen Animationsfilm IN CIRCLES vertreten, der visuell eindrucksvoll und sehr sensibel den Weg einer Selbstbestimmung nachzeichnet.

          Topmeldungen

          Recherche nach Videokunst : blinkvideo

          Anita Beckers und Julia Sökeland sind die beiden Initiatorinnen der Videoplattform www.blinkvideo.de. Die Website versteht sich als eine „lebendige“ Bibliothek für das bewegte Bild. Sie wird dem Medium gerecht, in dem sie über einen temporären Präsentationszeitraum von Ausstellungen oder Screenings hinaus passwortgeschützt künstlerische Arbeiten vollständig zur Sichtung anbietet.
          Susanna Wallin “SOMEONE ELSE”, 2011
Real scenarios and imagined ones are acted out and confused in this capture of adolescent pastime. The empowering and at times disturbing experience of playing yourself and a fictional character and not being sure where they divide or come together, keeps alienating the world and bringing it closer. If here isn’t the place to be, you could always go somewhere different.  And if you are not the one to be, someone else could be invented.

          The films of Susanna Wallin : Someone Else

          Susanna Wallin has long been interested in film’s ability to alter our ways of looking at the world. In her filmmaking she explores and invents some of the building blocks for how our experiences might be constructed.
          Keren Cytter „Der Spiegel“, 2007 
<br>Keren Cytter is a storyteller. Her work analyzes the construction of mainstream films, and the narrative devices and editing tricks they include. To this end, Cytter draws on numerous mediums, ranging from film noir to „mocumentaries“ to pure cinéma vérité.

          Geschichtenerzählerin : Die Künstlerin Keren Cytter

          Keren Cytter ist vor allem für ihre experimentellen Videoarbeiten bekannt, die Zwischenmenschliches und Privates beleuchten. Ihre Arbeiten beruhen oft auf Vorlagen von literarischen oder filmischen Klassikern und reflektieren gleichzeitig den Einfluss der Medien.
          Romeo Grünfelder „Desire – the Goldstein reels“,  2006
<br>An old celluloid film is labeled as being from the estate of Jack Goldstein. The unusual S8 footage is nevertheless difficult to interpret. Due to partially missing data, place, time and author cannot be determined and keep the beholder in the dark. The ongoing investigation has not been able to produce a reasonable explanation of the circumstances.

          Portrait : Der Filmemacher und Künstler Romeo Grünfelder

          In dem knapp vier Minuten kurzen Film „Desire – the Goldstein reels“ sieht man Hundsrosen, oder etwas Ähnliches, die an der Abbruchkante einer Steilküste wachsen, im Hintergrund blickt man hinab auf einen steinigen Strand und das Meer und eine nackte Frau, die zügig ins Wasser watet, immer tiefer, bis sie in den Fluten verschwindet. Sie taucht nicht mehr auf. Der Himmel ist bedeckt.