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Pflege im Paragraphen-Dschungel : Vom Rat-Suchenden zum Rat-Geber

Bild: MARTES NEW MEDIA

Pflege ist vor allem eins: menschlich. Jedoch wird das Thema durch die vielen rechtlichen Fragen und Fallstricke immer komplexer. Guter Rat ist da meist teuer – warum also nicht selbst Experte werden?

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          Wer an Jahren gewinnt, verliert meist an körperlicher und geistiger Gesundheit. Wer krank und dement wird, benötigt Fürsorge, Unterstützung und Pflege. Doch damit fangen viele Probleme erst an: wie muss ein Vertrag mit einem Pflegeheim aussehen? Was ist eine Vorsorgevollmacht und was muss darin stehen? Wann ist eine Patientenverfügung gültig?

          Eine, die Antworten auf diese Fragen geben kann, ist Victoria Riedel. Die Düsseldorfer Rechtsanwältin ist eigentlich auf Erbrecht spezialisiert. Sie berät Unternehmer, wie sie ihr Vermögen auf die nachfolgende Generation übertragen können. Sie hilft Senioren beim Verfassen ihres Testaments. Und sie hilft Angehörigen von Verstorbenen, die Erbsachen zu regeln. Im Laufe der Jahre merkte sie, dass die rechtlichen Fragen oft nicht die Wichtigsten sind. „Ich bin inzwischen so etwas wie eine Consigliere meiner Mandanten“, sagt sie.

          Die rechtlichen Fragen liegen oft nahe bei den Praktischen: Welches Heim passt zu meinem Opa, wie kann ich eine Wohnung barrierefrei umbauen, wo gibt es einen speziellen Arzt? Riedel hat sich im Laufe der Zeit Schnittstellenkompetenz angeeignet. „Das hat dazu geführt, dass mich Leute immer mehr Sachen fragen – und wer gefragt wird, der sollte auch mehr wissen“, sagt sie – und hat deshalb ein Aufbaustudium in „Integrierter Gerontologie“ begonnen.

          
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          Das Aufbaustudium Gerontologie
          Der Online-Studiengang der Universität Stuttgart will genau diese übergreifende Kompetenz vermitteln, die nicht an Fachgrenzen halt macht. Das Ziel: Ärzte, Ingenieure, Sozialarbeiter oder Juristen mit allen Aspekten des Älterwerdens vertraut zu machen. Weil das Thema Älterwerden alle Bereiche des Lebens und der Gesellschaft berührt, müssen Experten über ihr Fachgebiet hinausblicken.

          Victoria Riedel hat sich schon seit längerem vernetzt und fortgebildet.  „Ich bin mit Architekten befreundet, kenne mich mit Grundzügen des altersgerechten Wohnens aus, ich war auf Gerontologiekongressen.“ Jetzt kann sie mit dem Masterstudiengang ihre Kenntnisse berufsbegleitend vertiefen. Denn sie will ihre Klienten auch menschlich begleiten, geht zu ihnen nach Hause. „Was den Menschen wirklich weiterhilft ist, wenn sie sich verstanden fühlen“, sagt sie.

          Aber natürlich ist Empathie nicht alles. Auch beim Thema Pflege ist rechtliche Präzision wichtig. Zum Beispiel bei Patientenverfügungen: Sie muss in schriftlicher Form vorliegen und sollte mögliche Situationen sehr genau beschreiben. Geht es um die Endphase einer tödlich verlaufenden Krankheit? Welche lebensverlängernden Maßnahmen sollen getroffen, welche unterlassen werden? Ab welchem Zeitpunkt soll auf künstliche Ernährung verzichtet werden? Der größte Fehler bei Patientenverfügungen ist es, im Allgemeinen zu bleiben. Hier können Ärzte helfen – und idealerweise Berater mit juristischer Kompetenz.

          Ähnlich ist es bei Vorsorgevollmachten: Auch hier sollte möglichst genau geregelt werden, wozu sie Einzelne ermächtigen. Geht es in erster Linie um die finanziellen Angelegenheiten oder auch um Fragen der Betreuung und Pflege? Auch individuelle Wünsche können in einer solchen Vollmacht vermerkt werden. Alternativ ist es auch möglich, gleich eine Generalvollmacht auszustellen, die dem oder der Bevollmächtigten weitreichende Befugnisse gibt. Allerdings setzt das Gesetz auch Grenzen: Bei riskanten Operationen etwa ist zusätzlich die Zustimmung eines Gerichts notwendig.

          Der Bedarf an fachübergreifender gerontologischer Kompetenz wird weiter wachsen – da der Anteil der Älteren an der Gesellschaft kontinuierlich steigt. Für die Senioren selbst, aber auch für die Angehörigen, sind qualifizierte Ansprechpartner wichtig. Das gilt in allen Gesellschaftsbereichen, sagt der Politologe Oscar Gabriel von der Universität Stuttgart. „Die Infrastruktur der Kommunen ist auf die traditionelle Bevölkerungsverteilung angepasst“, konstatiert er. Das heißt: Wenn in einigen Jahren 40 Prozent der Bevölkerung nicht mehr im Beruf sind, fehlen Angebote der Betreuung, Beratung sowie altersgerechter Wohnungen und Nahverkehrssysteme.

          Gerontologische Kompetenz ist laut Gabriel deshalb für alle wichtig: Stadtplaner, Architekten, Verkehrsplaner und Produktdesigner. Für Menschen, die beruflich mit Pflege und Sozialberatung zu tun haben, sowieso. Denn Orientierung im Paragraphen-Dschungel brauchen in einer älter werdenden Gesellschaft alle – die betroffenen Menschen genauso wie Pflegeeinrichtungen, Planer und Behörden.

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