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Wulff als Doku-Drama : Das Problem ist immer die Kommunikation

Auch der Protokollchef (Ingo Hülsmann, links) weiß für Bettina (Anja Kling) und Christian Wulff (Kai Wiesinger) keinen rechten Rat. Bild: © SAT.1/ Stefan Erhard

Sat.1 setzt Christian Wulffs Geschichte in Szene. An dem Dokudrama „Der Rücktritt“ von Thomas Schadt werden sich die Geister scheiden. Der Presse gibt der Sender schon sechs Wochen vor dem Sendetermin einen Einblick.

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          Die ersten Bilder sind bekannt. Bettina und Christian Wulff im Blitzlichtgewitter. Die zweite Szene schon nicht mehr. „Das Staatstragende nicht vergessen“, sagt die Fotografin. Und Kai Wiesinger, der den ehemaligen Bundespräsidenten spielt, blickt entsprechend in die Kamera. Dann ist Schluss. „Die Kanzlerin ruft an“, sagt die Pressesprecherin. Da muss der Präsident natürlich ran. Es herrscht Aufbruchstimmung.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Doch die hält nicht lange vor. Eben noch sagt Wulff den vielbeachteten Satz, auch der Islam gehöre zu Deutschland, da befinden wir uns im Büro des „Bild“-Redakteurs Martin Heidemanns. Er recherchiert mit seinem Kollegen Nikolaus Harbusch zu dem Kredit, den Wulff für sein Privathaus aufgenommen hat. Woher der wohl komme? Er kommt, wie wir inzwischen alle wissen, von der Unternehmerfamilie Geerkens. Das scheint auf den ersten Blick unproblematisch, doch da es von Beginn an Ungereimtheiten gibt - zunächst war von einem Bankkredit die Rede gewesen -, ist das Misstrauen des Journalisten nicht zerstreut. Die Geschichte geht weiter und fällt Wulff auf die Füße, als er gerade auf Staatsbesuch in Qatar ist. Es folgt die berühmte Nachricht auf der Mailbox des „Bild“-Chefredakteurs Kai Diekmann, in der von Krieg und dem Rubikon die Rede ist, der nun überschritten sei.

          Die Luft wird dünner, das Band zwischen dem Bundespräsidenten und seinem Sprecher und Vertrauten Olaf Glaeseker (Holger Kunkel) brüchiger. Glaeseker will mit dem ganzen Kontext raus, Wulff setzt auf die Salamitaktik. Sein Bürochef Lothar Hagebölling (René Schoenenberger) ringt angesichts des Infernos um Fassung, die Bettina Wulff (Anja Kling) schließlich verliert - allerdings nur hinter den Kulissen. Bei jedem offiziellen Auftritt wird gelächelt. Doch man sieht den zwischen die Spielszenen geschnittenen Nachrichtenbildern an, wie sehr sich die Wulffs zusammenreißen müssen.

          Sie füllen ihre Rolle aus: Anja Kling und Christian Wulff
          Sie füllen ihre Rolle aus: Anja Kling und Christian Wulff : Bild: © SAT.1/ Stefan Erhard

          Schließlich hat Glaeseker selbst ein Problem - es geht um private Reisen mit und zu dem Manager, der den Nord-Süd-Dialog der Bundesländer Baden-Württemberg und Niedersachsen organisiert hat. Was er seinem Chef eben noch sagte, kann er sich nun selbst hinter die Ohren schreiben: „Das Problem ist die Kommunikation.“ Immer nur auf Anstoß von außen mit neuen Details um die Ecke zu biegen sehe nach „Reue wider Willen“ aus. Wenig später bekommt Glaeseker seine Papiere. Ein abschließendes Gespräch mit dem Bundespräsidenten gibt es nicht.

          Doch das wirklich dicke Ende kommt ja erst noch. Achtundsechzig Tage - das ist der Zeitraum, den der Regisseur und gelernte Dokumentarist Thomas Schadt für seinen Film „Der Rücktritt“ gewählt hat. Es beginnt am 12. Dezember 2011 mit der Kreditgeschichte, die tags darauf in der „Bild“ steht, und endet mit dem Rücktritt Christian Wulffs vom Amt des Bundespräsidenten am 17. Februar 2012. Knapp zwei Jahre ist das her - offenbar zu knapp, als dass sich ein öffentlich-rechtlicher Sender an das Stück getraut hätte. Geradezu als tagesaktueller Kommentar kann einem der Film erscheinen, da der Prozess gegen Christian Wulff vor dem Landgericht Hannover vor dem Ende zu stehen scheint. Die Geschichte ist in der Realität noch nicht zu Ende, mit einem Roll- und Comebackversuch von Wulff darf man rechnen, je nachdem, wie das Gerichtsverfahren ausgeht. Sat.1 hat den Mut, mit dem Film mitten ins Geschehen hineinzugehen.

          Drama der Introspektion

          Und man muss sagen, dass Thomas Schadt, der das Drehbuch gemeinsam mit dem „Spiegel“-Journalisten Jan Fleischhauer geschrieben hat und sich bei der Faktendarstellung auch auf das Buch „Affäre Wulff“ von Martin Heidemanns (der bei der Pressevorführung im Saal saß und kein Wort sagte) und Nikolaus Harbusch stützt, dies mit ziemlicher Finesse unternimmt. Was die Presse geschrieben hat, wissen wir, was im Bundespräsidialamt in diesen 68 Tagen vor sich ging, lässt sich nicht auf Punkt und Komma darlegen. Es ist eine auf Recherchen und Hintergrundgesprächen fußende Interpretation, die Anja Kling und Kai Wiesinger in einer Weise in Szene setzen, dass man bald vergisst, dass sie nicht diejenigen sind, die sie spielen. Von einem fiktionalen Stück erwartet man so etwas allemal, in einem Dokudrama aber zeigt sich die hohe Kunst des Spiels in besonderer Weise, wenn einem das gesamte Szenario aus einem Guss erscheint. Der Regisseur Schadt und der Produzent Nico Hofmann halten große Stücke auf die Darsteller (auch auf diejenigen in den tragenden Nebenrollen), und das mit Recht.

          Auf ein Drama der Introspektion habe er es angelegt, sagte der Regisseur Schadt schon bei den Dreharbeiten, und ein solches ist ihm gelungen. Und bei allem Pathos, das die gespielten Szenen der im Präsidialamt förmlich Eingeschlossenen transportieren und das in der einen oder anderen Interviewäußerung der Beteiligten anklingt: Ein klares Gut und Böse, eine Schuldzuweisung gibt es nicht. Man kann herauslesen, wenn man will, dass die Presse an allem „schuld“ sei, man kann aber auch denken, dass Christian Wulff zu Recht an sich selbst im Amt des Bundespräsidenten gescheitert sei. Das war schon immer die Qualität des Dokumentaristen Schadt - man kann und soll sich seinen Teil denken.

          Sie sollten sich darauf einstellen, „dass morgen gegebenenfalls mit einem Rücktritt des Bundespräsidenten zu rechnen“ sei, sagt Kai Wiesinger alias Christian Wulff schließlich. Später wird um jedes einzelne Wort der Rücktrittserklärung gerungen. Die wir im Original kennen und wiedersehen. Zu dem, was davor geschah, liefert dieser Film einen sehr diskussionswürdigen Beitrag.

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