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Zum Tod Karl Otmar von Aretins : Die alte Freiheit

  • -Aktualisiert am

Otmar von Aretin (1923 - 2014) Bild: picture-alliance / dpa

Ein leidenschaftlicher Historiker, der zeitgeschichtliche Erfahrungen in seine Forschungen zur Geschichte der Frühen Neuzeit einfließen ließ: Zum Tod von Karl Otmar von Aretin.

          2 Min.

          Wer 1923 geboren und Historiker wurde, musste, wenn er sich für die jüngste Vergangenheit brennend interessierte, nicht Zeitgeschichte studieren. In einem seiner ganz wenigen autobiographischen Texte hat Karl Otmar Freiherr von Aretin berichtet, dass sein Weg zur Geschichte eng mit dem Schicksal seines Vaters zusammenhänge. Denn der hatte als Redakteur der „Münchner Neuesten Nachrichten“ Hitler schon lange vor 1933 bekämpft, saß von März 1933 an 14 lange Monate im KZ Dachau und lebte anschließend in Verbannung. Man kann ergänzen, dass sein Schwiegervater, Henning von Tresckow, zu den aktivsten Verschwörern zählte und dafür nach dem 20.Juli 1944 mit dem Leben büßte.

          Wer solches aus der Nähe erfährt, für den hat das Fach Geschichte einen prinzipiell kritischen und erzieherischen Auftrag. In Zeitung, Rundfunk und Fernsehen hat ihn von Aretin jahrelang erfüllt. So wurde Eugen Kogon auf ihn aufmerksam und betrieb seine Berufung an die Technische Hochschule Darmstadt, wo bis dahin als einziger Historiker der ewig-gestrige Hellmuth Rössler lehrte.

          Ein Historiker des Alten Reichs

          Kurioserweise musste von Aretin erst vom hessischen Kultusminister Schütte überzeugt werden, dass er für einen zeitgeschichtlichen Lehrstuhl geeignet sei. Seiner eigenen Wahrnehmung nach hatte er Zeitgeschichte bislang „nur“ als Journalist und als Herausgeber der Erinnerungen seines Vaters betrieben – was ihm Prozesse mit Oskar von Hindenburg und Franz von Papen einhandelte sowie den Unwillen von Franz Josef Strauß. Letzteres verhinderte später eine Berufung nach München. Mit Kogon rettete er die Zeitschrift „Neue Politische Literatur“, eines der maßgeblichen Rezensionsorgane für die jüngste Vergangenheit.

          Im Grunde seines Herzens war von Aretin aber Historiker des Alten Reichs, wie das vierbändige, sein Forscherleben bilanzierendes Alterswerk heißt, in dem er die gut 150 Jahre zwischen Westfälischem Frieden und Untergang des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation im Jahre 1806 meisterlich abhandelte. Es ist nicht übertrieben festzustellen, dass die nach 1945 erfolgte Aufwertung dieser so lange vernachlässigte Epoche zu erheblichen Teilen auf sein Konto geht.

          Entstaubte Geschichte der Frühen Neuzeit

          Als er 1946 in München mit dem Studium begann, war das vollkommen anders. Von seinem Lehrer Franz Schnabel fand er weder in dieser noch in anderer Hinsicht Förderung, im Gegenteil. Schnabel versuchte alles, um ihn an einer akademischen Karriere zu hindern. Unbeirrt arbeitete sich von Aretin zu seinem Lebensthema vor. In seiner Göttinger Habilitationsschrift verarbeitete er offenkundig seine zeitgeschichtliche Erfahrung. Es ist dort nämlich die Rede von mangelnder Verfassungstreue, unfähigen Kabinetten, Großmachtstreben und Teilungspolitik. Mit diesen Kategorien entstaubte er die Geschichte der Frühen Neuzeit und präsentierte sie lebendig im Hinblick darauf, was Größe und Versagen von Monarchen, Ministern und Diplomaten für die Summe deutscher Geschichte bedeutet haben.

          Diese Summe ist eine in föderaler Organisation aufgehobene Rechtsordnung, die weder Despotie noch Hegemonie erlaubte oder vertrug und die von Napoleon dank verantwortungsloser, wie es bei von Aretin immer wieder heißt, Vorarbeit der letzten habsburgischen und preußischen Monarchen zerstört worden ist.

          Von Aretin war auch fast drei Jahrzehnte lang Direktor des Mainzer Instituts für Europäische Geschichte und hat in dieser Funktion alles getan, um die vom Kalten Krieg verursachten Blockaden des wissenschaftlichen Austauschs zu unterlaufen. Die Universität Posen hat ihm zum Dank schon 1984 als erstem Deutschen nach 1945 den Ehrendoktor verliehen. Jetzt ist Karl Otmar von Aretin im Alter von 91 Jahren gestorben. Die Geschichtswissenschaft verliert mit ihm einen leidenschaftlichen Historiker, der bis ganz zuletzt geforscht und veröffentlicht hat.

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