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Zum Tod von Walter Schmidinger : Der närrische Prinz Vogelfrei

  • -Aktualisiert am

Schmidinger als alter König in Büchners „Leonce und Lena“ am Berliner Ensemble Bild: picture-alliance / ZB

Lektionen in wahrem Empfinden: Der Schauspieler Walter Schmidinger, eine der großen Figuren der deutschen Bühne, ist im Alter von achtzig Jahren gestorben.

          Einmal spielte er im Wiener Burgtheater den Ersten Schauspieler im „Hamlet“, den Anführer der Truppe, die dem Dänenprinzen mit der „Mausefalle“ gefällig ist, einem Stück, in dem der Mord an Hamlets Vater durch den König, Hamlets Onkel, nachgespielt wird. Ein Regietheater-Coup, den Shakespeare inszeniert. Wie aber Schmidinger, der ausgewiesene Verächter des Regietheaters, zuvor dem jungen Prinzen kurz eine Lektion in wahrem Empfinden, in wirklichem, nicht nur inszeniertem Schmerz, in wirklich gefühlter Todespein und tollwütigem Schrecken und Erschrecken gab, als er die Rede des Äneas an Dido zitiert, in der dieser vom Untergang Trojas und vom blutigen finalen Gemetzel berichtet – da ereignete sich noch im Zitat des Zitats die Erschütterung eines Menschen, der doch nur eine Maske trägt, aber die Maskenhülle plötzlich als Gesichtshaut spürt.

          Er war auf der Bühne in heiligem Eifer getroffen von dem, worum es allein ging. Und es ging ihn – bis hin zur Erschöpfung und manchmal auch bis hin zur Psychiatrie – immer direkt, ganz körperlich etwas an. Als er 2007 in Berlin bei Peter Steins „Wallenstein“-Inszenierung den Prolog sprach, „der scherzenden, der ernsten Maske Spiel“ beschwor, dies in ein dunkles Nichts hinein mit bebender Stimme stemmte, abgelesen von einem Notenständer an der Rampe – da war Walter Schmidinger im ganz Eigenen. In seinem Reich des Alles oder Nichts.

          Seinen wunderbar lesbaren Arbeits-, Bühnen- und Lebenserinnerungen und -gedanken gab er den Titel „Angst vor dem Glück“. Und der erste Satz darin ist Programm: „Wenn ich ins Theater gehe, hoffe ich immer, dass ich etwas sehe, was ich noch nie gesehen habe.“ Wenn er mitspielte, wurde das Programm zur Person: Schmidinger war in jedem Augenblick neu. Er konnte bekennen, dass er sich nur deshalb zur Frau hätte „umoperieren“ lassen wollen, um die Mascha in Tschechows „Möwe“, eine der unglücklichsten von allen Tschechowschen unglücklich Verliebten, zu spielen. Und er hätte sich, wäre er in solche Geschlechterhöhen hinaufgelangt, höchst königlich, will sagen schmidingerlich bewährt. Neu und gierig.

          Walter Schmidinger 1933 - 2013

          Um ihn lauerten die ernsteren, erschütternden Sphären, aber auch die grotesken, komischen, revoltierenden, patzigen, wie Spott- und Hohneiterbeulen aufplatzenden Gelegenheiten, wenn er sich in seiner Hoheit sozusagen vor sich selber duckte, nur um loszulegen und um sich zu schlagen, böse zu sein und zu verletzen – aber gleichzeitig um Liebe förmlich zu betteln. Seit seinen Linzer Kindertagen hat er sich ins Theater fortgesehnt, um es im Leben aushalten zu können, aus dem seine Mutter ins Wasser ging. Sein Widerspruchsraum. Seine Lebensschmerzwelt. Zwischen tiefster Demut und hochfahrendster Revolte.

          Als den ganz jungen Düsseldorfer Anfänger ein offenbar etwas haltloser Rezensent mit der Lobhudelei bedachte, seit dem großen Stanislawski sei keiner mehr so in eine Rolle eingedrungen wie dieser Schmidinger, „wurde ich“, bekannte er später, „sofort größenwahnsinnig und benahm mich wie ein Schwein.“

          Der einsamste Mann

          Er konnte vor einer Helene Thimig, einem Werner Krauss, einem Karl-Heinz Stroux, einem Kortner, einem Peter Stein, einem Ingmar Bergman, einem Zadek seine berühmten tiefen Bücklinge machen. Aber er hat vor Regiefürstenthronen auch legendär revoltiert, Rollen mit Aplomb hingeschmissen, Probenkräche und Wutanfälle inszeniert, Attacken geritten, ist türenschlagend davongerauscht. Als er in Walter Felsensteins Münchner „Wallenstein“-Inszenierung 1972 einen schwedischen Feldhauptmann spielte, setzte sich der Wallenstein Ernst Schröder ins Parkett und beschwerte sich beim Regisseur, dass dieser ihm versichert habe, er, Schröder, sei doch der einzige wirklich Einsame in dieser Inszenierung, „aber der Schmidinger ist ja noch viel einsamer als ich“. Darauf Felsenstein: Ja, aber beim Schmidinger habe er das nicht inszenieren müssen.

          Auch von eher mittelmäßigen oder flauen Inszenierungen bleibt er: eine Erinnerung. Als Zauberkönig in den „Geschichten aus dem Wiener Wald“ (Berlin, 1992). Als Richard II. (Berlin, 1987) in einer unsäglichen Inszenierung im Schillertheater. Ein eitler, in sein Spiegelbild verliebter Laffe. Als Cyprian, eine Art Puck, 1984 in Peter Steins erden- und mythenschwerer Schaubühneninszenierung des „Parks“ von Botho Strauß, als degoutierter Diener Richard in der Berliner Uraufführung der „Elisabeth II.“ (1989) von Thomas Bernhard, wo er als grimassierender Rollstuhlschieber hinter seinem schwerbehinderten Herrn den wahren Behinderten groß ausstellte.

          Er hat als Dekorateur und Verkäufer in einem Linzer Tuchwarengeschäft begonnen (und spielte später in Luc Bondys legendärer Münchner Inszenierung von Edward Bonds „See“ einen wundersam verrückten, in jedem Gestrandeten einen Außerirdischen suchenden Tuchhändler), wechselte schnell ans Wiener Reinhardt-Seminar, kam über das Theater in der Josefstadt nach Bonn, Düsseldorf, München, Hamburg, wieder nach München und von dort nach Berlin, wo er nach dem Schillertheater-Debakel im Deutschen Theater und später dann im Berliner Ensemble Unterschlupf und in den kunstgewerblich steil-starr glänzenden Inszenierungen Bob Wilsons sein schräges, nur in Masken virtuos gebändigtes Auskommen fand.

          Überall aber schien er das Glück eines Prinzen Vogelfrei zu suchen, der sich zwar wahnwitzig in den Theaterkäfig hineinsehnte, aber an den Gittern und Stangen des Käfigs sich oft ebenso wahnwitzig wundrieb. Jetzt ist Walter Schmidinger im Alter von achtzig Jahren in Berlin gestorben.

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