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Erstwähler : Diese Wahl ist ein Ausrufezeichen

Das erste Mal: Die Frankfurter Jungwähler Moritz und Sophie Bild: Maximilian von Lachner

Sie sind jung, sie saßen das letzte Jahr überwiegend zuhause – und sie wurden mit Angela Merkel groß: 2,8 Millionen Deutsche dürfen am 26. September erstmals ihre Stimme abgeben. Hier sprechen zwei von ihnen.

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          Bis zuletzt hatten Sophie und Moritz nicht geglaubt, dass ihr Abiball stattfinden würde. Zu heftig wurde ihr Jahrgang in den vergangenen anderthalb Jahren von der Pandemie gebeutelt. Ihre Abschlussjahre verbrachten die beiden mehr oder weniger im Ausnahmezustand, Sophie erkrankte noch dazu an ihrem achtzehnten Geburtstag an Covid-19. Der Corona-Ausbruch und die Folgen stellt besonders für diese Generation einen Einschnitt dar, von dem sich auch die beiden ehemaligen Schüler eines humanistischen Gymnasiums in Frankfurt längst nicht erholt haben. Dass überdies „wahnsinnig viel zusammenkommt in diesem Jahr“, wie Sophie in einem Dreiergespräch über das Erwachsenwerden erzählt, hat für die junge Frau fast schon etwas Bedrückendes.

          Sandra Kegel
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Der Eindruck trügt nicht, bündelt sich doch just in diesem Lebensabschnitt so viel Neues: Volljährig zu werden, die Schule zu verlassen und über die eigene Zukunft nachzudenken kann einen durchaus ins Grübeln bringen. Für die Achtzehnjährigen kommt hinzu, dass sie erstmals bei einer Bundestagswahl ihre Stimme abgeben dürfen. Die staatsbürgerliche Aufgabe nehmen sie verblüffend ernst. Jetzt, da die Wahl kurz bevorsteht, ist das ihr dringlichstes Thema: Wen wähle ich? Und auf welcher Grundlage treffe ich meine Entscheidung?

          Der Druck, es richtig zu machen

          Sie verspüre einen Druck, „ja eine regelrechte Angst, es richtig zu machen“, beschreibt Sophie ihre momentane Verfasstheit. Aus Gesprächen mit anderen wisse sie allerdings, dass es vielen in ihrem Alter so gehe. Von politischem Desinteresse der Jugend, wie dies zuletzt bei der Wahl 2017 auffiel, kann dieses Mal keine Rede zu sein. Im Gegenteil. „Unsere Generation ist extrem politisiert“, glaubt auch Moritz, der nach sechzehn Merkel-Jahren das Land vor einem Wendepunkt sieht: „Jetzt kommt es darauf an, denn jetzt haben wir es in der Hand. Wir entscheiden am 26. September, welchen Weg wir als Land, als Gesellschaft einschlagen werden.“ Wichtiger kann man einen Wahltag kaum nehmen.

          Etwa 60,4 Millionen Deutsche dürfen den zwanzigsten Deutschen Bundestag bestimmen. Das sind aufgrund demografischer Entwicklungen weniger als 2017, und deshalb werden auch weniger unter Dreißigjährige wählen können, während es mehr Wahlberechtigte aus der sogenannten Boomer-Generation gibt als vor vier Jahren. Die etwa 2,8 Millionen Erstwähler wie Moritz und Sophie machen nur etwa 4,6 Prozent der Wählerschaft aus. Dass die beiden Frankfurter Debütanten ihre Vorbereitungen mit umso mehr Akribie betreiben, wenn sie Wahlprogramme lesen, sich stärker als sonst in Zeitungen und auf Websites informieren oder den Wahlomaten befragen, als wollten sie damit an Gewicht zulegen, wird im Gespräch schnell deutlich.

          Politisch sozialisiert wurden sie, wie beide erzählen, eher in der Schule als im Elternhaus, was die Forschung schon länger weiß, derzufolge der sogenannte Traditionstransfer, also die politische Orientierung der Kinder nach ihren Eltern, merklich nachgelassen hat. Vor allem im „PoWi“-Unterricht hätten sie die programmatischen Ausrichtungen der jeweiligen Parteien analysiert, berichten Moritz und Sophie. Und stellen nun fest, dass anders als bei diesem eher akademischen Zugriff der Praxistest ihnen vor allem Kompromisse und Zugeständnisse abverlangt. Denn die Festlegung auf eine Partei heißt im Zweifel auch, Programmteile zu bestätigen, die womöglich quer zur eigenen Überzeugung stehen.

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