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Zum Tod von Thomas Elsaesser : Geschichte und Theorie in eigener Regie

  • -Aktualisiert am

Thomas Elsaesser beim Internationalen Filmfestival in Busan (2010) Bild: Picture-Alliance

Das Kino als Zeitbild haben wenige so genau gesehen wie Thomas Elsaesser. Nun ist der große Chronist und Deuter der Arbeit von Regisseuren wie Douglas Sirk und Rainer Werner Fassbinder gestorben.

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          Lange Zeit gab es zum Kino der Weimarer Zeit ein großes Buch: Siegfried Kracauers „Von Caligari zu Hitler“, 1943 im amerikanischen Exil zunächst auf Englisch erschienen. Mehr als ein halbes Jahrhundert später schrieb ein weiterer Exilant, allerdings ein freiwilliger, mit „Das Weimarer Kino: Aufgeklärt und doppelbödig“ das zweite große Buch zu dieser produktivsten Phase deutscher Filmgeschichte: Thomas Elsaesser, der lange Jahre in England gelebt hatte und zum Zeitpunkt des Erscheinens des Bandes 1999 in Amsterdam lehrte.

          Elsaesser gehört zu den Gründerfiguren der Filmwissenschaft. 1973, mit gerade dreißig Jahren, legte er mit „Tales of Sound and Fury“ einen langen Aufsatz zum amerikanischen Melodram der 1950er Jahre vor, der den Ausgangspunkt der akademischen Nobilitierung eines weiteren Exilanten bildete, des Regisseurs Douglas Sirk, und zugleich eines der Forschungsfelder begründete, mit dem sich die Filmwissenschaft als Fach zu etablieren vermochte.

          Standarttexte für filmwissenschaftliche Kurse

          Es folgten Elsaessers nach wie vor maßgeblichen Arbeiten zum bedeutendsten deutschen Regisseur der zweiten Jahrhunderthälfte, Rainer Werner Fassbinder (darunter die Monographie „Fassbinder’s Germany,1996; deutsch 2001), mehrere Bücher zum Hollywood-Kino und zum frühen Kino vor 1915, sowie immer wieder auch Texte und Bücher zu anderen großen Figuren des Films in Deutschland, namentlich zu Alexander Kluge und Harun Farocki. Seine gemeinsam mit Malte Hagener verfasste Einführung in die Filmtheorie, zunächst in Hamburg 2007 auf Deutsch erschienen und mittlerweile in alle großen Sprachen übersetzt, ist mittlerweile ein Standardtext in filmwissenschaftlichen Einführungskursen rund um den Globus.  

          Seine akademische Laufbahn begann Thomas Elsaesser nach einigen Jahren als Filmkritiker in London an der University of East Anglia in Norwich, wo er die Filmwissenschaft aus der Literaturwissenschaft heraus etablierte und öfter gemeinsam mit damals noch unbekannten W.G. Sebald lehrte.

          Zu Beginn der 1990er Jahre wechselte er an die Universität Amsterdam, wo er um seine Professur herum sukzessive eines der größten film- und medienwissenschaftlichen Institute in Europa aufbaute. In der Lehre und mit großen Forschungsprojekten wie „Cinema/Media Europe“ (2001-2005) leistet er einen wichtigen Beitrag zur Ausbildung der nächsten Generation des Fachs. Elsaessers Schülerinnen und Schüler prägen die Filmwissenschaft heute in Großbritannien, Deutschland, den Niederlanden, den USA, aber auch in der Türkei und Indien.

          Den Architekten zum Großvater

          Mit Frankfurt verband den in Berlin geborenen Weltbürger Thomas Elsaesser seine Familiengeschichte und sein Einsatz für den Erhalt des Werks seines Großvaters, des Architekten Martin Elsaesser, der zusammen mit Ernst May das Neue Frankfurt der 1920er Jahre prägte. Gemeinsam mit seinem Cousin und seiner Schwester erstritt Elsaesser vor Gericht gegen die Bauherrschaft der Europäischen Zentralbank den Erhalt der Großmarkthalle, neben dem Palmengarten das Hauptwerk seines Großvaters. Die von ihm mit ins Leben gerufene Martin Elsaesser-Stiftung wurde 2015 in Würdigung ihrer Verdienste ins Goldene Buch der Stadt Frankfurt eingetragen.

          Am Donnerstag letzter Woche weilte Elsaesser in Frankfurt um in der Aula der Städelschule eine Tagung zur Filmtheorie in Frankreich und Europa nach 1968 mit einer Keynote zu eröffnen. Es sollte der letzte in einer langen Reihe solcher Vorträge sein. Am vergangenen Mittwoch ist Thomas Elsaesser völlig überraschend auf einer Gastprofessur in Peking verstorben.

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