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Zum Tod von Mariss Jansons : Er kannte die Bedeutung jeder Note

  • -Aktualisiert am

Überwältigungskünstler: Mariss Jansons Bild: AFP

Größe aus Disziplin und Leidenschaft: Es brauchte die völlige Erschöpfung, den Zusammenbruch, um ihn aufzuhalten. Zum Tod von Mariss Jansons, dem Weltstar unter den Dirigenten.

          3 Min.

          Wenn wir ehrlich sind: Es war schon seit langem eine Zitterpartie. Die Gesundheit von Mariss Jansons war seit Jahren schwer angeschlagen, sein Herz machte ihm größte Schwierigkeiten. Immer wieder musste Jansons, seit sechzehn Jahren der Chefdirigent des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks, Konzerte absagen, um sich in ärztliche Behandlung zu begeben. So auch in den letzten Wochen: Auf einer Tournee seines Orchesters in New York konnte er wieder nicht weiter, ein anderer Dirigent musste übernehmen, um ein Konzert in der Carnegie Hall nicht ausfallen zu lassen. Nun kam die Nachricht: Am Sonntag ist Jansons, sechs Wochen vor seinem 77. Geburtstag, in seinem Wohnort St. Petersburg gestorben.

          Mariss Jansons war einer der großen Dirigenten unserer Zeit, ein wirklicher Star. Von 2004 bis 2015 war er Chef des BR-Symphonieorchesters und des Concertgebouw Orkest Amsterdam zugleich, die Wiener Philharmoniker liebten ihn und hatten ihn regelmäßig zu Gast. Er war Ehrenmitglied der Wiener und Berliner Philharmoniker, Träger des Ernst von Siemens-Musikpreises. Seine Arbeit, seine Kunst stand ihm über allem im Leben. Es brauchte wirklich die völlige Erschöpfung, den Zusammenbruch, um ihn aufzuhalten. Denn eine ganz wesentliche Eigenschaft des 1943 im lettischen Riga Geborenen war die Disziplin. Ihr verdankte die Musikwelt zahllose Höhepunkte der musikalischen Interpretation.

          So gerecht wie nur möglich

          Eine weitere Eigenschaft war Kontinuität. Jansons verzettelte sich nicht mit Gastdirigaten, er hielt sein Repertoire konzentriert. Eines seiner zentralen Anliegen war es, der Musik so gerecht zu werden wie nur möglich. Seine Konzerte waren nie das Ergebnis von genialischer Eingebung und Attitüde, sondern von genauestem Partiturstudium und penibler Vorbereitung in den Proben. Man kann sich in der Mediathek des Bayerischen Fernsehens Jansons bei der Probenarbeit an Beethovens dritter Sinfonie ansehen. Da steht ein Mann vor dem Orchester, der mit der Partitur und den Noten eins geworden zu sein schien. Einer, der nicht nur jede Note kannte, sondern sich auch über ihre Stellung, ihren Zusammenhang und ihre Bedeutung fundamentale Gedanken gemacht hatte.

          Mit welcher Passion, mit welcher Geduld, auch mit welcher Hartnäckigkeit er das seinen Musikerinnen und Musikern erklärte, das war einzigartig und brachte ihm ungeteilten Respekt der Orchester ein. Das wussten auch die extrem wählerischen und kritischen Wiener Philharmoniker zu schätzen. Dreimal luden sie Jansons ein, das Neujahrskonzert zu dirigieren; von den Dutzenden von Abonnementskonzerten im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins, von Tourneen nach Asien und in die Vereinigten Staaten nicht zu reden.

          Seine strikte, ohne Kompromisse gewissenhafte Haltung der Musik gegenüber, die hatte Mariss Jansons von zu Hause mitbekommen. Er war der Sohn des Dirigenten Arvids Jansons, seine Mutter war Sängerin. 1956 kam Mariss Jansons nach Leningrad und studierte am dortigen Konservatorium Violine, Klavier und Dirigieren; 1969 ging er nach Wien und setzte sein Dirigierstudium beim berühmten Pädagogen Hans Swarowsky und bei Herbert von Karajan fort. 1979 wurde er zum Chef der Osloer Philharmoniker ernannt. Er blieb dort bis 2000. Von 1997 bis 2003 war er Chefdirigent des Pittsburgh Symphony, seither Chefdirigent des Symphonieorchesters und des Chores des Bayerischen Rundfunks.

          Brahms, Schostakowitsch, Mahler

          Auf dieser Kontinuität, diesem Willen, dran zu bleiben, baute er auch sein Repertoire auf. Von Anfang an gab es klare Schwerpunkte. Brahms, Schostakowitsch, Mahler, Strauss, später Beethoven und Haydn. Es war seine besondere Gabe, die Musik im Detail zu durchdringen und sie zugleich in ihrer Größe zu erfassen.

          Sternstunden mit Jansons – die gewiss sehr viel von seinen Kräften aufzehrten – waren die Aufführungen der ganz großen Stücke der klassischen Musik: Mahlers zweite und achte Sinfonien, die Gurre-Lieder von Schönberg, die Sinfonien von Schostakowitsch, das War Requiem von Britten. Hier hatte sein singuläres Talent die ganz große Bühne, Musikermassen zu einzigartigen Höchstleistungen an Klangwucht und Feingliedrigkeit gleichzeitig zu führen. Immer gab Jansons bei aller Kunst der Überwältigung zu erleben, wie planvoll große Komponisten zu Werke gehen. So war er einer der ganz wenigen, die Rachmaninoffs Monumentalkomposition „Die Glocken“ aufs Programm setzten, eine Bühne und Klangraum bis zum Rand ausfüllende Gewalttat für Solisten, Chor und Orchester, der man bei weniger subtilen Dirigenten auf seinem Platz ausgeliefert gewesen wäre wie der Strandurlauber einem Tsunami. Bei Jansons hingegen war es wie ein geleitetes Eintauchen in eine fremde Welt der Klangwunder, schillernd, verlockend, schier unerschöpflich in der Vielfalt und Farbigkeit der Reize.

          Solche Wunder aus Überwältigung und Einsicht zu wirken, das konnte Mariss Jansons, das war seine Meisterschaft, dafür hatte er sein ganzes Leben lang gearbeitet, und dafür verehrten ihn seine Zuhörer und die Musiker. Wie sehr er dafür seine Kräfte ausbeutete, seine Gesundheit missachtete, das war schon seit langem bekannt.

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