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Verlagsspezial

: „Bauhaus-Schriften haben den Klang deutscher Ingenieurskunst“

Bild: Adobe

Der Bauhaus-Stil ist in vielen Lebensbereichen wiederzufinden. Sogar in der Typografie. War die Schriftgestaltung in den Anfängen der Bauhaus-Lehre noch Nebensache, entwickelte der Bauhaus-Meister Joost Schmidt im Bauhaus Dessau einen systematischen Unterricht in grafischer Gestaltung, in dem auch Schriftentwürfe entwickelt wurden. Im Interview berichtet einer der bekanntesten Typografen der Gegenwart, Erik Spiekermann, über die Bedeutung der einst verschollenen Schriften der Bauhaus-Meister.

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          Herr Spiekermann, was zeichnet die Typografie der Bauhaus-Schule aus?

          Dass sie erst ideologisch und dann programmatisch war. Es geht ja nicht darum, das ABC neu zu definieren, sondern darum, mit der Schrift eine Botschaft zu transportieren. Das Bauhaus steht für klare Linien. Die Künstler wollten Buchstaben aus den Grundformen Quadrat, Dreieck und Kreis konstruieren. Man wollte weg von den überfrachteten Druckschriften mit viel Ornament, wie es damals üblich war.

          Die Bauhaus-Schule hatte einen Leitgedanken: die Vermählung von Kunst und Handwerk. Was wir als Typografen machen, ist diesem Gedanken vom Ansatz sehr ähnlich. Wir arbeiten mit einem banalen Gebrauchsgegenstand. Über Schrift redet man nicht, höchstens, wenn sie nicht gefällt. Als Schriftgestalter erfinden wir nicht die Schrift neu, sondern entwickeln Variationen. Die ästhetische Botschaft trägt das Buch.

          Im Projekt Hidden Treasures haben Sie mit jungen Schriftgestaltern zusammengearbeitet und gemeinsam mit ihnen verborgene Schriften alter Bauhaus-Meister zum Leben erweckt. Wie war es für Sie persönlich, mit den Entwürfen der Meister zu arbeiten?

          Es war nichts dabei, was ich nicht schon aus der Reproduktion kannte. Meinte ich. Aber es war ein Unterschied, die Originale aus der Schublade zu nehmen und auf den Zeichentisch zu legen. Gleich war der Geist der Herren von damals da. Was sie gemacht haben, war sehr handwerklich und hatte den Charme des Einfachen. Aber es ist Kunst, vergleichbar mit dem schwarzen Quadrat von Malewitsch. Das ist auch nicht einfach ein Quadrat. Kein maschineller Prozess. Die Schriften sind gemalt, als wären es Porträts. Sie sind das Ergebnis eines Denkprozesses. Als wir die Schriften aus den Archiven in Dessau geholt haben, war alles da: der Geist, die Freude, die Mühe. Etwa bei den Plakaten von Alfred Arndt. Hier sieht man die Qualität, die leuchtenden Deckfarben. Es ist etwas anderes, sich mit den Originalen auseinanderzusetzen. Man meint zu oft, dass man ein Kunstwerk oder eine Schrift kennt, weil man mit der Reproduktion gearbeitet hat. Aber dem ist nicht so.

          Wie haben die Alten Meister ihre Buchstaben konstruiert?

          Es gab im Grunde drei Kategorien: zum einen die geometrische; reduziert auf Quadrat, Kreis und Dreieck. Joost Schmidt hat dies weiter reduziert zu einer modularen Bauweise in seinen Schablonenschriften. Eine weitere Kategorie ist die Schrift, die sich aus ihrer Anwendung heraus entwickelt. Alfred Arndts Plakate stehen hierfür. Es gab damals kaum Schriften für die Werbung. Dennoch können wir mit Schrift laut werden. Und dann gibt es noch den Typus der handgeschriebenen Schriften, wie die von Carl Marx.

          Zwischen den Bauhaus-Meistern und den angehenden Schriftgestaltern liegt mehr als eine Generation. Wie war es für die jungen Schriftentwerfer, aus den fragmentarischen Buchstaben eine vollständige Schrift zu entwerfen?

          Viele Studenten hatten Ehrfurcht: „Ich kann doch den Meister nicht korrigieren.“ Celine Hurka etwa, eine junge Schriftgestalterin aus Den Haag, hatte sich der Schriften von Alfred Arndt angenommen. Es gab allerdings nur ein Plakat. Sie ist sehr wissenschaftlich vorgegangen, hat alle Zeichen nachgemessen. Letztlich gab es zwar ein Konzept, aber trotzdem konnte sie die Schrift nicht reparieren. Sie musste sie interpretieren. Meine Aufgabe lag oftmals darin, die jungen Leute zu ermutigen, ihre Ehrfurcht zu unterdrücken und sich zu trauen, das Erbe der alten Herren anzutreten.

          Fiel es den jungen Typografen schwer, sich in die Visionen der alten Generation hineinzuversetzen?

          Für die Studenten war es zunächst schwierig, die Ideen der alten Meister weiterzuentwickeln. Was sie vorgefunden haben, waren handwerklich einfache Schriften, Konzepte und Übungen. Die Studenten mussten sich fragen: Was hätten die Bauhaus-Meister gemacht, hätten sie die Mittel von heute gehabt? Hätte der Kreis größer als das Quadrat sein müssen, damit er in der Druckschrift gleich aussieht?

          Welchen Einfluss hat es, dass die junge Generation digital arbeitet und die Alten Meister ihre Schriften analog entwickelt haben?

          Die analogen Vorlagen sind die Basis. Jede Kurve ist Handarbeit. Die Kurve am Bildschirm unterliegt mathematischen Formeln. Gewisse Manipulationen muss man vornehmen. Die jungen Typografen sind ja alles gelernte Grafikdesigner am Ende ihres Studiums. Also keine Anfänger in ihrem Fach. Elia Preuss aus Leipzig hat etwa die Schriftfragmente von Reinhold Rossig 1:1 nachgezeichnet, musste dann aber vom Original weggehen, da es sich nicht bis auf weiteres in eine Schrift umsetzen ließ. Schriften entwerfen und herstellen war früher eine überaus schwierige Sache. Hätten die Bauhaus-Meister von damals unsere heutigen Mittel und unser heutiges Wissen gehabt, wer weiß, in welche Richtung sie gegangen wären.

          Ist Schriftgestaltung heute noch ein Handwerk?

          Schriftgestaltung ist und bleibt ein Handwerk, ob mit der Maus gezeichnet oder nicht. Gestaltung, Kunst und Ästhetik bleiben. Viele Buchstaben gehen aus anderen hervor. Die digitalen Möglichkeiten können zwar vieles vereinfachen und automatisieren, aber der Entwurf einer neuen Schrift ist mühselige Handarbeit, und ohne Stift und Lineal geht es nicht. Zumindest halte ich es so.

          Wie modern ist das Bauhaus heute noch, wenn man nur auf die Typografien schaut?

          Bauhaus war eine Haltung, nie ein Stil. Als Handwerk hat es den Anspruch, ästhetisch und funktionell zugleich zu sein. Diese Haltung ist aktueller denn je. Auch Schriften müssen funktionieren, und das haben die jungen Künstler heute geschafft und dabei den Konzepten der Bauhaus-Meister ihren Klang gegeben. Schriften können ebenso wie musikalische Werke unterschiedlich klingen. Beethovens Pastorale klingt anders, je nachdem, ob sie von Karajan, Karl Böhm oder einem anderen Dirigenten umgesetzt wird. Der Gedanke der Alten Meister hat aber funktioniert, das haben wir bewiesen.

          Welchen Klang hat die Bauhaus-Schrift?

          Sie hat den Klang deutscher Ingenieurkunst; sie ist vergleichsweise hart und industriell. Es ist ein wenig wie der Versuch, ein historisch gewachsenes Medium auf industriellen Standard herunterzubrechen. Ähnlich wie die DIN-Schrift – als typisch deutsche Erfindung. Beim Bauhaus ging es aber neben der Technik und Zweckmäßigkeit auch um Ästhetik. Und das macht die Schriften einzigartig.

          Das Interview führte Christiane Zimmer

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