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Kursstürze und Abwertungen : Asiens Krise ist keine neue Asien-Krise

Krise oder nicht? Schlechte Wirtschaftswerte belasten die internationalen Finanzmärkte. Bild: AFP

Schon geht die Furcht vor einer Asien-Krise wie 1997 wieder um. Doch sind die Staaten heute besser gewappnet als vor 17 Jahren. Die neue Krise ist anders.

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          Vor 17 Jahren standen die Hausfrauen unter den Brücken am Chao Praya in Bangkok und verkauften ihre Chanel-Handtaschen. Damit versuchten sie ein paar hundert Dollar zu erzielen, um zu helfen, die Schulden ihrer Männer zurückzuzahlen. Es war der Tiefpunkt der Asien-Krise. Thailand, Indonesien, Malaysia, aber auch Taiwan und das Finanzzentrum Hongkong waren in den Strudel von Misswirtschaft, Devisenschulden, Abwertungen geraten. Der Preis war hoch, und die Länder Südostasiens brauchten Jahre und Chinas Aufschwung, um sich zu erholen. Nun erlebt das Schlagwort seinen zweiten Frühling: Eine abermalige „Asien-Krise“ scheint zu drohen. „Die Lage erinnert an die Vorboten der Asien-Krise“, warnt etwa Albert Edwards, Anlagestratege der französischen Bank Société Générale. „Das Trauma von 1997 sitzt tief“, konstatiert Frederic Neumann, Asien-Ökonom bei der Bank HSBC.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Neumann sprach schon vor zwei Jahren vom „Dämon Asien-Krise“, den die Region so gern vergessen würde. Besonders erschreckend sind die Verluste der Außenwerte einiger südostasiatischer Währungen: Die indonesische Rupiah hat in drei Monaten 8 Prozent ihres Wertes gegenüber dem Dollar abgegeben, der malaysische Ringgit notiert unterhalb seines Wertes von 1998. Also wird in Malaysia wieder über Kapitalverkehrskontrollen diskutiert - 1998 hatte das Land sie gegen den Rat des Internationalen Währungsfonds eingeführt.

          Das Polster ist dieses Mal größer

          Die damalige Krise nahm ihren Lauf von Thailand aus. Die starken Verluste des Baht führten dazu, dass das Königreich seine Dollarschulden nicht mehr zahlen konnte. Wie ein Lauffeuer zog die Krise die Nachbarländer hinab: Sie alle hatten weit über ihre Verhältnisse gelebt. Das Kartenhaus stürzte zusammen. Die Folgen beschäftigten Südostasien über Jahre. Genau das macht nun Hoffnung. Denn die Krise, die nun von China ihren Lauf zu nehmen scheint, trifft auf andere Voraussetzungen in Südostasien. 1998 waren Vetternwirtschaft und Korruption, Währungsspekulationen, Überschuldung, eine kaum vorhandene Bankenaufsicht und auf der Weltbühne unerfahrene, aber über Jahre hofierten Politiker die Auslöser.

          Seitdem hat sich manches geändert. Sicher überborden Korruption und Vetternwirtschaft besonders in Malaysia und Indonesien weiter. Doch sehen drei grundlegende Vorgaben nun anders aus: Die meisten Länder der Region haben ganz wesentlich höhere Dollarreserven angehäuft. So stützt Malaysia seit Monaten seine Währung und sitzt dennoch immer noch auf mehr als 90 Milliarden Dollar Reserven. Die meisten Länder der Region verzeichnen - anders als 1997 - Überschüsse in der Leistungsbilanz. 1995 etwa wies Malaysia ein Minus von 10 Prozent seiner Wirtschaftsleistung aus, heute liegt der Überschuss bei 7 Prozent. Thailand verbuchte damals minus 8 und hat heute noch ein Plus von 3,5 Prozent.

          Und letztlich liegen die Schulden etwa gerade in Thailand zwar hoch. Doch sind sie dieses Mal vor allem in lokaler Währung aufgenommen. Das heißt, sie müssen nicht über Nacht mit einem steigenden Dollar verzinst oder zurückgezahlt werden. Das Polster ist einfach größer: Lag das Verhältnis von kurzfristigen Schulden zu Währungsreserven in Südkorea während der Asien-Krise bei gut 300 Prozent, sind es heute 30 Prozent. Indonesien, Südostasiens größte Volkswirtschaft, kam damals auf 190 Prozent und meldet heute einen Wert von 50 Prozent. Auch bleibt der Export für Ostasien wichtig. Doch wächst der Binnenkonsum rasch - in Südostasien macht er nun schon ein Viertel der gesamten Nachfrage aus.

          Es bleiben Risiken

          „Das alles macht eine Asien-Krise wesentlich unwahrscheinlicher“, sagt Neumann. Auch haben die Länder seit 1998 eine engere Vernetzung aufgebaut mit einem größeren Schutzschirm, der auch von den großen Nachbarn Japan und China mit ihren immensen Geschäftsinteressen in Südostasien getragen wird. „Zwischen 1997 und heute liegen Welten“, sagt denn auch Richard Jerram, Chefvolkswirt der Bank of Singapore. „Die Region ist im Ganzen viel stabiler als damals, hat Devisenüberschüsse und ist weniger verletzlich bei Dollarschulden.“

          Die Börsen in Asien erlebten einen schwarzen Montag und rauschten in die Tiefe

          Allerdings bleiben Risiken, wenn auch andere als 1997: Die Militärregierungen in Thailand und Burma sind wirtschaftlich unerfahren, in Malaysia steht die Regierung am Abgrund, in Indonesien agiert der neue Präsident vor allem protektiv. Das erhöht das Risiko von Fehlentscheidungen. Der niedrige Zins hat durchaus auch zu einer Zunahme der Dollar-Verschuldung geführt: Lag sie für die hundert größten Unternehmen Südostasiens 2011 noch bei 16 Prozent, beträgt der Anteil inzwischen schon wieder gut 30 Prozent. Viel gefährlicher aber erscheint das Wachstumsproblem Asiens: Die Gesellschaften überaltern, die Produktivität aber steigt kaum, der Wohlstand wird nicht gerechter verteilt. Das wird umso schwerer, wenn der wichtige Handelspartner China langsamer wächst.

          Südostasien muss seine Ressourcen schonen, den heimischen Konsum anheizen, die Abhängigkeit von China verringern und eine Antwort auf die Mittelschichtsfalle finden. Die Politiker müssen heute Antworten auf Strukturprobleme finden und diese gesellschaftlich durchsetzen. Das wird von Tag zu Tag schwerer, und zugleich drängender. Die nächste Krise wird, wenn sie kommt, andere Voraussetzungen haben als 1997.

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