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Zum Tod von Edmund S. Morgan : Puritaner, Sklaverei und Freiheit

Brillanter Entzauberer: Edmund S. Morgan Bild: Michael Marsland/Yale University

Subtilität mit enormer Wucht verbunden: Das Werk des Historikers Edmund S.Morgan setzt hinter den englischen, dann amerikanischen Republikanismus drei Fragezeichen. Ein Nachruf.

          4 Min.

          Ein Kapitel in Edmund S. Morgans Biographie von Ezra Stiles, dem Geistlichen, der während des amerikanischen Unabhängigkeitskampfes Präsident der Universität Yale war, behandelt die Bücher, die der hochgelehrte Mann nicht geschrieben hatte. Unter den Gegenständen waren die Temperaturen in Amerika, die Sitten der Indianer, die Dimensionen des Universums, Bevölkerungs- und Kirchengeschichte, das Volk Israel und die Seidenraupe. Dem Biographen Edmund S. Morgans, des Historikers, der seit 1955 in Yale unterrichtete, bieten die 23 Bücher, die er zwischen 1944 und 2009 veröffentlichte, Stoff genug. Mit Forschungen zur Kirchengeschichte fing Morgan an. Seine Doktorarbeit behandelte die „puritanische Familie“ - zu einem Zeitpunkt, als die Geschichte der Familie allenfalls ein Thema für Soziologen und Anthropologen, aber nicht für Historiker war.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Edmund S. Morgan war der Sohn von Edmund M. Morgan, dem Dekan der Harvard Law School, der den Redaktionsausschuss für das Militärstrafgesetzbuch der Vereinigten Staaten leitete. Die väterlichen Vorfahren waren walisische Bergleute. Felix Frankfurter, später Richter am Obersten Gerichtshof, ein Freund des Vaters, riet dem Harvard-Studenten, ein Jahr an der London School of Economics zu verbringen. Dort hörte er Bronislaw Malinowski und Karl Mannheim. Am meisten beeindruckte ihn der Wirtschaftshistoriker R. H. Tawney. Kurz vor dem Münchner Abkommen besuchte er Deutschland.

          Der ideale Leser ist klüger als der Autor

          Morgans Lehrer in Harvard war Perry Miller, der in Studien über den neuenglischen Geist die Mentalitätsgeschichte als strenge Wissenschaft begründete, indem er die puritanische Gebrauchsliteratur mit der Gründlichkeit interpretierte, die bis dahin Shakespeare oder Platon vorbehalten gewesen war. Wie Miller war Morgan Atheist. Ihn faszinierte an den Puritanern, dass sie Ideen hatten und das ganze Leben an diesen Ideen ausrichten wollten. In seinem Nachruf auf den früh verstorbenen Lehrer äußerte Morgan sein Bedauern darüber, dass nur Spezialisten, die dieselben Quellen gelesen hätten, die Subtilität von Millers Interpretationen wirklich beurteilen könnten. Seine eigenen Bücher sprachen immer auch ein Publikum jenseits der Kollegen an.

          Die meisten luden schon durch ihre Kürze zur Lektüre ein. Gerade der knappe Umfang ist bei diesem Verfasser allerdings ein Zeichen der Wissenschaftlichkeit. Morgan schrieb Problemgeschichte. Er kombinierte Fallstudien und Spekulationen, die dichte Erzählung und den hypothetischen Abriss. Der Form der Bücher sieht man an, dass sie Antworten auf Fragen geben sollen, auf die der Autor beim Quellenstudium gestoßen war. Seinen Doktoranden riet er, sie sollten sich den Leser als unwissendes Genie vorstellen: klüger als der Autor, aber ohne irgendwelche mitgebrachten Kenntnisse.

          Die Geburt des amerikanischen Republikanismus...

          Den Puritanern schrieb der junge Morgan ein Stammesdenken zu. Sie seien nicht als Missionare in die neue Welt gekommen. Nicht einmal um die Bekehrung ihrer Bediensteten hätten sie sich gekümmert, da sie sich nur für die Weitergabe der Gnade in der eigenen Familie interessiert hätten. Morgans Werk ist selbst längst Gegenstand ideengeschichtlicher Interpretation. Man hat seine Darstellung der Abkehr der Puritaner von einem Purismus, der ihr Aussterben bedeutet hätte, aus dem Zeitgeist des Kalten Krieges gedeutet: als Warnung eines Liberalen an die Intellektuellen, sich nicht dem Traum vom Ideenhimmel auf Erden hinzugeben.

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