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Zum Tod von Doris Lessing : Wozu wir fähig sind

Schreiben aus der reichen Erfahrung des zwanzigsten Jahrhunderts: Doris Lessing Bild: AFP

Doris Lessing dachte Postkolonialismus, Feminismus und der Zukunft voraus und bekam als älteste Schriftstellerin den Literaturnobelpreis. Jetzt ist sie im Alter von 94 Jahren gestorben.

          4 Min.

          Im Jahr 1971 korrigierte eine der berühmtesten Schriftstellerinnen der Welt die Rezeption ihres berühmtesten Romans. Im neuen Vorwort zu „Das goldene Notizbuch“, das erstmals 1962 erschienen war und sofort als erzählerisches Manifest des Feminismus gefeiert wurde, schrieb Doris Lessing, das Zentralthema des Buches sei bislang gar nicht wahrgenommen worden. Dieses Thema sei der Zusammenbruch – „dass es manchmal, wenn Leute ‚zusammenklappen’, ein Weg der Selbstheilung ist, ein Weg des inneren Selbst, falsche Dichotomien und Einteilungen abzustoßen“. Es ist, in einen Satz gefasst, die Lebenserfahrung Doris Lessings, die in „Das goldene Notizbuch“ steckt.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Und was war das für ein Leben, auch schon in den ersten kaum mehr als vierzig Jahren bis zur Publikation dieses Romans, der sie sofort in die vorderste Reihe der zeitgenössischen Literatur katapultierte. Doris Lessing, geborene Taylor, kam 1919 in Persien zur Welt, als Tochter eines kriegsversehrten Offiziers und einer Krankenschwester. Ihr Vater war nach seiner Verwundung als Bankdirektor in persische Dienste getreten, allerdings in einer britisch dominierten Kreditanstalt. Mit solchen Gründungen versuchte man, das nunmehr bröckelnde Empire noch einmal zusammenzuhalten. Die Mission scheiterte, und die Eltern zogen 1924 nach Rhodesien um.

          Hier wuchs Doris Taylor auf, hier heiratete sie zweimal, beim zweiten Mal den deutschen Emigranten Gottfried Lessing, der als jüdischer Kommunist den Nationalsozialisten entkommen war; nach der schnellen Scheidung behielt sie Kind und Nachname. Im Jahr 1949 zog sie nach London, mittlerweile war das Empire weitgehend zerbrochen.

          Doris Lessing, aufgenommen 1995
          Doris Lessing, aufgenommen 1995 : Bild: © Sophie Bassouls/Sygma/Corbis

          In der britischen Hauptstadt erschien im nächsten Jahr ihr Debüt „Afrikanische Tragödie“ (im Original „The Grass is Singing“), ein Roman, der geprägt ist von den eigenen Erfahrungen mit Kolonialherrschaft und Rassismus in Rhodesien. Mit einer knappen Zeitungsmeldung beginnt alles, sie berichtet von der Ermordung einer weißen Farmersfrau, fortan erzählt das Buch dieser Nachricht hinterher. In Großbritannien fand der Text große Beachtung als eine der ersten Stimmen einer Literatur, die später Postkolonialismus genannt werden würde, in Deutschland erschien er erst dreißig Jahre später.

          Diese verspätete Resonanz außerhalb von Doris Lessings englischer Heimat gilt für alle ihre Bücher, zunächst auch für Amerika, und deutsche Leser lernten sie gar erst im Gefolge der gesellschaftlichen Veränderungen Ende der sechziger Jahre kennen, als auch die Frauenbewegung erstarkte. Selbst „Das goldene Notizbuch“ kam erst in den siebziger Jahren auf Deutsch heraus, und noch länger – drei Jahrzehnte – brauchte ihre fünfteilige Romanserie „Children of Violence“, die 1952 im Original mit „Martha Quest“ begann, ehe sie übersetzt wurde.

          So wurde Doris Lessing hierzulande gar nicht mehr als die Kommunistin wahrgenommen, die sie am Anfang ihrer literarischen Karriere war – bis der Einmarsch sowjetischer Truppen in Ungarn sie zum Verlassen der Partei bewegte. Dieses zeitbedingte Manko erleichterte ihre Rezeption. Weder gab es Widerstand von konservativer Seite gegen die ehemalige Kommunistin, noch von linker gegen die Renegatin. Es blendete aber auch einen entscheidenden Teil ihrer Intentionen aus.

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